Schnitt gegen Schnitt

Naserian war zwölf, als sie beschnitten wurde. 35 Jahre lang fühlt sie sich nicht vollwertig. Dann hört sie vom Desert Flower Center.

Der CD-Player spielte afrikanische Musik. Vor einem Jahr tanzte Naserian im rosa Nachthemd über den Flur der Klinik Waldfriede in Berlin Zehlendorf. Damals ließ sie sich dort ihre Genitalien chirurgisch rekonstruieren. „Diese Klinik ist mein zweiter Geburtsort.“ Heute ist sie wieder gekommen, mit Rosen für An, eine junge Freundin, die gerade aus der Narkose aufwacht.

Dass Naserian auf die 50 zugeht, sieht man ihr nicht an. Dass sie mal gemodelt hat, schon. Sie trägt Stiefel, ein Minikleid aus braunem Samt, einen bordeauxroten Blazer, lange Rastazöpfe, orangefarbenen Nagellack und silberne Teller-Ohrringe. Der pinke Lippenstift auf den dunklen, vollen Lippen wird erst auf dem Weiß des Kaffeebechers richtig sichtbar. Ihre Geschichte will Naserian erzählen, ihren echten Namen aber nicht nennen. Ihre Familie hätte ihre Entscheidung nicht verstanden.

Das Beschneidungsfest ist ein Ereignis

Naserian ist 1967 in Kenia geboren. Als sie zwölf war, entfernte ihr eine Krankenschwester den sichtbaren Teil ihrer Klitoris. Die Beschneidung weiblicher Genitalien ist in einigen afrikanischen und manchen asiatischen Ländern Tradition. Die Mädchen werden in der Vorstellung dieser Gesellschaften so zu vollwertigen Frauen. Es ist ein Ereignis. „Ich habe mich so lange minderwertig gefühlt, weil es kein Beschneidungsfest für mich gab“, sagt Naserian. Der Vater vom Stamm der Samburu hatte die Mutter, eine Massai, verlassen, weil sie keinen Sohn gebar. Nach der Trennung gab es für die Familie keinen Grund mehr, im Dorf zu feiern.

Im Nachhinein sei das fehlende Fest ein großes Glück gewesen, sagt Naserian. „Wenn man es zu Hause macht, schneiden sie oft alles weg.“ Beschneiderinnen genießen hohes Ansehen. Die alten Frauen sehen oft schlecht und arbeiten unter unhygienischen Bedingungen mit alten Messern, Rasierklingen oder Glasscherben. Naserian wurde in einem Krankenhaus beschnitten. Ihr wurde dort „nur“ 
der äußere Teil ihrer Klitoris entfernt. In der Kategorisierung der Weltgesundheitsorganisation fällt Naserian unter Typ I von vier Verstümmelungstypen. Zusätzlich können die inneren Schamlippen abgeschnitten werden, 
bei der krassesten Form werden auch die äußeren Schamlippen bis auf ein winziges Loch zum Urinieren und 
Menstruieren zugenäht.

Die Verstümmelungen werden zumeist ohne Narkose durchgeführt. Ein körperliches und seelisches Trauma für die Frauen. Die Mädchen und jungen Frauen bekommen oft Infektionen, sind anfälliger für Scheiden- und Analfisteln. Sie verlieren schlimmstenfalls durch die Fisteln Stuhl über die Scheide. Eine zugenähte Vagina muss erst wieder aufgeschnitten werden, wenn ein Paar Sex haben will und ein Kind geboren werden soll.

„Alle elf Sekunden kommt ein neues Mädchen hinzu“

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation haben etwa 140 Millionen Frauen weltweit verstümmelte Genitalien. „Alle elf Sekunden kommt ein neues Mädchen hinzu“, sagt Cornelia Strunz. Sie ist Chirurgin und ärztliche Koordinatorin des Desert Flower Center Waldfriede, wo sich Naserian behandeln ließ. Es bietet genitalverstümmelten Frauen seit September 2013 medizinische und psychologische Hilfe. Je nach Grad der Verstümmelung braucht es verschiedene Fachärzte wie Urologen, Enddarmspezialisten oder Gynäkologen. Schirmherrin ist Waris Dirie, die mit ihrer Autobiografie „Wüstenblüme“ das Problem der weiblichen Genitalverstümmelung in die Medien brachte.

Strunz berät die Frauen, die sie „Sister“ nennen, und organisiert die medizinischen Eingriffe. In ihrem Büro hängt eine Karte von Afrika. Naserian sitzt dicht neben „Sister“ Strunz. Sie lacht oft auf, erklärt mit großer Gestik und lauter Stimme. Wenn es um Intimes geht, wird ihre Stimme leiser, der Blick fixiert sich im Nichts. Mehr als eine Stunde lang lässt Naserian die Hand der Oberärztin nicht los, während sie über ihr Schicksal spricht.

