Also sprach die Achterbahn

Alles wiederholt sich im Leben, alles war schon einmal da 
und manchmal tut es sogar weh. Trotzdem machen 
die Menschen weiter. Wo könnte man diesem Phänomen besser nachgehen als in einer Achterbahn?
Illustration: Victoria Steiner

Die Ersten seien schon gestern Abend mit dem Wohnmobil gekommen, sagt die Frau im Kassenhäuschen. Aus Österreich. „Wir haben einige ganz große Fans“, sagt sie und schiebt mir das Wechselgeld hin. „Und Sie? Sind Sie ganz alleine da?“

Nein, nicht ganz. Ich bin mit Nietzsche da. Also sprach Zarathustra steckt in der Innentasche meiner Jacke, ein gelbes Reclam-Bändchen. Gleich neben dem Blutdruckmesser. Nietzsche gab den Anstoß, er trieb mich in den Freizeitpark. Oller Nietzsche, denken alle, Philosoph, Deutscher, Gott ist tot und so. Dass er auch ein Spaßmacher war, wissen nur wenige. Im Zarathustra schrieb er: Die Welt ist ein Kreislauf, der „sich unendlich oft bereits wiederholt hat und der sein Spiel in infinitum spielt.“ Ewige Wiederkunft des Gleichen also. Diese Einsicht würde die Menschheit erlösen: Wer weiß, dass nichts Neues mehr kommt, kann sich mal eben „selbst segnen“ und das Leben bejahen, das heißt annehmen als „ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt“. Hatte er recht?

Heute werde ich das herausfinden. Heute werde ich sehen, was die Menschen im Innersten antreibt. Warum sie immer weiter laufen, immer weiter arbeiten. Wo sich im Leben doch alles nur wiederholt, alles wiederkehrt. Immer und immer wieder. Um das zu verstehen, muss man Achterbahn fahren. Denn die ist stupide Wiederholung. Warum steigt man freiwillig ein zweites Mal ein, wo man doch schon alles kennt? Warum fahren Kinder immer wieder? Die Antwort darauf muss auch Aufschluss über das Leben geben. Life is a rollercoaster, sagte mal ein anderer großer Philosoph.

Es ist ein kühler Tag, der Frühling kämpft noch mit dem Winter, Saisonstart im Bayernpark. 40 Hektar Vergnügungspark bei Reisbach in Niederbayern. Dort, wo die Menschen nicht „meinetwegen“ sagen, sondern „zwecks meina“. Draußen rattern Traktoren auf den Feldern, drinnen im Park rattert der Freischütz, ein 24 Meter hohes schwarz-grünes Ungetüm und der ganze Stolz des Parks. Der Freischütz ist eine Katapult-Achterbahn, das heißt, der Wagen wird keinen Lifthügel hinaufgezogen, sondern durch ein Magnetfeld hochgeschossen. Von 0 auf 80 km/h in zwei Sekunden, direkt in den ersten Looping, die sogenannte Schreigrampfreim, zu Deutsch: „Schreikrampf-Kurve“. Alle Windungen haben solche einheimischen Namen. Es gibt den Hoiwaden Iwakopfstea („Halbe Überkopfkurve“), das Dradingsl („Dreh-Irgendwas“) oder den Ganz da zwer (?). Für die 483 Meter lange Strecke und fünf Überschläge braucht die Bahn 30 Sekunden. Gemeinsam mit einer Handvoll etwa 150 Zentimeter großer Mädchen steige ich ein. Und dann geht die Fahrt los. Und das Geschrei.

Wir rauschen den ersten Looping hoch, oben wird die Bahn unerträglich langsam. Die Mädels werden kurz still, neben mir sagt jemand leise „Scheiße“ – dann geht es wieder bergab.

Und wieder bergauf. Und wieder bergab. Haarschöpfe flattern im Wind. Jemand, vermutlich ein Niederbayer, schreit „Oh Gott, oh Gott, oh…“ – dann kommt eine Kurve. Ab durch die Wolfsschlucht, durch die Schicksalskurve und den Mongdratza („Appetitanreger“). Mein Puls: 90, Blutdruck: 124. War doch gar nicht so schlimm. „Du siehst aus, als könntest du noch eine Fahrt vertragen“, sagt der Wärter. Ich hüpfe im Sitzen. Nietzsche freut sich mit mir. Ich spüre das Reclam-Büchlein über meinem Herzen. So schön kann Wiederholung sein. Ich merke schon ein bisschen was von der ewigen Freude. Es scheint was dran zu sein an seinen Gedanken von der Lebensbejahung.

Aber dann, während der dritten Fahrt, sehe ich zum ersten Mal kleine Sternchen. Bei der vierten Fahrt wird mir übel. In der fünften beginnt mein rechtes Augenlid zu zucken. Nach der sechsten zeigt der Blutdruckmesser „ERR“ an, nach der siebten pulsiert eine Ader an meiner Schläfe.

