Interview
„Ich bin ein Chamäleon“
15. September 2015
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Der gebürtige Nigerianer Josef „Sepp“ David lebt seit 44 Jahren in Deutschland und ist leidenschaftlicher Blasmusiker. Seinen Ruhestand verbringt der 67-Jährige seit zwei Jahren mit seiner Frau Veronika im Bayerischen Wald. Ein Gespräch über Milchwagen, Schnee und Blasmusik.

SCHWARM: Herr David, sind Sie Deutscher oder Nigerianer?
JOSEF DAVID: Ich bin Bayer, durch und durch! Ein bayerischer Bua eben.

Wieso?
Mir gefällt die Ruhe am Bayerischen Wald. Das ist großartig. Hier fahren am Tag vielleicht fünf Autos vorbei. Und die Leute sind einwandfrei. Feid nix, sagt man ja!

Kein Fremdeln mit den bayerischen Traditionen?
Ich finde es toll, dass die hier so hoch gehalten werden. Ich gehe gern auf Volksfeste in meiner Lederhose und trinke eine Maß. Ich fühle mich sauwohl hier. Und das Essen! Schweinshaxn mit Semmelknödel!

Mit 24 haben Sie Nigeria verlassen. Warum?
Ich wollte Maschinenbau studieren. Zuerst habe ich aber in Frankfurt eine Lehre zum KFZ-Mechaniker gemacht, nach der Fachoberschule konnte ich studieren und war 1980  Maschinenbauingenieur.

Zwei Jahre nach dem Studium sind Sie nach Unterfranken gezogen – was trieb sie in die bayerische Provinz?
Ich habe 1982 bei Opel in Rüsselsheim eine Stelle als Versuchsingenieur bekommen. Niedernberg war nur ein paar Kilometer davon entfernt und Unterfranken hat mir von Anfang an gefallen.

Seit 1982 spielen Sie Horn. Wie kamen Sie zur Blasmusik?
Durch einen Kollegen in Unterfranken. Ich habe mir das erst mal angehört, es hat mir gefallen. Ich bin gleich nach Mainz gefahren und hab mir mein erstes Instrument gekauft – den Alexander.

Alexander?
Mein erstes Baritonhorn. Das steht bis heute in meinem Keller.

Und mit dem Spielen hat es gleich geklappt?
Ich habe dann so lange geübt, bis es ging. Der Wille war da und deswegen habe ich das auch geschafft. Seit ich im Bayerischen Wald lebe, spiele ich auch fest bei der Graineter Blaskapelle mit. Ich nehme aber noch wöchentlich Übungsstunden, weil ich noch besser werden will.

Hat es mit dem bairischen Dialekt auch gleich so gut funktioniert?
Jessas Maria – nein! Ich habe zwölf Jahre in Frankfurt gelebt und dort babbelt man ja ganz anders. In Unterfranken war es auch schon schwierig, aber jetzt bin ich im Bayerischen Kongo gelandet, also am Gipfel des Dialekts (lacht). Wenn die Leute langsamer sprechen, geht es. Wenn sie durcheinander reden, muss ich spekulieren, was sie meinen. Aber ich mag das Bairische – es klingt wie Musik. Das erinnert mich an meine Muttersprache Yoruba. Es gibt so viele verschiedene Tonarten.

War es schwierig sich in Deutschland zu integrieren?
Ich habe mir von Anfang an gesagt: Sepp, wenn du in Deutschland bleiben willst, musst du die Sprache lernen, die Rituale und die Kultur beherrschen. Meine Strategie war: Höflichkeit, Humor und Anpassungsfähigkeit. Ich bin wie ein Chamäleon!

Was war dabei das wichtigste?
Über sich selbst lachen zu können. In der Firma damals habe ich mir die Hände gewaschen, mein Chef stand hinter mir und ich sagte „Ach Sepp, du wirst eh nicht sauber“ – der hat sich totgelacht neben mir und gesagt „Herr David, behalten Sie ihre gute Einstellung!“ Ich kann mich selbst auch mal auf den Arm nehmen, das macht alles einfacher!

Wie sehen Sie die Deutschen?
Sie sind fleißig – wie ein Bienenvolk.
Sie wissen, was sie wollen und darauf arbeiten sie hin. Nichts ist unmöglich in Deutschland. Und ich fühle mich wie ein Deutscher. Ich habe hier die Werte gefunden, die Teil meiner Persönlichkeit sind und die ich in Nigeria nicht gefunden habe – Ehrlichkeit, Höflichkeit, Nächstenliebe und den Ehrgeiz, den die Deutschen an den Tag legen. Ich bin froh, ein Teil von diesem Volk zu sein.

