Hinterm Berg

Hinterm Berg

In der Toskana wollen Aussteiger zurück in die Zeit vor der Industrialisierung. Zwischen Lehmhütten und Kräutergärten suchen sie ein besseres Leben. Eine Reise zum Volk der Elfen.

Eine Führung durch Avalon beginnt immer gleich, an einer Holzstange, an der gut zehn Feldhacken hängen. „Wenn du Kacka machen musst, nimm dir eine, grab ein Loch und geh einfach irgendwo“, erklärt Layla. Die ehemalige Exportmanagerin lebt seit sechs Wochen in Avalon, ihr Businesskostüm hat die große Frau gegen ein braunes Leinenkleid und Holzketten getauscht. Layla deutet mit der Hacke auf den steilen Abhang kurz oberhalb einer Wäscheleine: „Ich geh immer da. Aber eigentlich ist es egal, man kann überall gehen.“ Sie überlegt kurz, ihre dunklen Augen flackern: „Naja, vielleicht nicht im Gemüsegarten.“

Avalon ist nicht die Insel aus der Artus-Sage, sondern ein von Aussteigern so getaufter Ort in der Toskana. Er liegt in der Provinz Pistoia, versteckt auf einem Hügel zwischen Oliven- und Walnussbäumen. Dort steht ein verfallenes Haus, umringt von mehreren Lehmhütten. Wilde Hunde streunen durch hohes Gras.

Wer hierher kommt, hat keine Lust mehr auf ein strikt geregeltes mitteleuropäisches Leben, auf feste Arbeit oder Wohnen in der Stadt. Jeder, der sich so von der Welt abwenden will, wird in Avalon herzlich aufgenommen und umarmt. Die dreißig Dorfbewohner, die sich selbst wegen ihrer Naturverbundenheit Elfen nennen, fragen den Reisenden in mindestens fünf Sprachen, woher er kommt und wie lange er bleiben will. Und ob es ihm eventuell ernst ist – die Sache mit dem „Elf werden“.

Das optimale Leben stellen die Elfen sich schlicht vor

Seit mehr als 30 Jahren praktizieren die Elfen ihre Version einer Mikrogesellschaft. Sie haben sich ganz der Rückkehr zur Natur verschrieben. Das optimale Leben stellen sie sich schlicht vor: ohne Ausbeutung der Umwelt, ohne Profitgier, ohne Industrie und Kapital. Weil heute kaum mehr jemand ohne diese Einflüsse aufwächst, wird die Gesellschaft in den Augen der Elfen immer schlechter. Sie meiden deshalb fast alles Moderne, um ein einfaches Landleben zu führen und sich möglichst autark zu versorgen. Clara, die seit sieben Jahren bei den Elfen lebt, zitiert ihr gemeinsames Motto: „We change ourselves to change the world.“ Sie selbst arbeitet schon seit Jahrzehnten an sich und ihrer Bindung zu Mutter Natur – ein Prozess, den sie „aufmachen“ nennt. Doch erst seit sie sich zu den Elfen zurückgezogen hat, ist sie ganz mit sich im Reinen: „Jetzt geht es mir endlich gut.“

Im Jahr 2013 ist der radikale Rückzug von der Zivilisation gar nicht so einfach, erst recht nicht in einer beliebten Urlaubsregion wie der Toskana. Die Elfen von Avalon haben Nachbarn. Gegenüber wohnt eine ältere deutsche Dame, deren azurblauer Swimming-Pool ins Dorf herüberfunkelt. Auf dem Hügel oberhalb des Elfendorfs hat sich ein reicher Schweizer einen Palazzo bauen lassen. Die Fensterläden dort sind aber meistens zu. „Wirklich abgeschieden sind wir nur in den Bergen“, sagt Clara. Einige Kilometer entfernt gibt es nämlich noch 250 weitere Elfen, die verlassene Bauernhäuser im Appenin besiedelt haben. Sie leben angeblich noch viel karger als ihre Kollegen in Avalon. „Wir haben hier sogar Strom und fließendes Wasser“, sagt Clara, „also echten Luxus.“

Der Luxus ist ein viel diskutiertes Problem in Avalon. Jeder Elf hat eine andere Vorstellung, wie viel davon legitim ist. Davide, ein großer, schlaksiger Theaterwissenschaftler mit hohlen Wangen, regt sich schon über den Rasenmäher auf, mit dem die Elfen seit einiger Zeit die Olivenhaine pflegen. Es gäbe schließlich auch eine Sense. So mancher Elf telefoniert aber auch heimlich mit einem äußerst modernen Smartphone. Ab und zu werden Ladekabel an den Steckdosen der Gemeinschaftsküche vergessen.

