Aus dem Ruder gelaufen
15. September 2015
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Der Schlag ist auch im Ristorante Milano zu spüren. Sofort entsteht Unruhe, Passagiere springen auf, rufen, schreien. Geschirr zerbricht, verängstigte Menschen treten in die Scherben. Zeugen werden später erzählen, der Knall sei so laut gewesen, dass es sich anhörte, als sei der Bauch des Schiffes explodiert. Und tatsächlich: Gegen 21.45 Uhr, die meisten Passagiere sitzen beim Abendessen in den Restaurants, kollidiert das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia vor der Insel Giglio an der italienischen Mittelmeer-Küste mit einem vorgelagerten Felsen. Der Rumpf reißt, 70 Meter. Menschen rennen um ihr Leben, finden keinen Platz in den Rettungsbooten, es läuft schief, was schief laufen kann. Am Ende sind 32 Menschen tot, etliche verletzt oder traumatisiert.

Passagiere haben Szenen der Rettung gefilmt. Ein Zusammenschnitt mehrerer Aufnahmen ist auf Youtube abrufbar. Die Filmer und weitere Überlebende äußern Kritik an der Besatzung der Costa Concordia, an ihrem Verhalten während der Evakuierung: überfordert, unkoordiniert, unprofessionell sei sie gewesen. Der Zusammenschnitt zeigt verstörte Passagiere und eine verunsicherte Crew.

Wie zuverlässig handelt der Mensch?

1600 Kilometer nördlich von Giglio, an der deutschen Ostseeküste, fragt man sich, wie genau so etwas verhindert werden kann. Im Institut für Schiffssicherheit in Rostock-Warnemünde forschen Experten unter anderem über die Handlungszuverlässigkeit des Menschen. Die Wissenschaftler um Dirk Sedlacek, geschäftsführender Institutsvorstand, entwickelten Notfallszenarien, erprobt von Schülern der Seefahrtschule Wismar. So gewannen sie Erkenntnisse über das menschliche Verhalten im Seenotfall. Das heißt: Wie reagieren Menschen in extremen Situationen. Und was folgt daraus für die Beschulung der Schiffscrew?

Sedlacek erklärt, dass in einem Notfall lediglich fünf Prozent der Menschen panische Reaktionen zeigen, zum Beispiel durch einen Fluchtreflex. Ein weiteres Zehntel verfällt in Schockstarre. Die große Masse, nämlich 60 Prozent reagiert initiativ – sie benötigt genaue Anweisungen und folgt ihnen. Das übrige Viertel bleibt ruhig und handelt rational. Die Schlussfolgerung der Forscher: „Die rechtzeitige Information der Passagiere ist das A und O“.

Die Amateur-Filmaufnahmen von der havarierten Costa Concordia dokumentieren auch eine Durchsage von der Kommandobrücke kurz nach der Kollision. Es gebe ein Problem mit dem Generator, ist da zu hören, man habe alles unter Kontrolle, die Passagiere möchten bitte in ihre Kabinen zurückgehen und ruhig bleiben. Erst etwa eine Stunde nach der Kollision werden die Reisenden aufgefordert, ihre Schwimmwesten anzulegen und an Deck zu gehen. Viel zu spät.

Ein Blick ins Gesetz

Aus dem Internationalen Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See (kurz: SOLAS für International Convention for the Safety of Life at Sea) ergibt sich unter anderem, dass Schiffe eine Rettungsmittelkapazität von 125 Prozent vorweisen müssen, für 1000 Menschen an Bord müssen 1250 Plätze in Rettungsbooten vorhanden sein.

SOLAS ist eine UN-Konvention, aktuell ist die fünfte Version von 1974 in Kraft. Ursprünglich wurde sie 1914 in London als Reaktion auf den Untergang der Titanic beschlossen und setzte einen Mindeststandard für die Sicherheit auf Handelsschiffen. Die Titanic war am 15. April 1912 nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg untergegangen, 1514 Menschen kamen ums Leben. Sie ertranken oder starben an Unterkühlung, weil nur für die Hälfte der 2224 Menschen an Bord Plätze in den Rettungsbooten zur Verfügung standen. Dabei entsprach die Berechnung der Schiffsarchitekten für Rettungsplätze dem damals geltenden Gesetz. Es legte die Schiffsgröße in Bruttoregistertonnen für die Berechnung fest, nicht die Anzahl der Passagiere und Besatzungsmitglieder. „Ein Schiff gilt immer dann als sicher, wenn es den gesetzlichen Bestimmungen entspricht“, sagt Sedlacek.

SOLAS nimmt seither die Reeder in die Pflicht, die Regeln für den Bau, die Ausstattung und den Betrieb von Schiffen umzusetzen.

Hundertprozentige Sicherheit gibt es trotz aller Regelungen nicht. Sedlacek zeigt das mit folgendem Beispiel: Droht ein Schiff zu kentern und hat bereits Schlagseite von mehr als 20 Grad, können die Rettungsboote auf der höher liegenden Seite nicht mehr zu Wasser gelassen werden. Von den 125 Prozent Rettungsmitteln stehen somit nur noch knapp 65 Prozent zur Verfügung.

