Machen To-do-Listen glücklich?

kolumne

Ja

Während andere Menschen schlafen, feiern meine Synapsen nachts lieber noch eine Party. Auf einer nicht enden wollenden Gedankenautobahn in meinem Kopf lassen sie in Wortfetzen vorbeirasen, was ich am nächsten Tag zu erledigen habe: Autoversicherung bezahlen, Friseurtermin, Kaffeetrinken mit der Freundin, die ich schon vor einer
Woche treffen wollte.

In meinem mitternächtlichen Wahn weiß ich, dass ich irgendetwas davon bis zum nächsten Morgen vergessen werde. Also steige ich Nacht für Nacht aus meinem vorgewärmten Bett, stakse barfuß zum Schreibtisch und beginne auf meinem gelben Post-it-Block die To-do-Liste für morgen. So geht das seit Jahren, und seit ich das mache, sind mir sicher etliche Peinlichkeiten und verpasste Termine
erspart geblieben.

Ich habe mich mit den gelben Zetteln richtig gut angefreundet. Ich mag sie. Sie nehmen mir die Angespanntheit, all die Dinge im Kopf zu behalten, die ich noch tun muss. Und ja, sie machen mich glücklich. Denn für jeden Listenpunkt, den ich abhake, gönnt sich mein Gehirn eine große Portion Dopamin, frisch aus dem Belohnungszentrum. Diese Ausschüttung holen sich die Einen durch anhaltenden Drogenkonsum und ich durch das Abarbeiten meiner To-do-Liste. Das ist billiger und gesünder.

Mein Geld verdiene ich nicht, indem ich einen Acker pflüge, Brot backe oder ein Haus baue. Erst die abgehakten Punkte auf dem gelben Klebezettel zeigen mir, was ich geschafft habe. Wie sollte ich das ohne meine Liste sehen? Ich müsste wohl 20 geschriebene Mails ausdrucken, jedes Telefonat auf einer separaten Kassette aufnehmen und ein Foto von mir und der getroffenen Freundin nebst leergetrunkener Kaffeetasse dazulegen. Und könnte gleich wieder anfangen, alles aufzuräumen.

Zugegeben, ich hatte anfangs auch Angst, dass irgendwann nicht mehr ich die Liste, sondern die Liste mich beherrschen könnte. Inzwischen ist mir das egal, bis auf einen Punkt: Dopamin macht zwar glücklich, meine Füße wärmt es nicht. Der Block kommt jetzt auf den Nachttisch. Wenn erst einmal alles auf der neuen Liste steht, geben meine Synapsen endlich Ruhe. Einschlafen? Abgehakt.

Das Monster liegt vor mir, es glotzt mich an. Ich habe es selbst geschaffen, habe seine Fratze aus Wörtern selbst gezeichnet, auf post-it-gelbem Grund. Am grässlichsten ist es ganz oben, im Stirnbereich, wenn man so will. Dort steht: „Steuererklärung“. Dahinter erstrecken sich fünf Ausrufungszeichen, jedes steht für eine
verstrichene Woche. Kein Haken, nirgends. Das macht nicht glücklich, das nervt.

Friseurtermin und Kaffeetrinken? Könnte man sich eigentlich auch merken, statt das Gedächtnis auszulagern. Aber geschenkt: Das sind kleine Sachen, die man sowieso und im Zweifel sogar gerne macht. Aber der innere Schweinehund lässt sich mit der Liste nicht überlisten. Da gibt sie mir nur das trügerische Gefühl von Sicherheit, sie sagt mir, was zu tun wäre: morgen, übermorgen, wann auch immer. Und dann, wenn die Zeit knapp wird, schlägt sie zu, in ihrer autoritären Art. Wie jetzt mit der Steuererklärung. Ich frage mich, warum ich sie nicht gleich gemacht habe. Ganz einfach, weil aufschreiben viel leichter ist.

Ja, Abhaken ist schön. Manchmal ist es auch ein großer Selbstbetrug. Neulich hat mir ein Freund erzählt, dass ihn das Abhaken der Listenpunkte glücklich mache. Was ihm weniger Glück bereitet: Steuererklärung ausfüllen, Seminararbeit schreiben, über passende Weihnachtsgeschenke nachdenken. Deshalb hat er einen Trick gefunden. Er schreibt einfach jeden Blödsinn auf seine Liste: Einkaufen gehen, Müll runterbringen, solche Sachen. So hakt er ab und hakt ab und hakt ab und traut dem Gefühl, er hätte etwas geleistet. Der Freund sieht meist recht glücklich aus, das Dopamin scheint ihm zu Kopf gestiegen zu sein.

Nun sitze ich am Schreibtisch, das Monster glotzt, ich glotze zurück und spüre plötzlich einen Druck auf der Blase. Ich zögere nur kurz, dann greife ich zum Stift und ergänze die Fratze um drei Buchstaben: K-L-O. Wie glücklich ich gleich sein werde, denke ich mir, stehe auf und gehe in Richtung Bad. Dann kehre ich um und streiche die drei Buchstaben wieder durch. Die Simulation von Glück? So weit kommt’s noch.

Illustration. Julia Emslander