Mit 16 lernt sie einen Weißen in einer Disco in Nairobi kennen, geht mit ihm nach England und heiratet ihn. Das geht, weil in ihrem Pass steht, dass sie 1965 geboren wurde, also schon 18 sei. Jede Nacht schläft sie mit ihrem Mann. „Ich wusste, eine gute Hausfrau muss hier etwas fühlen“, sagt sie. „Aber ich habe nichts gefühlt.“ Sie spielt 
die Freude am Sex vor, acht Jahre lang. „Das hat mich 
kaputt gemacht.“

In Deutschland, wo sie und ihr Mann aus beruflichen Gründen hinziehen, wird sie als Model entdeckt. Als die Ehe kaputtgeht, zieht sie nach Berlin, lernt einen reichen Mann kennen. „Ich konnte mir alles kaufen. Dann kam die Frage auf, was ist wirklich mit mir los?“ Herausgeputzt, aber innerlich leer, beginnt Naserian ihre Wurzeln zu suchen. Und geht für zehn Jahre zurück nach Kenia. Dorthin, wo es kein Bewusstsein dafür gebe, dass „Beschneidung ein Problem ist“.

Wenn die Narben weg sind

Wieder in Deutschland, hört sie im Radio erstmals vom Desert Flower Center. Sie ruft Strunz sofort an. Wenig später behandelt Uwe von Fritschen Naserian. 
Der plastische Chirurg nimmt die Rekonstruktionen 
im Desert Flower Center vor. Europaweit gibt es 
nur eine Handvoll Ärzte, die weibliche Genitalien rekonstruieren, denn das ist nicht Teil der medizinischen Ausbildung. Von Fritschens Spezialgebiet ist eigentlich die 
Transsexuellen-Chirurgie. „Bei einer Rekonstruktion tragen wir zunächst das Narbengewebe ab und bringen die Klitoris wieder nach außen“, sagt er. „Hier wird sie an der ehemaligen Position befestigt.“ Das zur Verfügung stehende Gewebe werde so modelliert, dass es der ursprünglichen Form so nah wie möglich kommt. Wenn die Narben weg sind und die Klitoris wieder frei liegt, empfinden die Frauen oft erstmals in ihrem Leben sexuelle Lust.

„Die Frauen wollen durch die Operation in erster Linie ihre Weiblichkeit zurückerlangen. Nicht alle erhoffen sich eine sexuelle Empfindung, zumal sie nicht wissen, was das bedeutet“, sagt Strunz. Die meisten seien im frühesten Kindesalter verstümmelt worden, also bevor sie erstmals sexuellen Kontakt hatten.

Wenn Strunz den Frauen in der Sprechstunde einen Spiegel in die Hand gibt und fragt, ob sie ihre Genitalien anschauen wollen, zögern viele. Sie erklärt dann geduldig, wie die weibliche Anatomie normalerweise aussieht, wo die Klitoris hingehört und dass sie auch noch da ist, dass nur eine Narbe sie verdeckt. Die meisten Frauen haben sich im Intimbereich noch nie angeschaut. „Noch heute muss ich mir erlauben, mich dort anzufassen“, sagt Naserian.

Narbengewebe, Scheiden-Darm-Fisteln und Schließmuskelverletzungen lassen sich im OP schnell behandeln. Viel schwieriger ist es für Naserian, einen Bezug zu ihrem Körper herzustellen. Und einen Mann zu finden, der versteht, dass die Wunde, die ihr vor 35 Jahren zwischen den Beinen zugefügt wurde, ihr ganzes Leben beeinflusst. Probleme, Männer kennenzulernen, hat Naserian keine. Wenn es aber darum geht, sie an sich heranzulassen – körperlich und seelisch – wird es komplizierter. Auch im Moment hat sie einen Verehrer, der unbedingt mit ihr schlafen will. Aber sie ist noch nicht bereit.

„Ich will langsam wachsen“

Seit der Eröffnung des Desert Flower Center haben sich hier fast 30 Frauen ihre Genitalien rekonstruieren lassen. „Die Leute machen sich keine Vorstellung davon, wie mutig diese Frauen sind“, sagt Naserian. Denn was sie verharmlosend „Beschneidung“ nennen, gehört zum kulturellen Fundament, auf dem die Frauen stehen. Menschenrechtsverletzung hin oder her.

Auch Naserian steht auf diesem Fundament und sagt: „Bis jetzt, Gott vergib mir, sind die Beschneidungsfeste schöne Kindheitserinnerungen für mich“, und fragt: „Ist das böse?“ Bei der Beschneidung ihrer älteren Schwester kam das ganze Dorf 
zusammen, es wurde getanzt und gesungen. Mit der Rekonstruktion gerät dieses Fundament ins Wanken. Sogar Naserians Schwester in Kenia weiß nichts von ihrer Entscheidung. „Ich habe ihr erzählt, dass ich noch mal beschnitten wurde.“

Für andere Frauen da zu sein, hilft Naserian bei ihrem Heilungsprozess. Sie hat mit Strunz eine Selbsthilfegruppe für verstümmelte Frauen gegründet. Zur 29-jährigen An, die von Fritschen und Strunz heute morgen operiert haben, hat Naserian ein besonderes Verhältnis. An kommt auch aus Kenia, ist in einem Slum aufgewachsen, kann weder lesen noch schreiben. Erst mit 24 wurde sie beschnitten. „Sie trägt eine solche Wut in sich“, sagt Naserian, „weil sie weiß, wie es vorher war.“

In Naserians Leben hat sich nach der OP viel verändert. Sie studiert Schauspiel, schreibt Lieder, macht Bewegungstheater. Und sie singt wieder. Das hat sie als Kind gerne gemacht. „Nach meiner Beschneidung ging es nicht mehr.“ Wie es mit dem nächsten Partner sein wird, weiß Naserian nicht. „Ich will langsam wachsen.“

Illustration: Julia Hägele und Eva Casper

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