„Für einen kurzen Moment sind alle Künstler“
15. September 2015
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Seit 2008 setzt sich die Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ mit Aktionskunst für Menschenrechte ein. Für ihr Projekt „Die Toten kommen“ brachten sie Leichen von ertrunkenen Flüchtlingen nach Berlin, um sie dort zu bestatten. Wir haben mit André Leipold, dem Geheimrat des Zentrums, über ihre Ziele, Kunst im Kollektiv und Schwarmkunst gesprochen.

In ihren künstlerischen Aktionen thematisieren Sie vor allem Menschenrechtsfragen. Wen wollen Sie damit erreichen?
Bei der Gründung war unser Grundsatz, dass wir Politiker und Entscheidungsträger in Situationen bringen, in denen sie sich in Entscheidungszwängen befinden. Es geht darum, die politische Elite an ihre ursprüngliche Aufgabe zu mahnen und auf Lücken in ihrer Inspirationstätigkeit aufmerksam zu machen. Der andere Bereich ist die mediale Öffentlichkeit.

Und über die Medien streuen Sie Ihre Botschaften an eine breitere Masse?
Ja, indirekt. Massen zu erreichen ist aus aktionskünstlerischer Sicht nicht das allererste Ziel. Es geht eher darum, das Denken bei denen, auf die es ankommt, zu verändern und zu beeinflussen.

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André Leipold gehört zum Kernteam des Zentrums und kümmert sich um die Stoffentwicklung und die Koordination der Künstler. (Foto: Patryk Witt)

Der einfache Bürger gehört nicht zu Ihrer Zielgruppe?
Den erreichen wir höchstens indirekt über die mediale Aufbereitung einer Kunstaktion im Politikteil. So kommt man an mehr Leute ran. Ansonsten wenden wir uns eher an die Wohlstandsbürger und Wertkonservativen, die eigentlich auf der anderen politischen Seite stehen. Den einfachen Mann interessieren die erinnerungspolitischen Diskurse meist nicht.

Statt als einzelner Künstler zu agieren, haben Sie sich im Zentrum zu einer Gruppe zusammengeschlossen. Warum?
Der Vorteil ist der Organisationsgrad, den man dadurch erreicht. Für große Rechercheaufgaben braucht man viele Köpfe. Außerdem haben wir so verschiedene Perspektiven und können uns im besten Fall gegenseitig korrigieren. Jeder hat eine andere Sichtweise auf das, was wir tun. In der Gruppe findet ein intellektueller und künstlerischer Austausch statt.

Seit ein paar Jahren bezeichnet der Begriff „Schwarmkunst“ eine Kunstrichtung, bei der Menschen im Kollektiv Kunst machen. Trifft das auch auf Sie zu?
Der Begriff ist ganz gut. Ich biete meine eigenen Fähigkeiten an und die gehen im Ganzen auf. Allerdings müsste man die Leute miteinrechnen, die plötzlich in einer Aktion zu Akteuren werden. So machen dann auch Politiker, obwohl sie das eigentlich nicht wollten oder sich dessen nicht bewusst sind, eine Form von Kunst. Im besten Fall erzeugen wir diesen Schwarm gemeinsam.

Und wie erzeugen Sie den Schwarm?
Wir stellen alle Menschen für ein paar Momente in einen Sinnzusammenhang, in eine moralische Druckkammer, wie wir es genannt haben. Wir führen sie in einen anderen Kontext. Dann sind für einen kurzen Moment alle Künstler.

(Foto: Ruben Neugebauer)

Natalie Raida

Natalie Raida

Redakteurin, Anzeigen-Akquise
Nordlicht, das es durch das Studium erst nach Erfurt und dann ganz in den Süden, nach München verschlagen hat. Hat den Wunsch Sportjournalistin zu werden und diesen männerdominierten Bereich aufzumischen.
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