Ein Drittel unseres Lebens verschlafen wir.
In Schlaflabors (wie hier an der Uni Tübingen)
untersuchen
Wissenschaftler, was in dieser Zeit passiert.

Schläfchen zählen

Was für die meisten wie eine Foltermethode klingt, ist für die Anhänger des Uberman-Sleep eine simple Rechnung. Sie schlafen zwei Stunden pro Tag, verteilt auf sechs Nickerchen. 22 Stunden sind sie wach. Macht in der Summe: mehr Zeit zum Leben. Kann das gutgehen?

Als Marcel Rasche sich entschloss, die Kraft seines Willens gegen die Gesetze der Natur antreten zu lassen, rief er als Erstes einen Motivationstrainer an. Dann setzte er sich hin und schrieb auf, warum er glaubt, dass diese Idee das Richtige für ihn ist und er der Richtige für diese Idee. In schwachen Momenten, das war der Plan, sollte das Blatt Papier ihn daran erinnern, warum er das eigentlich macht. Warum er freiwillig nur zwei Stunden am Tag schläft, verteilt auf sechs 20-Minuten-Naps, alle vier Stunden.

Marcel Rasche ist 23 und studiert an einer Business-School in Amsterdam, er stammt aus Hagen im Ruhrgebiet. Vor zweieinhalb Jahren hörte er zum ersten Mal vom Uberman-Schlaf, er war sofort fasziniert. Die Idee kam vor einiger Zeit aus den USA, der Name bezieht sich auf Nietzsches Konzept des Übermenschen. Der Schlaf in der Nacht wird gegen ein paar Nickerchen eingetauscht, gegen mehr Zeit zum Leben, 22 Stunden am Tag.

Alles zielt darauf ab, effizienter zu werden: eine Rebellion getarnt als Zahlenspiel

Es ist der Versuch, den Schlaf als Taktgeber des Lebens abzusetzen und selbst die Kontrolle zu übernehmen, getragen von der Überzeugung, dass der Körper an der Belastung wächst, statt an ihr zu zerbrechen. Eine Rebellion, getarnt als nüchternes Zahlenspiel. „Alles, was ich mache, zielt darauf ab, meine persönliche Effizienz zu steigern“, sagt Rasche. „Wenn ich schon 30 Jahre meines Lebens mit Schlafen verbringe, dann kann ich das auch ein bisschen effizienter machen.“

Über zwei Jahre hinweg hat er immer wieder im Uberman gelebt, im On-and-Off-Modus, wie er sagt. Seine längste durchgehende Phase: 10 Wochen. 420 Naps, 140 Stunden Schlaf. 1.540 Stunden wach.

Die meisten Menschen, sagt der Münchner Biologe Till Roenneberg, glauben, dass moderne Waschmaschinen so gebaut sind, dass sie mit dem kleinstmöglichen Aufwand an Zeit und Energie ein optimales Ergebnis erzielen. „Kein Mensch käme auf die Idee, nach zwanzig Minuten die Waschmaschine abzustellen und zu sagen: Ich brauche nicht alle Waschphasen, die Wäsche muss jetzt sauber sein. Aber mit unserem Schlaf machen wir es.“

Roenneberg erforscht seit 40 Jahren die innere Uhr des Menschen, seinen biologisch vorgegebenen Schlaf-und-Wach-Rhythmus. Sein Fachgebiet ist die Chronobiologie. Er glaubt, dass die Zeit, nach der wir leben, und die Zeit, nach der wir eigentlich leben sollten, aus dem Takt geraten sind. „80 Prozent der Menschen brauchen an Arbeitstagen einen Wecker. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken, was das eigentlich heißt: dass die biologische Nacht noch nicht zu Ende geschlafen ist.“ Seit Jahren fordert Roenneberg, die Arbeitszeiten flexibler zu gestalten und den Schulbeginn ab der Mittelstufe nach hinten zu verschieben. Den Schlaf optimal zu nutzen, bedeutet für ihn, zur richtigen Zeit zu schlafen: zur biologisch richtigen Zeit.

Der Trend gehe schon in die richtige Richtung, sagt Roenneberg. Das könne man an den Hauptverkehrszeiten am Morgen sehen, die sich in den letzten Jahren langsam  nach hinten verschoben hätten. Doch in der Leistungsgesellschaft gibt es noch einen anderen Trend: den zum bekennenden Kurz-Schläfer, Angela Merkel zum Beispiel. Wenig Schlaf steht für Führungsstärke, Zähigkeit, Produktivität.

Für Roenneberg ein Widerspruch: „Jemand, der zu wenig schläft, kann zwar länger arbeiten. Die Frage ist aber, ob er das, was er macht, gut macht.“ Eine kurze Nachtruhe symbolisiere noch eine weitere Eigenschaft: Männlichkeit. „Männlichkeit hat viel mit Aktionismus zu tun“, sagt Roenneberg. „Es gibt nichts weniger aktionistisches als den Schlaf.“ Und die Uberman-Methode? „Das ist, als ob man sich mit den Fäusten auf die Gorilla-Brust trommelt.“

Ein Uberman-Schläfer schwärmt vom „Produktivitäts-Boost“ in durchgearbeiteten Nächten

Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über den Uberman-Schlaf gibt es bisher nicht. Nur individuelle Erfahrungen. Zum Beispiel die von Sven Leuschner, 26, letztes Master-Semester Wirtschaftsinformatik in Leipzig. Mit drei Freunden hat er vor Kurzem ein Start-Up gegründet, das für Schulen Software programmiert und die Verwaltung optimiert. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Jungunternehmertum und Uberman-Schlaf? „Ich glaube, wir sind einfach experimentierfreudige Nerds, die bereit sind, Risiken einzugehen.“

