„Mir geht es nicht um eine heile Welt, sondern eine heilbare.“
15. September 2015
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Fotos: Ravensburger

Die alltäglichen und trotzdem so abenteuerlichen Welten von Alfons „Ali“ Mitgutsch haben schon Generationen von Kindern verzaubert. Mitgutsch ist Autor zahlreicher Wimmelbilderbücher. Das erste, „Rundherum in meiner Stadt“, veröffentlichte er 1968. Mitgutsch wuchs im München der Kriegs- und Nachkriegsjahre auf. Der kleine Ali bekam seinen Spitznamen, weil er  – laut seiner Mutter – nach dem Spielen immer aussah wie „Ali Baba und die 40 Räuber.“

SCHWARM: Herr Mitgutsch, Sie zeichnen belebte Orte – den Jahrmarkt, das Freibad, den Hafen. Ziehen solche Plätze Sie an?
ALI MITGUTSCH: Ja, ich bin einfach neugierig. Ich gehe gern unter Menschen, da gibt es viel zu beobachten.

Brauchen Sie keinen Abstand, um klar zu sehen?
Nein, nein, ich bin gern mitten drin. Da habe ich einen guten Blick auf das Geschehen. Das bunte Leben ist inspirierend. Ich fühle mich wohl unter den Leuten. Sonst hätte ich auch nie so viele Ideen für meine Wimmelbilder gehabt.

Warum überhaupt Wimmelbilder?
Ganz ehrlich: Das war gar nicht meine Idee. Sie kam vom damaligen Direktor des Münchner Stadtjugendamts. Der hat zu mir gesagt, er hätte gern Bilder, auf denen so viel drauf ist, wie nur irgend möglich.

Was hatte er damit vor?
Er kümmerte sich um behinderte Kinder. Sie sollten nacherzählen, was sie auf den Bildern sehen, und so lernen, ihre Gedanken verbal auszudrücken. Es sollte ein Buch sein, in dem man jedes Mal etwas Neues entdeckt. Als ich damit angefangen habe, gab es noch gar keine Wimmelbilder. Ich habe diese Form von Bildern entwickelt.

Wie?
Mit Geschichten, die sich selbst erzählend durch das ganze Buch schlängeln. Durch Bilder, die ohne Text sprechen. Ein Bild muss die ganze Geschichte aussagen können.

Wie geben Sie dem Wimmelbild eine Aussage?
Dazu suche ich Figuren, die mein Bild beleben und sich so verhalten, dass das Bild eine Aussage bekommt.

In einem Bild aus Ihrem Buch „Hier in den Bergen“ stehen zwei alte Menschen traurig neben einer Baustelle, auf der ein Staudamm gebaut wird. Was ist die Aussage dieser kleinen Szene?
Auf dem Bild müssen die Leute ihr Haus verlassen, damit der Staudamm gebaut werden kann. Der Staudamm zählt mehr als die Menschen. Das ist eine Geschichte darüber, dass der Profit manchmal zu wichtig ist. Dass keine Rücksicht auf das Glück der Menschen genommen wird.

Ist das Ihre Art der Gesellschaftskritik?
So etwas schiebe ich gerne ein. Das ist mein kleiner Seitenhieb für die Erwachsenen.

Wie viel von der Kritik wollen Sie auch den Kindern mitgeben?
Als ich die ersten Wimmelbilder herausbrachte, wurde mir immer vorgeworfen, dass ich nur die schöne, heile Welt darstelle.

Das tun Sie aber nicht.
Ja, mir geht es nicht um eine heile Welt, sondern um eine heilbare.

Wie vermittelt man das?
Ich spreche Schwierigkeiten schon an. Ich möchte dem Bild aber auch die Botschaft mitgeben, dass es eine Lösung dafür gibt. Das muss nicht mit dem erhobenen Zeigefinger sein, aber andeutungsweise. Wenn zum Beispiel auf einem meiner Bilder jemand auf dem zugefrorenen See einbricht, ist immer schon Hilfe unterwegs.

Eine hoffnungsfrohe Botschaft. Was empfinden Kinder noch, wenn sie in Ihren Bildern auf Reisen gehen?
Spaß. Kurzweil. Auf meinen Bilder sieht man das Leben, das ich als Kind gesucht habe. Teilweise habe ich es auch gefunden.

Sie sind in München aufgewachsen. Wo gab es denn dieses vergnügliche Leben?
Auf der Auer Dult zum Beispiel. Die fand ich faszinierend.

Diesen Jahrmarkt haben Sie dann ja auch gezeichnet.
Ich wollte den Trubel rüberbringen. Ich habe alles gesammelt, was auf einem Jahrmarkt passieren könnte. Vom Riesenrad aus habe ich als Kind einen ganz neuen Blickwinkel entdeckt. Man konnte zum Beispiel von oben ins Kasperltheater reinschauen. Diese Perspektive hat mich so begeistert, die habe ich in meinen Bildern bewusst übernommen.