Zur Erholung in die Raupenbahn

Der Rekord im Achterbahn-Dauerfahren liegt bei sechs Stunden – jeweils an 192 Tagen in Folge. Ich habe das leise Gefühl, dass das für mich unerreichbar bleibt. Ich habe keinen Puls mehr. Oder finde ich ihn nicht? Zwischenfazit: Ewige Wiederkunft des Gleichen? Check. Vollste Lebensbejahung? Nein. Auf jeden Fall nicht bei mir. Die Kinder kreischen. Wer würde sich denn absichtlich so fertig machen? Ich bin kein Stück klüger als zuvor, im Gegenteil. Ich muss hier raus. Außerdem kann man Nietzsches Gedanken von der Wiederholung doch auch anderswo testen. Zum Beispiel in der Raupenbahn. Die fährt auch im Kreis und die erforderlichen 100 cm Körpergröße bringe ich mühelos auf. Ich sitze drin, zücke Block und Stift, denke über Nietzsche und meine Reporterehre nach. Nächste These: Nicht Lebensbejahung treibt den Menschen an, sondern Lust an der Sinnlosigkeit. Verkommenheit. Dummheit.

Im Wagen hinter mir sitzen zwei Schwestern. Klein, blond, irgendwie das Alter, in dem man jeden Gedanken ausspricht, der einem in den Sinn kommt. Kurz werde ich hellhörig, als sie mit ihren Mädchenstimmen FC Bayern, Stern des Südens anstimmen. Und in dem Moment – es ist die Wahrheit – bricht zum ersten Mal an diesem Tag die Sonne durch die Wolken. Es ist 15 Uhr 17. Der Vater der Mädchen wartet draußen und zeigt jedes Mal, wenn wir an ihm vorbeifahren, den ausgestreckten Daumen. Ich bin schlecht gelaunt und hätte gern, dass er betrunken ist, raucht, kifft, oder zumindest debil grinst. Aber er lässt mich im Stich. Er ist ein geduldiger Vater, einfach so, nicht weil Nietzsche das sagt. An meiner These mag ich nicht mehr festhalten. Nichts ist so, wie man das gerne hätte. Ich stehe da wie ein Totengräber, dem man die Schaufel weggenommen hat.

Life is so not a Achterbahn

Ich will jetzt allein sein und steige in die königliche Schmusebahn, eine Bootsfahrt auf einem schmalen Kanal. Lautsprecher säuseln Feelgood-Walzer. Ständig stoße ich mich an, in einer finsteren Grotte erschreckt mich ein winkender König-Ludwig-Roboter zu Tode. Also zurück zum Freischütz? Im ganzen Park hört man die Schreie der Menschen, die gerade fahren. Irgendwie hab ich ihn liebgewonnen. Die Achterbahn ist brutal, aber sie ist auch das einzig Ehrliche, das einzig Wahre in diesem Park. Sie verbirgt ihr Wesen nicht. Die Mongdratza und Iwakopfstea sind von weitem erkennbar. Ehrwürdig steht sie da, fest gemauert nach deutschen Industrienormen, und also sprach die Achterbahn: „Siehe, ich bin die Achterbahn. Mich zu fahren, kostet einen Teil von dir. Aber du wirst Erquickung und Freuden erhalten.“

Ich weiß, dass mein Körper nach der Fahrt eine schlabbrige Hülle sein wird. Dass ich einen Puls von ERR haben werden und Muskelkater im Hirn (sofern das möglich ist). Ich weiß, was kommt. Das Leben dagegen denkt sich immer neue Iwakopfstea und Mongdratza aus, auf die man nie vorbereitet wird. Und manchmal geht es selbst dann nicht bergauf, wenn es schon lange bergab ging. Damit ist auch klar: Life is not a rollercoaster. Nein. Nie gewesen. Die Achterbahn ist nicht das Leben, sie ist anders: Sie verläuft auf Schienen und man weiß, wann es runter geht. Und wenigstens einmal zu wissen, wie die Sache ausgeht, ist unbezahlbar.

Drum fahre ich noch einmal. Mir ist schlecht, aber ich bin versöhnt mit der Welt. Habe ich mich wirklich gerade von einer Achterbahn trösten lassen? Fast überhöre ich die Frage des Wärters: „Noch mal?“ In seinem Blick liegt kein Hohn. Ich steige trotzdem aus. „Wow! Ich bin jetzt 13 Mal!“, ruft eine Zahnspange mit Bobfrisur ihrer Freundin zu. Die hat draußen gewartet. „Zwölf Mal waren‘s“, sagt sie. „Tun wir Wasserbahn?“ Die beiden hopsen davon. Und ich kehre zurück in die echte Welt. Dahin, wo es wirklich gefährlich ist.

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