"Meine Waage hat Wi-Fi"

„Meine Waage hat Wi-Fi“

Keine Sekunde vergeuden: Florian Schumacher will seinen Alltag möglichst effizient gestalten und misst deshalb sein Verhalten. Im Interview erzählt  der Gründer von Quantified Self Deutschland, wieso wir unserer Erinnerung nicht trauen können und wie Technik uns dabei hilft, besser zu werden.

EGO. Sie sind Self-Tracker, erfassen und dokumentieren also Ihr Verhalten mit Messgeräten. Wozu?

FLORIAN SCHUMACHER. Es geht mir zuerst um die Erkenntnis über mich selbst. Die Daten liefern eine Einsicht, die ich mit einer subjektiven Selbsteinschätzung nicht bekomme. Werde ich gefragt, wie gesund ich innerhalb der letzten zwei Monate gegessen habe, weiß ich vielleicht noch von der Pizza letzte Woche. Aber insgesamt ist das für mich schwer zu beurteilen. Wir können uns nicht so gut an Vergangenes erinnern. Manche sagen, das sei eine Sache der Intuition. Wir Self-Tracker glauben: Man muss das aufzeichnen, präziser machen.

Nur mitzuzählen, wie viele Pizzen ich gegessen habe, hat aber keine Wirkung.

Nein. Die Daten nützen nur jemandem, der eine Veränderung oder Erkenntnis anstrebt, und will, dass am Ende der Messreihe ein bestimmtes Resultat steht. Messen ist eine Möglichkeit, unsere mentale Schwäche zu übergehen. Nur wer ein Ziel hat und seinen Weg dorthin nachvollziehbar macht, kann dem Zufall ein Schnippchen schlagen. Ein Sportler interessiert sich für seine Laufzeiten, ein Mensch mit gesundheitlichen Problemen vielleicht eher für seinen Blutdruck.

Für welche Werte interessieren Sie sich selbst?

Ich habe eine Waage mit Wi-Fi-Anschluss. Die speichert das Gewicht in einer Datenbank. Über eine App verfolge ich die Entwicklung. Ich teste Schrittzähler und messe ab und zu meinen Blutdruck. Außerdem tracke ich meine Arbeitszeit. Ich habe eine Software, die aufzeichnet, welche Webseiten ich besuche und wie lange ich darauf unterwegs bin. Ziel ist es, in meiner Aufgabenplanung besser und realistischer zu werden. Ich habe auch mal einen Haltungssensor ausprobiert. Er vibriert, wenn man eine schlechte Körperhaltung hat und erinnert einen daran, sich gerade hinzusetzen.

Hört sich anstrengend an. 

Das ist einfach eine Eigenart von mir, dieses Managen und Kontrollieren. Beim Lernen habe ich mir immer schon einen Plan gemacht und überprüft, ob ich im richtigen Tempo vorankomme. Messen ist das Hilfsmittel, um in einer Art Selbstexperiment zu erkennen, ob man sich in die gewünschte Richtung entwickelt.

Und was haben Sie über sich herausgefunden?

2012 war ich 400 Stunden auf Facebook. Die hohe Stundenzahl hat mich schon gewundert. 2013 soll das weniger werden. Spannend war auch, meinen Schlaf zu tracken. Es hat sich gezeigt, dass ich mich selbst schlecht einschätze. Ich bin von sieben Stunden Schlaf pro Nacht ausgegangen. Es ist dann rausgekommen, dass es oft nur fünf oder sechs sind. Die Daten haben mir geholfen, mehr darauf zu achten.

Zur Person

Florian Schumacher ist Trendscout bei Wearable Technologies und Gründer von Quantified Self Deutschland. Er ist als Speaker, Autor und Produktmanager tätig und unterstützt Unternehmen dabei, Quantified Self Hard- und Software zu konzeptionieren und umzusetzen. Der Münchner bloggt auf Igrowdigital.

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Quantified Self

Nach dem Leitspruch „self knowledge through numbers“ will man mit Hilfe von Messdaten Erkenntnisse über sich selbst gewinnen. Digital-Unternehmer und Trendscout Florian Schumacher gründete die deutsche Gruppe von Quantified Self, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen.

Foto. Software & Support Media