Leid

Der vererbte Krieg

Alpträume und psychische Probleme - Kriegsenkel leiden unter dem 2. Weltkrieg, obwohl sie ihn nicht erlebt haben. Liegt die Ursache in den Genen?

Immer wenn Günther Molchau* seine Mutter danach fragte, was im Januar 1945 passiert sei, wich ihr Blick aus. Dann fiel ihr ein, dass sie noch die Wäsche im Garten abhängen müsse, bevor der Regen kommt. Oder wie viel dreckiges Geschirr in der Küche auf sie warte. Molchau prallte an eine Mauer des Schweigens.

In den Wäldern rattern Schüsse, der Schnee reflektiert die Flammen brennender Häuser. Zwischen Landsberg an der Warthe und Berlin sind die Straßen voller Menschen, am Wegesrand liegen Tote, erschossen oder verhungert. Manche schieben Kinderwagen, wer kann, flüchtet mit Fahrrad oder Schlitten vor der Roten Armee, die im Frühjahr 1945 die östlichen Gebiete von Hitlerdeutschland erobert.

Molchaus Mutter wächst im heute polnischen Landsberg auf. Sie ist 14, als sie mit ihrer Mutter und den drei Schwestern über Berlin 400 Kilometer gen Westen flieht. Der Vater bleibt zurück, wird verhaftet und stirbt wenig später in einem Arbeitslager in Weißrussland.

Irgendwann hat Molchau es aufgegeben, seine Mutter nach ihrer Vergangenheit zu befragen. »Ich weiß nicht, was passiert, wenn das jemand ausgräbt«, sagt er heute. »Wird sie dann krank oder hängt sich auf?«

Wie seine Mutter ist Günther Molchau ein Getriebener. Er hat in unterschiedlichen Berufen an unterschiedlichen Orten gearbeitet. »Aber nirgends hatte ich das Gefühl von Heimat«, sagt er. »Meinem Cousin ging es immer genauso.« Der fährt seit zwanzig Jahren regelmäßig dorthin, wo ihre beiden Mütter aufgewachsen sind. »Das ist der einzige Ort auf der Welt, an dem er sich wirklich wohlfühlt.«

In der Gegenwart seiner Mutter fühlt sich Molchau wie ein Fremdkörper. »Ich glaube bis heute, dass meine Mutter das alles nicht wollte: das Ruhrgebiet, uns Kinder, ihr Leben«, sagt der 53-Jährige. »Deshalb haben meine Schwester und ich nie gelernt, was Familie ist.« Molchau und seine Schwester sind ledig, sie haben sich nicht getraut, selbst eine Familie zu gründen.

Ein Trauma, das sich in die DNA einschreibt

Molchau bezeichnet sich als Kriegsenkel. Das sind die heute 40- bis 55-Jährigen, die unter den Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges leiden, obwohl sie erst viel später zur Welt kamen. Viele sind betroffen, in beinahe jeder deutschen Großstadt gibt es Selbsthilfegruppen. Therapeuten bieten Seminare an, Ratgeber und Familiengeschichten verkaufen sich hunderttausendfach.

Viele Kriegsenkel können nur mutmaßen, was ihre Eltern im Krieg erlebt haben. Denn die schweigen ihr Leben lang über ihre Vergangenheit. Foto: Laura Backes

Suche: Viele Kriegsenkel können nur mutmaßen, was ihre Eltern im Krieg erlebt haben. Denn die schweigen ihr Leben lang über ihre Vergangenheit. Foto: Laura Backes

Der Psychoanalytiker Hartmut Radebold erklärt: »Viele Kriegsenkel träumen von Panzerangriffen. Sie fürchten sich vor dunklen Kellern und Feuerwerkskörpern oder kriegen Panik­attacken, wenn sie Sirenengeräusche hören. Sie sind depressiv.« Betroffene schaffen es nicht, sich längerfristig zu binden – an einen Partner, einen Job oder einen Wohnort. »Sie lassen sich nirgends nieder und sind doch auf der ständigen Suche nach Heimat.«

In den Familien der Kriegsenkel werden Traumata über Generationen weitergegeben – ein Phänomen, das am besten bei den Nachkommen Holocaust-Überlebender erforscht ist. Es handelt sich um einen Prozess, in dem Gewalt und die Folgen der Gewalterfahrung über mehrere Generationen hinweg konserviert werden. Heute erwachsene Kinder durchleben die Traumata ihrer Eltern, obwohl die oft selbst noch zu klein waren, um sich lebhaft an die grauenhaften Erlebnisse zu erinnern.

Wie das funktioniert, darüber weiß die Forschung erst wenig. »Viel wird über die Erziehung durch traumatisierte Eltern weitergegeben, die keine liebevolle Bindung zu ihrem Nachwuchs aufbauen können. Aber aktuelle Erkenntnisse in der Epigenetik zeigen, dass sich die Traumatisierung auch in der DNA festsetzen kann«, sagt Radebold. Traumata und ihre Folgen können vererbt werden.

