WENN BILDER SPRECHEN

DER KLEINE MUK

Wer anders ist, wird ausgeschlossen. Um anerkannt zu werden, erzählt der kleine Muck Geschichten  Yi Luo zeichnet Comics. Sie zeigen, was es heißt, fremd zu sein

Foto: Ingo Hinrichs
Foto: Ingo Hinrichs

Es war spät am Abend, als Yi Luo nach der Arbeit das Restaurant verließ. Ihr störrisches schwarzes Haar umrahmte das runde Gesicht. Draußen war es bereits dunkel. Die Straße war leer. Da fuhr ein Wagen an ihr vorbei, laut hallte ein giftiges „Ausländer“ durch die Nacht. Luo bekam Angst.

Heute hat Yi Luo diese Angst nicht mehr. Heute findet die Chinesin Ausreden für die Männer im Auto. „Die waren nur betrunken und wollten sich über irgendjemanden lustig machen“, vermutet sie. Heute hat sie Mut – sie ist angekommen.

2007 kam Luo nach Deutschland, damals war sie 22. Über einen Teil des Weges, den sie seither gegangen ist, schreibt und zeichnet sie in ihrem Comic Running Girl. Seit Jahren schon malt sie unter dem Künstlernamen Yinfinity über die Unterschiede zwischen Deutschen und Chinesen. „Aber vor allen Dingen zeichne ich, um eine Frage an mich selbst zu stellen“, sagt sie. „Wie habe ich das alles geschafft damals? Die Sprache zu beherrschen, mich wohlzufühlen.“

Luo schaffte es mit Bildern. Wenn sie heute unterwegs ist, hat sie es noch immer dabei: das kleine Büchlein. Es ist zehn Zentimeter lang, fünfzehn breit. Die Seiten sind rau und dick, ein dunkles Weiß, das sie in nur wenigen Sekunden mit Farbe füllen kann. Das war ihr Ausweg aus dem Sprach-Dilemma. Sie zeichnet, was sie bewegt, lässt die zarten Aquarell-Malereien für sie sprechen.

Plötzlich blickt ein Mensch aus dem Papier, stets sympathisch, immer liebenswert. Es sind keine Mangas und keine Verfremdungen, die sie in zurückhaltenden Tönen auf die Seiten bringt. Die Zeichnungen sind reduziert und doch ausdrucksstark. Luo malt in der Sprache der Zärtlichkeit ihre eigene Realität.

Was Luo in Running Girl beschreibt, ist ein modernes Märchen. Voller Träume kommt die Protagonistin ihres neuesten Comics nach Deutschland. Der Freund ist noch in China. Neben dem Studium, das sie sprachlich zu überfordern droht, arbeitet sie in einem Asia-Restaurant. Tagsüber ist sie müde und hetzt von einem Termin zum nächsten. Abends bedient sie Gäste, über die sie sich Geschichten ausdenkt. Nachts telefoniert sie mit ihrem Freund. Trotzdem meistert sie ihr Leben – bis sie merkt, dass die emotionale Brücke in ihre Heimat plötzlich zerbricht: Der Freund betrügt sie.

Luo, die den Comic zu großen Teilen nach ihrem eigenen Leben zeichnete, blieb trotz allem in Deutschland. Heute ist sie eine der jungen Aufstrebenden der Comicszene. Erst kürzlich wurde sie für Running Girl mit dem Bayerischen Literaturstipendium ausgezeichnet. Die Geschichte sei wichtig für die Gesellschaft und Luo überzeuge mit ihrer „Bildfindung voller Poesie“. Ihre Leser können eintauchen in Luos Leben, in das Verweilen und Aufbrechen zwischen zwei Kulturen, in die Fremde, die man als Deutscher im eigenen Land kaum wahrzunehmen vermag.

Schon als Kind wollte Luo Geschichten erzählen, am liebsten Märchen so wie „der große Hans Christian Andersen“. Ihre Mutter arbeitete in der Schulbibliothek, das Mädchen las von Hexen und Helden. Heute erzählt sie nun ihr ganz eigenes, ganz modernes Märchen: das von der Fremde, die zur Heimat wurde.

Leseprobe aus Yi Luos preisgekröntem Comic „Running Girl“