Der Steine-Millionär

Legosteine sind nicht nur Kinderspielzeug. Das beweist René Hoffmeister mit seinen Modellen. Er ist einer von zwölf zertifizierten Lego-Modellbauern weltweit, der einzige in Deutschland.

Morgens zwischen sieben und acht Uhr betritt René Hoffmeister seine Werkstatt in der brandenburgischen Stadt Niemegk. Darin lagern Modelle, reihen sich Schränke und stapeln sich mit Klötzchen gefüllte Kisten im Raum.

Auf fünf rollbaren Tischen türmen sich Laptops, weitere Modelle und offene Kisten. Seinen drei Kindern würde Hoffmeister jetzt vermutlich raten, ihre Zimmer aufzuräumen, er und seine sechs Mitarbeiter arbeiten in diesem kalkulierten Chaos, es fördert Kreativität.

Kreatives Chaos in Niemegk: Das ist René Hoffmeisters Lego-Werkstatt. Foto: Johannes Kirchmeier
Kreatives Chaos in Niemegk: Das ist René Hoffmeisters Lego-Werkstatt. Foto: Johannes Kirchmeier

In der Modellbau-Werkstatt und im Keller darunter lagern knapp 8000 verschiedene Farben und Formen von Legosteinen. Hoffmeister sagt stolz: „Ich bin Steine-Millionär.“ Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck der Lego-Edition von Batman. Vor elf Jahren hat er als Lego-Modellbauer angefangen, als er von einem Motorenhersteller angesprochen wurde, ob er nicht einmal einen der Motoren nachbauen könnte.

gebürtiger ost-berliner: lego-liebe über grenzen hinweg

Der 39-Jährige gründete danach die Firma „Design in Stein“, das Geschäft läuft. „Ich kann mich nicht über zu wenig Arbeit beklagen“, sagt Hoffmeister. Auch, weil er 2008 zum „Lego Certified Professional“ wurde. Er ist der erste und einzige zertifizierte Lego-Modellbauer in Deutschland.

Obwohl es hier etwa 7000 weitere Hobby-Modellbauer gibt, spürt er keine Konkurrenz. Was auch an seiner Zertifizierung liegt: Ein Drittel der Anfragen an ihn kommt direkt über Lego, Hoffmeister bekommt die Steine zudem günstiger.

Kollege Pascal Lenhard steht an einem der Tische und pickt immer wieder Legosteine aus sechs Kisten. In einem Tag zieht er einen weiß-roten Wolkenkratzer hoch. Hoffmeister schaut zu ihm und sagt: „Wir arbeiten grundsätzlich frei Hand, haben oft 2D-Bilder von den Objekten.

Komplett nach einer Vorlage am Rechner haben wir bisher nur zwei Modelle gebaut.“ Lenhard dreht sich immer wieder zur Seite und blickt auf seinen Laptop, bevor er weiterwerkelt. An einer Wand arbeitet er mit schwarzen Steinen. Nach und nach wird klar: Er bastelt das Berliner Wappentier, den Bär, an die Außenwand.

Hoffmeister stammt aus der deutschen Hauptstadt, er ist gebürtiger Ost-Berliner. Eigentlich hatte er also gar keinen Zugang zu Legosteinen. An sie kam er durch seinen Vater, der sie ihm von Geschäftsreisen in die DDR mitbrachte. Als er dann als junger Erwachsener aus der elterlichen Wohnung auszog, verkaufte er alles aus dem Kinderzimmer – nur nicht die Legosteine.

teuerstes modell kostete 85.000 euro

Von denen konnte er sich nicht trennen. Die Freude am Bauen, die in der Jugend abhandenkam, kehrte zurück. Und zwar so stark, dass Hoffmeister sich entschied, sein Informatik-Studium 1999 abzubrechen. „Ich habe mir damals gesagt: ‚Jetzt versuchst du es mal zwei Jahre lang. Und wenn es nicht klappt, kannst du ja immer noch studieren.“ Das musste er nicht mehr. Der Abbruch hat sich gelohnt.

Das Wort Lego kommt vom dänischen Ausdruck „Leg godt“, auf Deutsch „spiel gut“. Doch wie viel hat Hoffmeisters Arbeit, der Modellbau, noch mit Spielen zu tun? Er selbst sagt: „Das Bauen an sich ist wie früher im Kinderzimmer, Stein auf Stein setzen. Außerdem können wir mit Ideen und Bautechniken spielen.“

Am Ende rückt das Legospielen jedoch zwangsläufig in den Hintergrund. „Natürlich müssen wir das Modell bauen, das sich der Kunde wünscht“, sagt Hoffmeister. „Design in Stein“ macht Auftragsarbeit. Und die kostet Geld, das bisher teuerste Modell 85.000 Euro. Das günstigste ginge theoretisch bei fünf Euro los. „Lohnt sich aber nicht. Als Faustformel fangen wir bei einem Modell mit der Grundfläche von einem Quadratmeter an“, sagt der Modellbauer.

Etwa 5000 Euro kostet das inklusive Anlieferung. Die Auftraggeber sind vielfältig: Museen, Unternehmen und Messen schmücken sich gerne mit Lego-Modellen. Für einen Mobilfunkanbieter hat er einen 8,50 Meter hohen Sendemasten gebaut, seine „Queen Mary 2“ steht im Maritimen Museum Hamburg.

eine ausbildung zum lego-modellbauer gibt es nicht

Für das letzte größere Projekt hat das Unternehmen eine Halle in Niemegk angemietet. Die Modellbauer haben einen Rennwagen gebaut, dessen Karosserie zur Hälfte aus Legosteinen nachgebaut ist. Beim traditionsreichen 24-Stunden-Rennen von Le Mans wurde er neben der Strecke ausgestellt. In fünf Wochen war das Modell fertig.

René Hoffmeister steht in seiner Werkstatt in Niemegk. Rechts neben ihm: eine Schraubenwaschmaschine aus Legosteinen. Foto: Johannes Kirchmeier
René Hoffmeister steht in seiner Werkstatt in Niemegk. Rechts neben ihm: eine Schraubenwaschmaschine aus Legosteinen. Foto: Johannes Kirchmeier

Zeit ist Geld, das Wohl der Firma zählt. Auch das verhindert zu viel Spielerei. Sollte er eine Stellenbeschreibung abgeben, sagte er: „Die Balance aus gut bauen können, Kreativität und Zeit ist extrem wichtig. Und die Lego-Begeisterung muss natürlich da sein.“

Eine Ausbildung zum Lego-Modellbauer hat keiner. Die gibt es auch gar nicht. Für Hoffmeister arbeiten Quereinsteiger, unter anderem eine Krankenschwester, ein Maurermeister und ein Pädagoge.

Zwischen 16 und 17 Uhr verlässt er seine Werkstatt dann wieder, schließt die rote Stahltür am gelben Backsteinhaus zu. Die Steine lässt er hinter sich. René Hoffmeister ist dann Familienvater von drei Kindern, die zwar „Lego spielen, aber nicht übermäßig mehr als alle anderen auch.“ Im Gegensatz zu allen anderen haben sie aber einen sehr geübten Mitspieler.

Johannes Kirchmeier

Johannes Kirchmeier

Redakteur, ist in die brandenburgische Provinz gefahren, um einen Lego-Modellbauer zu porträtieren. Das weckte Erinnerungen an seine Kindheit. Er stammt aus einem kleinen Dorf in Niederbayern, seine potenziellen Spielpartner damals: Hund, Katze, Ente, Huhn, Kuh und Schwein.