Wie entstehen Ihre Bilder?
Es entwickelt sich beim Zeichnen eine Szene, die ich an verschiedenen Stellen auf einen großen Bogen Transparentpapier zeichne. Ich treibe die Szenen sozusagen auf dem Papier herum. Bis ich den Platz gefunden habe, der am besten passt. Und daran schließt eine neue Szene an.

Haben Sie die Geschichten, die Sie zeichnen, alle selbst erlebt?
Die Welten, in denen ich meine Figuren agieren lasse, setze ich immer aus meinen Erlebnissen und Erinnerungen zusammen. Ich habe alles schon einmal gesehen.

Sie sammeln also Erlebnisse.
Das macht doch jeder. Es gibt welche, die haben ein besseres Gedächtnis, manche haben ein schlechteres.

Haben Sie ein gutes Gedächtnis?
Ich habe eigentlich ein ganz furchtbares Gedächtnis! Aber mei. Nicht für alles. Mein optisches Gedächtnis ist gut.

Sie sind 1935 geboren, also in Nazideutschland und während der Nachkriegszeit groß geworden. Wie haben Sie in Ihrer Kindheit und Jugend große Gruppen von Menschen erlebt?
All meine Kindheitserinnerungen sind auch Kriegserinnerungen. Da habe ich schlechte Erfahrungen gemacht mit Menschenmassen. Diese NS-Aufmärsche fand ich bedrohlich. Der Einzelne sollte sich klein und unbedeutend fühlen. Die Gruppe war mächtig.

Denken Sie an eine bestimmte Situation?
Einmal ist der Hitler an unserem Haus in der Maxvorstadt vorbeigefahren. Abends im Sommer. Ich war schon im Bett, aber draußen war es noch hell. Alle Leute hatten damals Kissen auf ihren Fensterbänken, auf die haben sie sich gelehnt, um rauszuschauen. Auf einmal ist draußen der Hitler vorbeigefahren. Alle haben geschrien „Heil! Heil!“, wie Hampelmänner. Das kam aus allen Häusern.

Hatten Sie Angst?
Damals hat mich das erschreckt und fasziniert zugleich.

Gab es diese bedrohlichen Massen nur während des Krieges?
Nach dem Krieg habe ich einmal miterlebt, wie die Menge sich auf einen Mann gestürzt hat. Er hatte ein Fahrrad geklaut. Einer hatte das gesehen und gerufen: Der hat das Radl gestohlen! Ganz schnell sind immer mehr Menschen hinter dem Fahrraddieb hergelaufen. Sie haben den Mann einen Schuttberg hochgejagt und auf ihn eingeschlagen. Wie die auf seinen Kopf eingetreten haben – das hat sich angehört, als würde man auf eine Melone schlagen. Das war beängstigend.

Sie misstrauen Menschenmengen.
Eine willenlose, gleichförmige Menge macht mir immer Angst. Über die Jahre bin ich ziemlich individualistisch geworden. Ich mag fremde Kulturen und Menschen mit unterschiedlichen Lebensformen.

Aber braucht nicht jeder, auch Sie, zumindest ein paar Gruppen in seinem Leben?
Klar, jeder Mensch braucht alle Facetten der Gemeinschaft: Familie, Freunde, Nachbarschaft, Politik. Daraus entsteht ein Gefühl von Verantwortung und Heimat, egal wo man ist. Als wir während des Kriegs im Allgäu gelebt haben, hatte ich oft schlimme Probleme mit den anderen Kindern. Meine Familie war wie ein Schutzraum für mich. Dahin konnte man sich immer zurückziehen, wenn es einem zuviel wurde.

Ist das heute auch noch so?
Heute? Da beschütze ich meine Familie! Ich habe drei Kinder. Die sind jetzt erwachsen, bei uns ist immer was los gewesen, unser Haus war immer für alle offen. Ich glaube, wir sind gesellige Menschen.

Sie haben sich Ihr ganzes Leben mit Kindern beschäftigt: Mögen Sie Kinder?
Kinder können sehr böse sein. Das sehe ich auch heute noch. Beobachten Sie mal eine Gruppe Kinder, die sich unbeobachtet fühlt. Wie die teilweise böse zueinander sind. Wenn einer das Gefühl hat, er ist stärker als der andere und er kann dem eine reinwürgen – dann würgt er dem eine rein.

Aber Sie mögen Kinder offensichtlich trotzdem.
Das sind ja auch nur Menschen. Das Zeichnen war immer eine Verbindung, mit dem ich das Gespür für die Welt der Kinder nicht ganz verloren habe. Vieles aus meiner Kindheit habe ich später noch behalten, meine Wünsche, meine Sehnsüchte.

Sehnen Sie sich nach dieser Zeit zurück?
Wer wäre nicht gern noch einmal ein Kind – manchmal. Wimmelklein Auto mit Anhänger

Judith Issig

Judith Issig

Chefredakteurin
Ist in München geboren und geblieben, trotz des zweiten Zuhauses in Frankreich. Leitet die Redaktion mit der Erfahrung aus zehn Jahren Mannschaftssport und der Hilfe von Schokomuffins. Hat Politik studiert, interessiert sich für den Nahen Osten, mag die Natur und Speis und Trank.
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