Drogen sind unerwünscht – zumindest „weitgehend“

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In Avalon ist Landwirtschaft noch traditionell

Marco sieht die Situation nicht ganz so eng. Er ist kein dauerhafter Elf, hält sich aber seit Jahrzehnten oft in ihrer Gemeinschaft auf. Für Marco ist immer ein Bett im Schlafsaal frei, in dem die Elfen Besucher unterbringen.

Davides Protesten zum Trotz repariert er in aller Seelenruhe den Rasenmäher. „Nicht die Zündkerze“, brummt er, „muss der Ölfilter sein.“ Während Marcos schlohweißer Pferdeschwanz auf und ab wippt und er mit seinen knochigen Händen den Ölfilter ausbaut, verschwindet Davide schimpfend im Garten.

Marco grinst ein verschmitztes Großvatergrinsen, das seinen einzigen Zahn sehen lässt. Obwohl er auf seine selbstgedrehten Pueblo-Zigaretten nicht einmal beim Ölfilterwechsel verzichten will, sagt er, dass er von Drogen nicht viel halte. Früher soll es in Avalon noch echte Exzesse gegeben haben. Jetzt sei das anders, sagt Marco: „Alkohol und Haschisch sind weitgehend verboten. Wir trinken ab und zu eine Flasche Wein zusammen, aber nur, wenn es für alle in Ordnung ist.“

Weitgehend verboten? „Naja. Wir sagen, was einer in seinen Privaträumen macht, ist seine Sache.“ Marco stockt kurz. „Oder er geht dafür auf das Nachbargrundstück. Aber an den Gemeinschaftsorten wollen wir das nicht.“ Er widmet sich wieder dem Rasenmäher. Hinter seinem schmalen, gebeugten Rücken läuft ein etwa 20-jähriger Elf vorbei, der etwas raucht, das wie eine ganze Cannabis-Plantage riecht.

Im „Hexenzimmer“ trocknet Clara, die Medizinfrau, Kräuter

Clara kennt die wilden Geschichten von früher auch. „Es gibt natürlich immer noch Leute hier, die Drogen nehmen; um sich zu öffnen, um frei zu sein. Aber das macht nicht frei. Das ist letzten Endes nur eine Abhängigkeit.“ Clara muss es wissen. Sie hat in Triest Pharmazie studiert und anschließend lange in diversen Berliner Apotheken gearbeitet. Irgendwann hat sie der Schulmedizin den Rücken gekehrt. „Weil ich mit klassischer Pharmazie nichts Gutes tue.“ Seitdem ist ihr Lieblingsthema die Geburt. „Eine Mutter sollte am besten allein gebären“, sagt sie. „Jede weitere Person stört nur.“ Und: „Wenn ich an Krankenhäuser denke, muss ich weinen. Diese Kälte, schon bei der Geburt: Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.“

In Avalon hat Clara seit sieben Jahren das Amt der Medizinfrau inne. Werdenden Müttern rät sie, sich in ihre Hütten im Wald zurückzuziehen, sobald die Wehen einsetzen. Im „Hexenzimmer“ des Dorfs trocknet sie Kräuter und setzt Öle an. Mit ihnen behandeln die Bewohner ihre Wehwehchen – wie beispielsweise den Keuchhusten, den Kinder wie Erwachsene seit Monaten haben. Zum Arzt geht ein echter Elf nur in absoluten Notfällen. Lieber wendet er sich an eine Heilkundige wie Clara.

Ein verwahrlostes Grundstück, gekauft mit dem Erbe des Vaters

„Ich war seit dreißig Jahren nicht beim Arzt“, sagt Mario Cecchi, wenn man ihn nach seiner Haltung zur Medizin fragt. Er ist der einzige Elf mit einem offiziellen Nachnamen. Das hat einen Grund: Zusammen mit drei Freunden hat er das Volk der Elfen vor mehr als dreißig Jahren gegründet. Obwohl die Elfen eigentlich keine Hierarchie haben, ist Cecchi zumindest in Avalon die absolute Autorität, der Ur-Elf, der Über-Elf. Früher traf er die meisten Entscheidungen des Dorfs im Alleingang. Heute überlässt er das dem Circolo, einer Versammlung aller dauerhaften Elfen. Stattdessen erzählt er lieber stundenlang in nuschelndem Genueser Dialekt, wie er als kleiner Junge seine Liebe zum Land entdeckte und mit Anfang 20 in seine erste Kommune zog – irgendwo im Piemont. „Es waren wilde Zeiten“, sagt er, berichtet von freier Liebe und nackten Menschen. Irgendwann wurde es ihm zu viel nackte Haut und zu wenig Arbeit: „Keiner war vom Landleben so begeistert wie ich.“