Und die deutschen Sitten? Mussten Sie vieles dazulernen?
Da gab es schon ein paar Sachen. In Afrika musst du dich nicht anmelden, wenn du jemanden besuchen willst. Aber auch wie die Deutschen miteinander sprechen. Mein KFZ-Meister wollte mich damals in Frankfurt rausschmeißen, weil ich ihm während des Gespräches nicht in die Augen geschaut habe. Das ist in Afrika so üblich – wenn ein Erwachsener spricht, hat der jüngere den Kopf zu senken und aufmerksam zuzuhören. Das ist ein Zeichen von Respekt, Blickkontakt bedeutet Arroganz. Das war damals ein großes Missverständnis, aber auch die erste Gepflogenheit, die ich hier gelernt habe. Immer, wenn ich zurück nach Nigeria komme, muss ich aufpassen, sonst wirke ich abgehoben.

Was hat Sie überrascht?
Nach ein paar Monaten sagte ich zu einem Kollegen, dass der Milchwagen seine Ladung verloren hat – derweil war das Schnee! Ich hatte noch nie Schnee gesehen.

Gab es auch unangenehme Erfahrungen?
Hass habe ich in Deutschland nie erlebt. Vielleicht denken die Leute etwas Schlechtes über mich. Aber was man mir nicht sagt, belastet mich auch nicht. Ich habe Glück gehabt in Deutschland. Vielleicht bin ich eine Ausnahme. Aber ich habe  mich von Anfang an wohl gefühlt.

Sie haben nie etwas Schlechtes erlebt?
Manchmal bekam ich Schimpfwörter ab. Aber dann gehe ich zu dem Menschen hin und sage ganz ruhig, dass mich dieses Wort verärgert. Dass er doch stattdessen „He – farbiger Mann!“ sagen soll – oder einfach Sepp. Ich lasse vieles an mir abprallen, ich nehme das nicht persönlich. Es gibt Witze über Schwarze, da lache ich mit. Wenn sie nicht böse gemeint sind. Der Ton macht die Musik! Lache mit den Leuten, dann lachen sie mit dir.

Ihre Frau stammt aus dem Bayerischen Wald. Wo haben Sie sich kennengelernt?
In einer Disko. Ich war in Unterfranken Schiedsrichter bei einer Hobbyfußballmannschaft und wir hatten ein Turnier im Bayerischen Wald. Abends sind wir zu viert in eine Disko, da waren nur vier Frauen drin – Ha! Das hat perfekt gepasst. Wir haben getanzt und gelacht. Unsere eigentliche Idee war, dass uns die Frauen heimfahren. Das Hotel sehr weit weg war und ich bin ja schwarz und nachts ist das nicht so super, da werde ich ja überfahren (lacht).

Wann haben Sie sich wiedergesehen?
Zwei Tage später stand meine Frau beim Turnier am Sportplatz und hat mich besucht. Seitdem haben wir uns Briefe geschrieben. Damals wusste ich nicht, dass ihre Ehe auf der Kippe stand – wie meine erste Ehe, die wenig später geschieden wurde. Nach ihrer Scheidung, zog sie zu mir nach Unterfranken. 1999 hat sie mir noch einen Buam geschenkt. Zwei Kinder hat sie bereits mitgebracht, drei habe ich aus meiner ersten Ehe und einen Buam haben wir gemeinsam. Und alle sechs Kinder hab ich groß gezogen. Mittlerweile bin ich dreifacher Opa.

Fehlt Ihnen Nigeria?
Nein. Ich akzeptiere, dass Deutschland anders ist. Ich sehe die Unterschiede der beiden Länder, aber ich urteile nicht. Meine Verwandtschaft vermisse ich. Hin und wieder koche ich gerne Gerichte aus meiner Heimat. Kochbananen mit Bohnen – da denke ich, ich bin in Nigeria!

Wollten Sie jemals zurück?
Mich hält hier zu viel, Deutschland ist meine Heimat.

Was bedeutet Heimat für Sie?
Wenn ich in einem Land bin, das mich toleriert und akzeptiert, dann ist das meine Heimat. Ich bin hier in meinem Bayerischen Wald, ich mache meine Blasmusik – mich stört hier niemand. Ich bin happy, wenn ich meine Musik machen kann.

Stephanie Probst

Stephanie Probst

Art Director
schreibt, fotografiert und ist sich sicher, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Hat ein Herz für Hyperlokaljournalismus und die großen Geschichten des kleinen Mannes. In der Welt zuhause, im Bayerischen Wald dahoam.
Stephanie Probst

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