Bis sie 30 war, litt Elisabeth Hauk unter Asthma. Anstatt sich mit Kortison zufriedenzugeben, suchte sie nach Ursachen. »Psychosomatisch bedingt«, attestierte ihr schließlich eine ­Therapeutin. Die 53-Jährige leidet unter der Vergangenheit ihrer Eltern. Hauks Vater wurde mit elf Jahren aus Posen vertrieben. Ihre Mutter lebte 1945 als Jugendliche monatelang in einem Berliner Keller, während sich draußen Russen und Deutsche Häuserkämpfe lieferten.

»Meine Eltern mussten sich in ihrer Kindheit ständig verstecken. Genauso habe ich mich gefühlt, bis ich 30 war«, sagt Hauk. »Ich habe einfach keine Luft gekriegt. Mittlerweile habe ich die Wände meiner Eltern Gott sei Dank gesprengt.« Die Therapien zeigen Wirkung. Das Asthma ist fast verschwunden.

Schweigen zieht sich durch die Generationen

Martina Pfefferl riss sich als Kind büschelweise Haare aus und goss sich immer wieder kochendes Wasser über die Hände. Ein Hilferuf nach Aufmerksamkeit, den die Eltern nicht hörten.

»Sie haben uns keine Liebe gegeben«, sagt Pfefferl heute. Davon habe sie sich nie erholt. Pfefferl leidet seit ihrer Kindheit an einer Borderline-Störung. Mehrmals unternimmt sie Selbstmordversuche. Mit 37 erleidet sie einen Schlaganfall und ist seitdem zu 85 Prozent behindert. Die Haut zwischen Handgelenk und Ellbogen ist übersät von dünnen linienförmigen Narben. Vor zehn Jahren diagnostizierte man bei der 48-Jährigen eine Posttraumatische Belastungsstörung. Doch eine Ursache für das Trauma konnte die Therapeutin nicht finden.

Pfefferl war dreimal verheiratet und hat drei Kinder. Zu ihrer ältesten Tochter hat sie keinen Kontakt, die jüngere ist magersüchtig. Ihr Sohn ist 2010 bei einem Autounfall gestorben.

»Jede Familiengeschichte ist einzigartig«, sagt Radebold. »Man müsste genau rekonstruieren, was die Eltern eines Kindes in ihrer frühen Kindheit im Krieg erlebt haben, um einschätzen zu können, ob sie diese zeitgeschichtlichen Erfahrungen unbewusst über die Erziehung weitergegeben haben. Und ob es einen Zusammenhang mit dem vererbten Genmaterial gibt.«

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Kindheitserinnerungen: Martina Pfefferl bei ihrer Einschulung. Foto: Laura Backes

Traumatisierte Eltern haben oft so viel mit sich selbst zu tun, dass sie keine emotionale Bindung zu ihren Kindern aufbauen und ihnen keine Sicherheit bieten können. »Meine ganze Familie war komplett gefühllos. Ich habe nie jemanden weinen oder lachen sehen, noch nicht einmal, als meine Großmutter gestorben ist«, sagt Pfefferl.

Ihr Vater kam 1943 im Su­­de­­­­­­ten­­land auf die Welt. Zwei Jahre später musste seine Familie die Heimat verlassen. Die Familie von Pfefferls Mutter wurde aus Stralsund vertrieben, nur einige Monate nach ihrer Geburt.

»Mein Leben lang dachte ich, meine Eltern hassen mich und mögen meine Schwester viel lieber«, sagt Pfefferl. Seit Jahren haben die Geschwister keinen Kontakt. »Erst als ich letztes Jahr erfahren habe, dass meine Schwester auch an einer Borderline-Störung leidet und versucht hat, sich umzubringen, da habe ich verstanden, dass das alles nicht meine Schuld ist.«

Niemand kann beweisen, dass die verstörenden Kriegserlebnisse ihrer Eltern die Ursache für die Posttraumatische Belastungsstörung von Martina ­Pfefferl sind. Für das Asthma von ­Elisabeth Hauk. Oder für die Bindungsangst von Günther Molchau. Doch viele Schicksale der Kriegsenkel ähneln einander. Sie sind auf der Suche nach Heimat und schrecken vor Bindungen zurück. Sie haben psychische Störungen und körperliche Probleme, die sich Ärzte nicht erklären können.

Ob das Leid in der nächsten Generation weiterwirkt, auch darüber gebe es noch keine Erkenntnisse, sagt Radebold. »Wir wissen noch nicht, ob sich das Trauma der Kriegskinder auch auf ihre Enkel, also die Kriegsurenkel, auswirkt, sie sind ja zwischen zehn und zwanzig Jahre alt. Wir befürchten es aber.«

*Namen von der Redaktion geändert

​Leid​