Nur nichts liegen lassen

Nur nichts liegen lassen

Die Eisschnellläuferin Jenny Wolf hat zehnmal den Gesamtweltcup gewonnen, ist fünffache Weltmeisterin und hat mehrere Weltrekorde aufgestellt. Trotzdem quält sie sich regelmäßig beim Training, um ihre Leistung zu steigern. Dabei geht es Jenny Wolf nicht nur um Titel.

Verschiedene Rhythmen tönen durch die Eishalle von Inzell. Pop-Hits der vergangenen Jahrzehnte mischen sich mit metallischem Klacken. Gleichmäßig, kaum schneller als der Herzschlag. Es kommt von fünf Eisschnellläufern, die in einer Fünferreihe hintereinander ihre Runden auf der Eisbahn ziehen. Sie alle tragen schwarz-rote Einteiler mit der Aufschrift „GER“, an den Ärmeln drei Streifen: schwarz, rot, gelb.

Mit einem Klacken treffen die Kufen ihrer flachen Schlittschuhe aufs Eis. Unisono. Das gleiche Geräusch, der gleiche Anzug, ein ähnlicher Rhythmus. Eine Vierergruppe gleitet gebückt durch die Kurve, den linken Arm auf dem Rücken, der rechte schwingt wie ein Pendel hin und her. Von einer anderen Kurve der Eisbahn hört man dasselbe Klacken in einem anderen Tempo. Deutlich schneller. Das ist der Rhythmus von Jenny Wolf.

Wolf trainiert jeden Tag hart, später will sie nicht wehmütig auf verpasste Chancen zurückblicken

Fünfmalige Weltmeisterin, zehnmal den Gesamtweltcup gewonnen, unzählige Titel bei Deutschen Meisterschaften, dazu mehrere Weltrekorde – um auf dem Eis die Schnellste zu sein, trainiert Jenny Wolf ein- bis zweimal am Tag. Vormittags auf dem Eis oder im Kraftraum, nachmittags Laufen, Radfahren oder Kräftigungsübungen. Rund 30 Stunden pro Woche. Dazu Physiotherapie, Regeneration, gesunde Ernährung. Ein Leben, das sich dem Trainingsplan anpasst, nicht umgekehrt.

Vor anderthalb Jahren stand Wolf vor der Entscheidung, mit dem Training aufzuhören und ihre Karriere zu beenden, oder bis zu den olympischen Spielen in Sotschi weiterzumachen. Dass sie heute immer noch jeden Tag trainiert, hat vor allen Dingen einen Grund: Sie möchte später nicht das Gefühl haben, irgendetwas ausgelassen zu haben: „Was dabei rauskommt, ist eigentlich egal, weil du dir im Nachhinein nichts vorwerfen kannst und du als 50-Jährige sagen kannst, du hast da beim Eisschnelllaufen irgendwie nichts liegen gelassen.“

Im Profisport alles mitnehmen – für Jenny Wolf und viele andere Sportler eine emotionale Lebensversicherung. Für sie geht es nicht nur um Titel, Medaillen und Rekorde; für alle sichtbare Erfolge. Sondern vor allem um das Wissen, immer alles gegeben zu haben. Sich später nicht fragen zu müssen, ob doch noch mehr gegangen wäre.

Ihre Armbanduhr erinnert sie an ihr Ziel: Die Olympischen Winterspiele in Sotschi

Die Biathletin Magdalena Neuner beendete als zwölfmalige Weltmeisterin und zweimalige Olympiasiegerin mit 25 ihre Karriere. Birgit Fischer, mit acht Gold- und vier Silbermedaillen die bislang erfolgreichste Kanutin bei Olympischen Spielen, wollte als 50-Jährige noch einmal bei den Olympischen Spielen in London dabei sein, musste aber wegen gesundheitlicher Probleme auf einen Start beim Qualifikationsrennen verzichten. Zwei erfolgreiche Sportlerinnen, zwei Wege, mit dem eigenen Erfolg umzugehen. Zwischen diesen beiden
Extremen liegen viele Möglichkeiten. Doch irgendwann stellt sich jedem Spitzensportler die Frage, ob es sich noch lohnt, sich tagtäglich abzumühen, für die Aussicht auf Erfolg, das „Mehr“, das einen antreibt.

Für Jenny Wolf ist dieses Mehr der Olympiasieg. Vor vier Jahren schien er zum Greifen nah. Vier Jahre hintereinander hatte sie den Weltcup über die 100 Meter und die 500 Meter gewonnen. „Ich müsste eine Menge falsch machen, um nicht Gold zu holen“, sagte sie damals. Im Finale war die Südkoreanerin Lee Sang-hwa fünf Hundertstel schneller als sie. Die Silbermedaille fühlte sich wie eine Niederlage an.

Um ihr Handgelenk trägt Jenny Wolf eine gelbe Sportuhr. Unter der digitalen Zeitanzeige blinken die olympischen Ringe. Die Grafik hat Wolf selbst eingespeichert. Jede Minute wird sie an ihr Ziel erinnert: Olympia. „Das ist schon konkret im Kopf bei jeder Trainingseinheit. Ansonsten würde man da auch nicht noch die letzte Wiederholung machen oder noch ein bisschen tiefer in eine Position gehen.“ Ob sich das viele Training gelohnt hat, wird sich im Februar in Sotschi zeigen. Oder wenn Jenny Wolf in fünfzehn Jahren auf ihre Karriere zurückblickt.

Foto. Wolfgang Maria Weber