Warten auf den ersten Stich
15. September 2015
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Ich gegen Bienen. Gegen Tausende.

Als Kind hatte ich drei Begegnungen mit Bienen, jede endete mit einem Stich. Seitdem weiß ich, dass ich nicht allergisch auf ihr Gift reagiere. Freunde sind die Bienen und ich dennoch nicht geworden. Lieber pflegen wir ein Verhältnis von gegenseitigem Desinteresse.

Natur bedeutet für mich, einen Abstecher in den Park zu machen. Aber meine Redaktion hat mich, das Großstadtkind, zum Imkern verdonnert. Denn Imkern ist in. Weltweit finden immer mehr Leute Gefallen daran, sich Bienen in der Stadt zu halten. Obwohl die summen, anstatt zu schnurren, kein Stöckchen apportieren, nicht im Laufrad laufen. Dafür besitzen sie einen spitzen Stachel. Yeah.

Um den Trend zu verstehen, begleite ich Kristin Mansmann bei ihrer Arbeit. Sie hält im Münchner Norden 30 Bienenvölker. „In einem richtig großen Volk sind 60 000 Insekten drin“, sagt sie, „manche kriegen da Panik.“ Sehr beruhigend.

Der Sexualtrieb der Biene

Kristin lebt vom Imkern. Sie verkauft den Honig, züchtet Bienen für andere Imker, gibt Imkerkurse. Manchmal kommen Unternehmen vorbei: Imkern als Teambuilding für die Mitarbeiter. Anscheinend schweißt es zusammen, wenn man sich gegenseitig die Bienenstiche einschmiert.

Kristin Mansmann verdient ihr Geld mit Imkern
Kristin Mansmann betreibt eine Bio-Imkerei

Kristin hebt den Deckel vom ersten Bienenkasten. Ich erwarte, dass ein wütend summender Schwarm emporsteigt. Stattdessen: nichts. Die Bienen bleiben ruhig im Stock sitzen. Wir nehmen mehrere Paletten heraus, Riemchen, auf denen die Bienen ihre Waben bauen. Wir begutachten ein Jungvolk. Erst vor kurzem haben sie sich zu einem Staat zusammengefunden. Immer, wenn es den Bienen im Stock zu eng wird, ziehen sie sich eine neue Königin heran. Mit der alten zieht dann ein Teil der Bienen aus und gründet ein neues Volk. „Der Schwarmtrieb ist der Sexualtrieb der Bienen“, sagt Kristin.

Die Bienen diskutieren aus, wohin sie ziehen. Basisdemokratisch. Denn Bienen sprechen miteinander, indem sie tanzen. Da wackeln sie mit dem Hintern, laufen Achter, zeigen einstudierte Schrittfolgen. Aus all dem können die anderen Bienen lesen, wo es gute Nistplätze gibt – oder Blüten mit lecker Nektar, den es zu ernten lohnt.

Leg dich nicht mit Bienen an

Die Drohne und ich
Die Drohne und ich

„Eine Drohne“, sagt Kristin und greift zu. Plötzlich zappelt eine männliche Honigbiene zwischen ihren Fingern. Kristin setzt sie auf meiner Hand ab, mit flauschigen Beinchen tapst sie auf mir herum. Ich warte auf den ersten Stich. Wieder: nichts. „Drohnen haben keinen Stachel“, erklärt Kristin. Glück gehabt. „Das Tolle ist, man wird immun gegen das Bienengift“, sagt Kristin. „Der Schmerz bleibt immer, aber es schwillt nicht mehr an.“ Eine angenehme Freizeitbeschäftigung stelle ich mir anders vor.

Anderen geht es schnell an den Kragen. Sobald eine Hornisse in den Stock eindringt und die erste Biene fressen will, fallen alle anderen über sie her. Sie umhüllen die Hornisse komplett mit ihren Körpern. Der Hornisse wird es bald zu warm. Und wird bei lebendigem Leib gegrillt.

Ich präsentiere rund Tausend Bienen
Ich präsentiere etwa tausend Bienen

Apropos: Ich werde langsam mit den Bienen warm. Auf andere Weise. Ich halte sogar ein Riemchen voller Bienen hoch. „Nicht fallen lassen“, warnt Kristin. Das Riemchen wiegt ein paar Kilo, Tausend Bienen plus Honig haben Gewicht. „Ich kenne Imker, die im Winter Fitnesstraining machen, damit sie keinen Wirbelsäulenschaden beim Hochheben kriegen“, sagt Kristin.

Ich ertappe mich dabei, wie mir das Imkern Laune macht. Für meinen Geschmack hat es als Hobby zu viel mit Stacheln zu tun. Aber es ist faszinierend, dem Gewimmel in den Stöcken zuzusehen. Von außen wirkt es chaotisch. Dabei läuft alles nach einem Plan ab. Jede Biene weiß, was sie zu tun hat. Sie bauen feine Waben, füttern Larven, lagern Honig ein. Für ein Glas davon müsste eine Biene etwa 40 000 Mal ausfliegen, rund 120 000 Kilometer  zurücklegen. Ich habe manchmal schon keine Lust, über die Straße zum Bäcker zu gehen.

Schauspiel für die Augen

Das Leben in einem Bienenstock ist ein kleines Naturwunder. Es verwundert jedoch nicht, dass so viele Menschen Imkern für sich entdecken.

Am Ende der Visite ist Kristin zufrieden, ihre Honigbienen sind gesund. In Zeiten, in denen die Tiere unter tödlichen Milben und Pestiziden leiden, zählt das als Erfolg. Ich bin immer noch stichfrei: ebenfalls ein Erfolg. Vielleicht werde ich ja doch noch zum Naturburschen.

Irgendwann.

(Fotos: Marvin Strathmann)

Maximilian Gerl

Maximilian Gerl

Online-/Social Media-Redakteur
Konnte sich als Kind nie entscheiden: Schreiben oder zeichnen? Hat sich fürs Schreiben entschieden, ist seitdem vor allem für die SZ aktiv. Zeichnete trotzdem gern fürs Schwarm Magazin. Will in Zukunft öfter beides machen. Oder Fernsehen. Oder Radio.
Maximilian Gerl

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