Wikipedia Anno 1800
15. September 2015
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Jeff Howe, Redakteur für das Technologie-Magazin Wired, schrieb im Juni 2006 über ein vermeintlich neues Phänomen. Amateure schlossen sich in Gruppen zusammen und erledigten die Arbeit von Experten sehr viel günstiger. Als Beispiel nannte Howe die Webseite iStockphoto, auf der Amateurfotografen Symbolbilder hochladen und verkaufen können – schon ab einem Euro. Ausgebildete Fotografen haben bis dahin einen drei- oder gar vierstelligen Betrag pro Bild verlangt. Für Howe war iStockphoto Outsourcing von Aufgaben an freiwillige Nutzer: Die Crowd. So entwickelte er den Begriff Crowdsourcing.

Crowdsourcing ist seitdem untrennbar mit dem Internet verbunden. Dabei gab es schon in früheren Zeiten Projekte, die nach Art des Crowdsourcing zustande kamen.

Ein neues Lexikon

Wohl am spektakulärsten ist die Entstehung des Oxford English Dictionaries. Die London Philological Society entwickelte ab 1857 ein neues Lexikon, das alle damals bekannten englischen Wörter umfassen sollte. Doch das Vorhaben war sehr umfangreich und überforderte die Initiatoren schnell. Die Editoren lagerten die Arbeit an die Crowd aus.

Ab 1879 legten viele Buchhändler ihren Büchern einen Aufruf bei: Engländer, Amerikaner und Bewohner der britischen Kolonien sollten so viele Belegstellen wie möglich sammeln, um verschiedene Wörter und ihren Gebrauch festzuhalten. Dafür wurden spezielle, vorgedruckte Zettel in die Bücher gelegt, auf denen bibliografische Angaben mehrerer Werke aufgedruckt waren. Aber die Leser beließen es nicht bei den vorgegebenen Werken. Stattdessen sandten sie beliebige Textstellen an die Philological Society, egal, ob die Wörter in der Literatur zu finden waren, in Zeitungen, Liedern, Kochrezepten oder in wissenschaftlichen Magazinen.

Ein Mann – 30.000 Belege

Etwa 800 freiwillige Helfer schickten damals Millionen Belege ein, die das Editoren-Team der Oxford University Press sichten musste. Manche Leser wurden regelrecht süchtig nach der Arbeit. So schickte der Bauingeneieur Alexander Beazeley insgesamt 30.000 Zitate an die London Philological Society. Später beriet er die Editoren bei Einträgen zu Architektur und Bautechnik.

Auch William Chester Minor, Militärarzt während des amerikanischen Bürgerkriegs, war ein großer Fan des neuen Lexikons und wurde einer der effektivsten Freiwilligen. Er spezialisierte sich auf die Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts und schickte tausende Belege an die Philological Society. Die Editoren besuchten Minor sogar einige Jahre später – in einer englischen Psychiatrie. Minor hat 1872 einen Mann in London erschossen, den er für einen Einbrecher hielt. Ein Gericht erklärte den Militärarzt für wahnsinnig und ließen ihn ins in eine Klinik für Geistesgestörte eingeliefert. Dort trieb Minor bis zu seinem Tod im Jahr 1902 die Entwicklung des Lexikons voran.

Tolkien war für Zauberer zuständig

Selbst „Der Herr der Ringe“-Autor J. R. R. Tolkien wirkte am Oxford English Dictionary mit. Als Angestellter bei der Philological Society war er von 1919 bis 1920 für die Bereiche waggle (wackeln) bis warlock (Zauberer) zuständig. Tolkiens Anwendungsbeispiel für Walross schaffte es allerdings nicht in die finale Ausgabe.

1928, fast 50 Jahre nach dem Aufruf an die Crowd, wurde der letzte Band des Mammutwerkes veröffentlicht. A New English Dictionary on Historical Principles listete damals über 400.000 Wörter und Phrasen auf. Dieses lexikalische Crowd-Prinzip hat sich bis heute bewährt – Wikipedia sei Dank.

Marvin Strathmann

Marvin Strathmann

Stellv. Chefredakteur (Online)
Im Westen aufgewachsen, im Osten Medienwissenschaft studiert, im Süden Praktika bei Chip Online und Focus Online absolviert. Schreibt hauptsächlich über Digitales und ab und zu eine Glosse.
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