Cecchi besetzte mit seinen Freunden verlassene Häuser in den Bergen um Pistoia. Fast zwanzig Jahre hat er dort verbracht, bevor er durch Zufall auf das verwahrloste Grundstück aufmerksam wurde, auf dem sich heute Avalon befindet. Er kaufte es vom Erbe seines Vaters, siedelte irgendwann von den Bergen nach Avalon über: „Es ist wirklich bequemer hier.“

Das Volk der Elfen breitet sich weltweit aus

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Eine Schule gibt es in Avalon, Schulpflicht aber nicht

Wenn er den Blick über sein Anwesen schweifen lässt, sieht Cecchi ein bisschen aus wie Yoda aus Star Wars, nur mit Bart. Er hat ein einnehmendes Wesen, kluge Augen und drängt niemandem seine Sicht der Dinge auf.

Doch nach einem dieser sehr ruhigen, langsamen Gespräche mit ihm, die fast schon Audienz-Charakter haben, sind Neuankömmlinge oft versucht, ihm einfach alles zu glauben. Dann fallen Sätze wie: „Er ist ein beeindruckender Mann“, „Er ist ein Vorbild“, „Alle sollten so sein wie Mario.“

Die neuen Elfen erkennt man daran, dass sie noch Unterwäsche unter ihren dünnen Leinenkleidern tragen. Jeder von ihnen macht schnell Bekanntschaft mit Mario. Ja, man habe mit ihm gesprochen. Unglaubliche Persönlichkeit.

Trotzdem ist Avalon für manche von ihnen nur eine weitere Station – zwischen jugoslawischem Bürgerkrieg, Familie in Kolumbienund Arbeit als Erntehelferin in der Schweiz. Die Frau mit diesem Lebenslauf heißt Aneta und weiß nicht, wie lange sie bleiben möchte: „Vielleicht ein paar Monate.“

Spätberufene Elfen haben oft beachtliche Karrieren hinter sich, so Gerüchte

Dass die Elfen entgegen westlicher Konvention keinen Wert auf Schulbildung legen, ist ihr und ihrer sechsjährigen Tochter Mariana nur recht. Wohin sie auch geht, Aneta nimmt ihre Tochter einfach mit. Oder will sie übergangsweise bei ihrer eigenen Mutter in Serbien unterbringen. Dass Mariana eigentlich nur Spanisch spricht, macht ihr keine Sorgen.

Es sind ihre Kinder, auf die die erwachsenen Elfen alle Hoffnungen setzen. Das älteste Elfenkind ist mittlerweile 28 Jahre alt, das jüngste erst wenige Tage. Werden die Elfen nach den Berufen der Kinder gefragt, schweigen sie oder schütteln die Köpfe. Dann erklären sie, dass ihre Kinder durch die Welt reisen, Festivals organisieren oder bei großen Veranstaltungen Pizza backen.

Marco, der endlich den Rasenmäher wieder zum Laufen gebracht hat, sagt: „Sie sind in Brasilien, in ganz Lateinamerika, eigentlich überall auf der Welt. Sie kaufen Land, um ähnliche Projekte wie Avalon aufzubauen.“ Woher das Geld für die Landkäufe stammt, darüber schweigt er; darüber schweigen hier alle. Es gibt aber Gerüchte, dass gerade spätberufene Elfen oft schon beachtliche Karrieren hinter sich haben. Entsprechenden Verdienst inklusive. Teresa, die Frau von Technik-Skeptiker Davide, hat sich unterdessen in ihr gemeinsames Zelt im Wald zurückgezogen. Sie ist hochschwanger, das Kind hat sich bereits gesenkt. „Dauert nicht mehr lange“, sagt Clara. Dann wird ein neuer Elf geboren.

Fotos und Audioslideshow. Christina Metallinos