Er könne jedem empfehlen, den Uberman-Schlaf einmal auszuprobieren, sagt Leuschner. Er schwärmt vom „Produktivitäts-Boost“, den er in durchgearbeiteten Nächten erlebte. Er erzählt, wie viel man über sich selbst und über den Schlaf erfahre, und dass man durch den Uberman lerne, zu jeder Tages- und Nachtzeit innerhalb von Minuten einzuschlafen. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite: Leuschner praktiziert den Uberman nicht mehr, er hat nie länger als zwei Wochen durchgehalten, ein paar Tage davon im Schlaflabor. Nach wenigen Tagen erreichte er einen Zustand, in dem der Arzt ihm das Autofahren verbot. „Der Uberman ist Raubbau am eigenen Körper“, sagt er. „Der Mensch ist nicht dafür gemacht.“

Der Uberman versucht, den Schlaf zu besiegen. Hong-Viet Ngo versucht, ihn zu verstehen, um ihn besser nutzen zu können. Für seine Forschung setzte Ngo, Mitarbeiter am Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen, Probanden über Nacht Kopfhörer auf und schloss sie an ein EEG an. Er wartete, bis sie im Tiefschlaf waren und spielte ihnen dann einen Ton vor, ein kurzes Zirpen, zweimal direkt hintereinander. „Das ist rosa Rauschen“, sagt Ngo, „es klingt ein bisschen weicher als weißes Rauschen, angenehmer.“ Am nächsten Morgen setzten sich die Probanden an den Computer und versuchten, sich an die 120 Wortpaare zu erinnern, die sie am Abend zuvor gelernt hatten. Im Schnitt schafften sie neun mehr als die anderen Test-Schläfer.

Der Uberman verspricht Freiheit. Stattdessen schafft er neue Zwänge

Für das Gedächtnis ist der Schlaf unentbehrlich. Er sorgt dafür, dass Unwichtiges vergessen und Wichtiges gespeichert wird. Die Forscher in Tübingen wollen diesen Prozess verbessern. Sie haben das Gedächtnis ihrer schlafenden Probanden schon mit Gerüchen, elektrischen Impulsen und Medikamenten angeregt. Jetzt haben sie es auch mit Tönen geschafft. „Man muss sich das wie eine Schaukel vorstellen“, sagt der Neurowissenschaftler Jan Born. Er leitet das Tübinger Institut, 2010 erhielt er für seine Arbeit über Schlaf und Gedächtnis den renommierten Leibniz-Preis. „Die langsamen Wellen im Gehirn spielen ursächlich als Faktor bei der Gedächtnisbildung eine Rolle. Wenn man diese Wellen im richtigen Moment anschubst, zum Beispiel durch akustische Reize, verbessert man nachweislich das Gedächtnis.“

Bisher ist die Methode nicht massentauglich, ein tragbares EEG zu teuer. Doch auch das ist nur eine Frage der Zeit, glaubt Born. „Am Anfang war es auch ein großer Aufwand, das EKG abzuleiten. Heute läuft jeder Jogger mit so einem Ding am Arm herum.“

Wenn Marcel Rasche im Uberman-Modus war, dann hatte er immer Ohrstöpsel und eine Schlafmaske im Rucksack. Er schlief in der Uni, im Park, auf Partys. Verpasste er einen Nap, geriet sein gesamtes System ins Wanken. „Am Anfang war mein Kopf bis oben angefüllt mit dem Gedanken: Wann ist mein nächster Nap, wo schlafe ich? Es ist ein sehr unspontaner Lebensstil.“ Vielleicht ist das das eine große Missverständnis des Uberman: Dass er Freiheit von den Zwängen des Acht-Stunden-Schlafes verheißt, nur um sie durch die Zwänge der Organisation zu ersetzen.

Mal konnte Rasche in Wachphasen durchackern, dann wieder fiel er in den „Zombie-Modus“

Im Uberman bestand jeder Tag für Rasche aus sechs Einheiten, jede genau portioniert auf drei Stunden und 40 Minuten. Wachphasen, sagt er, in denen er unglaublich produktiv war, in denen er „richtig Attacke machen“ konnte. Wachphasen, in denen er aber auch in den „Zombie-Modus“ fiel, wenn kein Projekt, keine Klausur anstand. In denen er sich einsam fühlte, isoliert, besonders zwischen Mitternacht und acht Uhr morgens, wenn der Rest der Welt schlief und er die Zeit mit Filmen und Spazierengehen totschlug. Das zweite große Missverständnis des Uberman. Er verspricht mehr Zeit zum Leben und schafft mehr Zeit zum Arbeiten. Weil meistens keiner da ist, mit dem man diese Zeit teilen kann.

Heute schläft Rasche wieder normal. Der Uberman passe nicht mehr zu seinem Lebensstil, sagt er. In Amsterdam hat er ein Unternehmen gegründet, nebenher arbeitet er als Schauspieler. Es ist ihm wichtig, flexibel zu sein, spontan. Dass er irgendwann wieder in den Uberman wechselt, schließt er aber nicht aus. „Du kannst etwas zum Laufen bringen, das sich unmöglich anhört“, sagt er. „Es ist eine Herausforderung und ich habe Glücksgefühle, wenn ich sie meistere. Euphorie.“ Im Moment aber habe er überhaupt keine Zeit, sich über Effizienzsteigerungen Gedanken zu machen. „Gerade bin ich einfach glücklich so, wie es läuft.“

Foto. Paul Munzinger