Die Sprache der Kinder

Anne Stöckert ist Spieltherapeutin. In ihrer Praxis gibt es keine Couch, sondern jede Menge Spielsachen und einen Sandkasten.

Sie betreiben nicht-direktive Spieltherapie. Wie läuft das ab?
Die Kinder kommen in die Praxis und ich erkläre ihnen, dass sie machen können, was sie wollen – mit der Einschränkung, dass ihnen und mir nichts passiert und dass sie nichts mutwillig kaputtmachen. Vorher bespreche ich mit dem Kind und den Eltern, was ihr Anliegen ist und welche Ziele es gibt. Dann spreche ich noch einmal einzeln mit Eltern und Kind, sodass jeder die Chance hat, sich unbefangen zu äußern. Da stellt sich oft heraus, dass sich die Anliegen von Eltern und Kind ziemlich unterscheiden.

Heißt das, Eltern sind Teil der Sorgen der Kinder?
Ja, das ist die Krux daran. Wenn die Eltern Schwierigkeiten haben, sich scheiden lassen oder es irgendeinen Verlust gibt, dann nehmen die Kinder das natürlich mit auf – aber anders als die Eltern. Es kann zum Beispiel sein, dass das Kind Streit in der Schule hat und das in dem Moment viel dringender ist als ein Verlust in der Familie. Beides ist meist sehr eng miteinander verknüpft und die Parallelen werden durch das Spiel verarbeitet. Kinder sind mehr mit der Gegenwart beschäftigt. Sie haben diese tolle Gabe, Themen selbst einzubringen, wenn sie sich so weit fühlen.

Wenn die Kinder das hauptsächlich über das Spiel tun, ist es dann nicht schwierig zu erkennen, was sie Ihnen sagen möchten?
Es heißt immer so schön, dass das Spiel die Sprache der Kinder ist. Ich arbeite mit Kindern zwischen vier und 18 Jahren. Die älteren sind natürlich reflektierter als die kleinen Kinder. Manchmal ist es hier im Zimmer ganz chaotisch, aber das zeigt dann auch, dass die Kinder dieses Chaos in sich tragen. Es erfordert viel Konzentration, zu begreifen, was das Kind einem gerade sagen möchte. Deshalb ist es wichtig, über den Therapieprozess zu beobachten, ob sich eine Geschichte weiterentwickelt oder stehen bleibt. Dann muss ich mich entscheiden, ob ich Impulse setzen möchte oder nicht.

Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Bei einem Jungen ging es zum Beispiel um häusliche Gewalt. Er kam aus einer Migrantenfamilie, hatte keine Freunde und konnte nicht gut Deutsch. Er wurde zu mir geschickt, weil er in der Schule oft aggressiv war. Er hat mit Sand gespielt und das war am Anfang total chaotisch, mit vielen Figuren. Nach und nach haben wir ein bisschen Klarheit reingebracht und die Rollen zugeordnet. Es wurden immer weniger Figuren und irgendwann zeigte sich, wo der Frust saß, nämlich gegenüber dem Vater. Als das Spiel durch war, ging es dem Jungen besser. Es gab auch ein Kind, das jede Stunde völlig wild auf einen Boxsack gehauen hat, bis es dann besser war. Das ist die Kunst, das auszuhalten und zu akzeptieren, dass das Kind da durch muss. Ich kann es nur dabei begleiten, aber ich kann dem Kind die Trauer und den Frust nicht abnehmen.

Foto: Alice Hasters
Foto: Alice Hasters

Kinder hören meistens irgendwann auf, richtig zu spielen. Wie äußert sich das bei den älteren Kindern, die hierherkommen? Haben die oft Hemmungen?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich merke jedoch, dass sich die Verwendung der Materialien ändert. Malen und Zeichnen geht immer. Ältere arbeiten zum Beispiel lieber mit Ton oder sie nehmen Musikinstrumente. Häufig gibt es auch bei Älteren ein großes Interesse am Sandkasten.

Glauben Sie, Spieltherapie ist gut für Erwachsene?
Spieltherapie wird schon bei Senioren angewendet und laut Forschungen auch mit Erfolg. Bei Erwachsenen kann die Spieltherapie auch dazu dienen, wieder spielen zu lernen. Wenn sie zum Beispiel Kinder bekommen, lernen sie, wie man auf ein Kind eingeht oder wie sie es aushalten können, dass Kinder immer das Gleiche spielen wollen.

Dass ein Kind immer wieder das Gleiche spielt, ist doch nichts Neues. Warum brauchen Eltern eine Therapie dafür?
Zum einen gibt es viele Eltern, die nie selbst spielen konnten aufgrund von eigenen traumatischen Erlebnissen. Für sie ist es schwierig, das Spielen an die Kinder weiterzugeben. Zum anderen sind viele zu ehrgeizig mit ihren Kindern. Ich rate ihnen zu mehr Entspanntheit, dass sie ihre Ansprüche herunterschrauben und dem Kind Luft zum Atmen lassen. Das Spielen ist nur dann möglich, wenn das Kind Freude entwickeln kann. Dann lernt es auch mehr.

Alice Hasters

Alice Hasters

Redakteurin, hat schon früher Journalistin gespielt und den „Bärendorfer Anzeiger“ für ihre Kuscheltiere geschrieben. Die Zeitung hatte zwei Abonnenten: ihre Eltern. Fürs „echte“ Magazin beschäftigte sie sich mit heilender Spieltherapie und zerstörendem Glücksspiel.