Tödliche Massen
22. Juni 2015
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Die Loveparade in Duisburg kurz vor dem Ausbruch der Massenpanik
Die Loveparade in Duisburg kurz vor dem Ausbruch der Massenpanik
(Foto: Arne Müseler)

Als der Rettungsassistent Marco Lo Grande am 24. Juni 2010 seine Arbeit aufnimmt, stellt er sich auf einen relativ ruhigen Tag ein. Bei der Lagebesprechung der Malteser Solingen in Duisburg weisen zwar mehrere Kollegen darauf hin, dass es in der Nähe des Güterbahnhofs eng werden könnte. Doch bisher war bei Loveparades alles gut gelaufen. Warum sollte es diesmal anders sein?

Doch dann, gegen 17 Uhr: Alarm. Beim Straßentunnel an der Karl-Lehr-Straße ist eine Panik ausgebrochen, mehrere Leute liegen auf dem Boden, hilflos, hoffnungslos. Als er am Unglücksort ankommt, sieht Lo Grande Verletzte, auch Leichen. „Viele haben überhaupt nicht verstanden, was da passiert ist“, erzählt er.

Es war die Loveparade 2010 in Duisburg, 21 Menschen starben, 541 wurden verletzt. Weil sich große Besuchermassen aus zwei Richtungen an einer Rampe ansammelten, entstand ein zu großer physikalischer Druck. Ganz Deutschland sprach wochenlang über das Ereignis, fast immer war von einer Massenpanik die Rede.

Meist sind die Veranstalter Schuld, nicht die Masse

Gesine Hofinger, Psychologin und Gründerin des „Team Human Factors“ ärgert sich über die Bezeichnung „Massenpanik“: „Der Begriff impliziert, dass Menschen, die in einer Menge zu Tode gekommen sind, irrational oder kopflos gehandelt und so ihren Tod selbst verschuldet haben.“

Dabei sind meistens äußere Umstände der Auslöser eines Unglücks: ein physikalisch zu hoher Druck, wenn zu viele Menschen an einen Ort strömen, ein Brand, ein Einsturz. In solchen Fällen ist es logisch, dass Menschen Angst oder sogar Panik bekommen. Schuld ist aber nicht die Masse, sondern zumeist der Veranstalter.

So auch bei der Hillsborough-Katastrophe im englischen Sheffield am 15. April 1989. Die Polizei machte lange die Liverpool-Anhänger für das Unglück verantwortlich. Bei einem Spiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest leiteten die Ordner diese in großen Gruppen auf eine Tribüne, woraufhin 96 Menschen zerdrückt und zertrampelt wurden und schließlich starben. Inzwischen ist klar, dass der Fehler bei den Organisatoren lag, die zu viele Menschen auf eine Tribüne gelassen hatten. Es breiteten sich zwar Angst und Schrecken unter den Betroffenen aus, doch von einer regelrechten Massenpanik kann keine Rede sein – viele Fans behielten einen kühlen Kopf, halfen ihren Mitmenschen./p>

Viele Schritte in die richtige Richtung

Eine echte Massenpanik, bei der die Angst der Menschen zu einem Unglück führt, ist sehr selten. Thomas Brudermann, Professor für Massenpsychologie an der Universität Graz, ist überzeugt, dass sich gegen Katastrophen wie die Loveparade 2010 viel tun lässt. „Sollte ein gefährliches Massenphänomen aber tatsächlich psychologische und nicht physikalische Ursachen haben, helfen alle Vorkehrungen nur wenig“, erklärt Brudermann. So verursachte 2010 bei einer Gedenkzeremonie in Amsterdam ein wohl geistesgestörter Mann eine Panik, indem er in der Menge herumbrüllte. Sechzig Menschen wurden verletzt.

Unglücke wie die Loveparade und Hillsborough könnten jedoch fast immer verhindert werden. In den letzten Jahren sind viele Schritte in die richtige Richtung getan worden: „Man braucht nur die Neujahrsfeierlichkeiten am Brandenburger Tor von 1990 und 2015 zu vergleichen. Es gibt heute viel mehr Regulierungen“, sagt Brudermann. Veranstalter wissen nun, was hilft: Realistische Annahmen über die zu erwartende Menschenmenge, viel Raum, die Möglichkeit auf die Seiten auszuweichen, leicht auffindbare Fluchtwege. Vor allem müssen sie alle Anwesenden gut informieren – denn schon eine kleine verunsicherte Gruppe kann eine Panik auslösen.

Guillaume Horst

Guillaume Horst

Bildredakteur
In Frankreich geboren. Dann nach Deutschland gezogen. Den Umzug mehrfach wiederholt, im Moment wieder in Deutschland zuhause. Zwischendurch alles Mögliche (Fahrradtaxifahrer, Praktikum im Bundestag, Sprachlehrer,...) gemacht. Letztendlich im Journalismus gelandet.
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