Harder, Better, Faster, Stronger

Harder, Better, Faster, Stronger

Der Mensch ist eine Baustelle. Seine Möglichkeiten zur Verbesserung sind im Zeitalter der modernen Wissenschaft schier grenzenlos. Doch woher kommt der Drang, ständig über sich hinaus wachsen zu wollen? Ein Essay.

Wenn der Energy Drink nicht mehr kickt und die Abschlussprüfung immer näher rückt, greift mancher Student gerne zu härteren Mitteln: Adderall und Ritalin, die kleinen Schwestern von Speed, sollen den Geist beflügeln. Mögliche Nebenwirkungen werden dabei in Kauf genommen. Hirndoping ist unter deutschen Studenten verbreitet. Das zeigt eine Studie der Universität Mainz. Jeder Fünfte nimmt zumindest phasenweise leistungssteigernde Substanzen.

Die Hemmschwelle sinkt, auch außerhalb des Hörsaals. Um den nächsten Marathon in Rekordzeit zu laufen – oder sich nicht nach Atem ringend zu blamieren – schlucken viele Hobby-Sportler Pillen und spritzen sich verbotene Mittel. Das Robert-Koch-Institut hat 2011 herausgefunden, dass in den damals mehr als 6.000 Fitnessstudios in Deutschland fast ein Viertel aller Männer dopte.

Unsere Götzen heißen Effizienz und Selbststeigerung

Menschen werden zu Maschinen. Auf Leistung getrimmt, gehen sie in den Wettstreit. Im Sport bestimmt die Rangliste den Erfolg, an der Uni machen Credit Points die Denkleistung vergleich- und messbar. Und in der freien Wirtschaft gilt ohnehin der Kampf „jeder gegen jeden“. Die Götzen, denen wir uns im Konkurrenztrieb unterzuordnen haben, heißen Effizienz und grenzenlose Selbststeigerung.

„Work it! Make it! Do it!” Das französische Elektro-Duo Daft Punk lässt in seinem Song „Harder, Better, Faster, Stronger“ die verzückten Massen zum Sound der Optimierung tanzen. Im Musikvideo bauen Maschinen galaktische Musiker. Die Disco-Parolen werden durch Weltalloptik in die Zukunft verschoben.

Dabei sind diese Ideen Teil unseres Alltags, seit protestantische Arbeitsethik und Kapitalismus die Welt in Beschlag genommen haben – befeuert vom Geist der Aufklärung. Der allmächtigen Vernunft und ihrem Wissensdrang sind keine Grenzen gesetzt. Friedrich Nietzsche entlarvte dieses bedingungslose Bekenntnis zur Rationalität als einen neuen Glauben, den er zum Vorschein kommen sah; einen Platzhalter für eine leere Stelle, die der moderne Mensch in den Himmel gerissen hat.

Der Gedanke des grenzenlosen Wachstums stößt überall an seine Grenzen

Dessen machttrunkener Geist konnte es nicht ertragen, einen Nebenbuhler zu haben. Gott musste sterben. Wie genau das passiert ist – Nietzsche löst das Rätsel nie ganz auf. Eines aber sagt er mit aller Deutlichkeit: „Dies Gefühl, das Mächtigste und Heiligste, was die Welt bisher besaß, getötet zu haben, wird noch über die Menschen kommen, es ist ein ungeheures neues Gefühl!“ Und es kam über uns. Zügellos haben wir uns die Erde Untertan gemacht.

Doch die Verheißungen der Moderne bröckeln: Den Mars haben wir nicht besiedelt, der Glaube an saubere Energie aus Atommeilern ist dahin und die Weltformel kriegen wir auch nicht auf die Reihe. Der Gedanke des grenzenlosen Wachstums stößt überall an seine Grenzen. Trotzig zwanghaft weicht der vernunftbefeuerte Geist auf die letzte Bastion aus, die er noch seinem Willen unterwerfen kann: sich selbst – und seinen Untertan, den Körper.

Immer weiter, lautet das Credo. Der moderne Mensch will das Optimum erreichen. Er ist selbst Gott geworden, schrieb Sigmund Freud vor dem Zweiten Weltkrieg: „Eine Art Prothesengott, recht großartig wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen.“ Eine Gewissheit mit geringer Halbwertszeit.

Cyborgs, Mischwesen aus Mensch und Maschine, sind längst Realität. Weil mancher mit seinen angeborenen Fähigkeiten unzufrieden ist, implantiert er sich Nachtsichthilfen, Hörcomputer und Datenchips. Körper und Gehirn verschmelzen mit Steuerungstechnik; technische Eingriffe erweitern gezielt den eigenen Organismus. Mit Hilfe von Biotechnologie und Gentechnik entwerfen Forscher den Menschen der Zukunft: intelligenter, gesünder und stärker.

Prescht einer vor, muss der andere nachziehen

Früher waren es die Götter, in die wir unsere Ideale gegossen haben; heute ist es der Blick nach vorne. Unersättlich streben wir nach Vollkommenheit, ohne zu wissen, wohin uns dieses Streben führt. Härter, besser, schneller, stärker – die Komparative geben die Richtung vor. Die bloße Steigerung wird zum Wert an sich, zum Selbstzweck. Das ist die Antwort des modernen Menschen auf die Herausforderungen seiner Zeit.

Ich designe die Zukunft nach meinen kühnsten Fantasien, sagt der entfesselte Selbstoptimierer. Der Blick nach vorne kann so optimistisch sein wie im klinischen Kosmos von Star Trek. In den Episoden aus den 1980ern konnte der blinde Geordie La Forge, mit seinem VISOR ausgestattet, wieder sehen. Im selben Jahrzehnt zeichnete das japanische Manga-Epos „Ghost in the Shell“ eine düstere Dystopie. Die Protagonistin ist eine State-of-the-Art-Cyborg. Nur noch ihr Gehirn ist menschlich. Per Direktdraht in die Synapsen hackt sie sich ins Netz und verschmilzt mit der virtuellen Welt, bis zur Selbstauflösung.

Und das in einem kapitalistischen System mit seinem Gedanken der unbedingten und permanenten Profitsteigerung, der alle Lebensbereiche erfasst. Im Spiel der grenzenlosen Optimierung bleibt dem Einzelnen oft keine Wahl: Prescht einer vor und verschafft sich einen Vorteil – indem er dopt oder sich zur Maschine ausbaut – muss der andere nachziehen, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Aus dem optimierten Selbst wird schnell das „erschöpfte Selbst“, wie der französische Soziologe Alain Ehrenberg es nennt. Es ist gezeichnet von Burnout und Depression.

Wir müssen uns an unsere Umwelt anpassen, um zu überleben. Das ist nichts Neues. Der Mensch ist ein lernfähiger Trottel, „das nicht festgestellte Tier“, wie Nietzsche sagte. Er kann von Geburt an nichts, aber er kann alles lernen. Wachstum ist tief in uns verankert. Der Drang, besser werden zu wollen, ist nichts Verwerfliches.

Doch die Welt des alles durchleuchtenden Rationalismus mit ihrer auf Effizienz getrimmten Ideologie überfordert uns. Sie setzt uns Ziele, die wir nicht erreichen können. Wie der Esel, der einer Karotte am Stock hinterher trabt, lechzen wir nach Perfektion. Das geht zu weit. Perfekt bedeutet „vollendet“. Das können wir nie sein. Es wäre an der Zeit, das zu akzeptieren.

Illustration. Julia Emslander