Üben für den Ernstfall

Rettungsring
Internationales Rettungszeichen für Rettungsring

Um Seenotfälle besser bewältigen zu können, sehen die Bestimmungen der Internationalen Schifffahrtsorganisation IMO vor, dass die Reedereien innerhalb von 24 Stunden nach dem Auslaufen, mit den Passagieren ein Evakuierungstraining durchführen. Etwa 60 Prozent der Menschen ignorieren einen Alarm zunächst, sagt Sedlacek: „Der Mensch will mit Notfällen nichts zu tun haben“. Deshalb soll er üben.

Beim Evakuierungstraining zeigen Crewmitglieder, wie die Schwimmweste anzulegen ist, wo sich der Sammelplatz befindet. „Das hat aber mit einem Notfall nichts zu tun“, sagt Sedlacek. Zudem zeige die Havarie der Costa Concordia, dass die 24-Stunden-Regelung im Ernstfall oft nicht greift: Am Unglückstag hatte die Costa Concordia in Civitavecchia weitere Passagiere aufgenommen und gegen 19.00 Uhr abgelegt. Als das Schiff um 21.45 Uhr den Felsen rammte, hatte es noch keine Notfallübung für die Zugestiegenen gegeben.

Bei dem Kreuzfahrtenveranstalter Aida Cruises werden die Seenotrettungsübungen daher noch vor dem Auslaufen des Schiffes durchgeführt. Die Mitarbeiter werden an der Aida Academy in Rostock für den Ernstfall geschult. „Jeder muss in der Lage sein, mögliche Notfallsituationen in kürzester Zeit zu erfassen, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können“ sagt Susanne Becker, Kommunikationschefin der Costa-Gruppe, zu der die Aida-Flotte und die Reederei der Costa Concordia, Costa Crociere gehören.

Auch Sedlaceks Institut für Schiffssicherheit bietet Lehrgänge für Schiffsbesatzungen an, unter anderem beschult er mit seinen Kollegen das Aida-Personal. Kapitäne, Nautische und Technische Offiziere sowie die Leiter von Maschinenanlagen müssen einen dreitägigen Kurs absolvieren, Servicepersonal einen eintägigen. Auf dem Stundenplan steht Evakuierung, Krisenmanagement und Führung von Menschenmengen.

Fluchtreflexe

Internationales Rettungszeichen für Schwimmwesten
Internationales Rettungszeichen für Schwimmwesten

Es ist wichtig, in Ausnahmesituationen so vielen Menschen wie möglich zu zeigen, wo es wortwörtlich lang geht. Wenn, wie Sedlacek sagt, fünf von hundert Menschen in Panik verfallen, mag dies zunächst wenig erscheinen. Aber die derzeit größten Kreuzfahrtschiffe der Welt, die Oasis of the Seas und die Allure of the Seas, können mehr als 5.400 Passagiere und 2.165 Besatzungsmitglieder aufnehmen. Fünf Prozent sind demnach mehr als 370 Menschen, die eine Massenpanik auslösen können.

Francesco Schettino, Kapitän der Costa Concordia, soll vor Mitternacht sein sinkendes Schiff verlassen haben, obwohl der Großteil seiner Passagiere noch auf Rettung wartete. Seine Begründung: Er habe bei der Evakuierung geholfen, sei jedoch ausgerutscht und in ein Rettungsboot gefallen. Für das Zurücklassen Minderjähriger und Hilfsbedürftiger, das Verursachen der Havarie sowie wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung und Körperverletzung wurde Schettino im Februar 2015 zu einer Freiheitsstrafe von 16 Jahren und einem Monat verurteilt.

Der Fall der Costa Concordia zeigt: Die Verantwortung des Schiffspersonals ist groß. Nicht nur die Passagiere wollen beruhigt und angeleitet werden, auch die eigene Angst muss kontrollierbar bleiben. Doppelt unglücklich also, wenn der Fluchtreflex ausgerechnet beim Kapitän einsetzt.


Würden Sie sich im Notfall richtig verhalten? Testen Sie sich!

Ente fuer Quiz Schauen Sie im Flugzeug noch den Stewardessen bei ihrer Sicherheitsvorführung zu? Oder nutzen Sie die Zeit lieber, die Speisekarte und das Fernsehprogramm auszuwerten? So machen es viele Passagiere, wenn sie in Gedanken schon im Urlaub sind. Aber Sicherheit ist wichtig – und je besser Sie vorbereitet sind, desto schneller geht es im Notfall. Testen Sie sich selbst: wie viel wissen Sie über Sicherheit auf Schiffen und über richtiges Verhalten bei Seenot?

 

 

(Titel-Foto: Kimmo Virtanen/Zache)

Katharina Kutsche

Katharina Kutsche

Ressortleiterin Wissen
Ist Hannoveranerin und steht dazu. Wollte Musik studieren, ist statt dessen Polizeibeamtin geworden und hat nach 18 Jahren Dienst die Kripo-Marke abgegeben. Mag die Rolling Stones, Bonanza und die USA. Interessiert sich für Korruptionsskandale und liest gern Streiflichter.
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