DAS SUPER-MÄRCHEN

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Foto: Christoph Kürbel

Keine Zeit zum Lesen gehabt? Hier alle Geschichten in einer

Es war einmal eine tunesische Prinzessin, die Leichtathletik liebte. Eines Tages wurde sie Zweite beim 3000-Meter-Hindernislauf. Da entdeckte sie einen deutschen Prinzen auf der Tribüne. Sein schelmisches Grinsen und die blonden Locken stachen ihr sofort ins Auge. „Da ist ein ganz süßer Deutscher angekommen! Wow!“, dachte sie sich. Auch um ihn war es geschehen, als sich ihre Blicke zum ersten Mal trafen. Der Prinz sprang auf, rannte zu ihr. Als er seiner Prinzessin gegenüberstand, sagte er: nichts. Der Prinz war sehr schüchtern. „Habe ich nicht kürzlich Werbung von einem Flirt-Coach erhalten?“, schoss es ihm durch den Kopf. Mit seinem letzten Geld bezahlte er das Basisprogramm, für 690 Dukaten. Durch das Training verstand er, dass er seine Angebetete jeden Tag aufs Neue von seinem überlegenen Status überzeugen musste.

So betörte der Prinz seine Prinzessin. Die beiden wollten heiraten, doch nicht in Tunesien bleiben. Ein Makler hörte vom Traum des jungen Paares und schmiedete einen listigen Plan: die zwei nach Ungarn locken, ihnen eines seiner Schlösschen verkaufen. Der Makler umgarnte sie mit seinem speziellen Lächeln, wissend, siegessicher, ein wenig kokett. Die frisch Verlobten wussten nicht, dass das Dorf am Balaton anders war. Dass dort der Mann ohne Puls lebte und die Frau, die nicht stillstehen konnte.

Sie zogen in das Schlösschen mit der selbstgezimmerten Veranda und planten ihre Hochzeit. Pink sollte die Dekoration sein, die Prinzessin war schließlich eine Frau! Für den Prinzen durfte es nur Grillfleisch geben. Alles wurde so arrangiert, dass es den Geschlechterklischees entsprach. Am Abend vor der Hochzeit lag die Tunesierin im Garten, malte Comics und versuchte, die Einsamkeit in ihrer neuen Heimat zu überwinden. Manchmal spähte sie zu ihrem Nachbarn hinüber. Der stand in Filzsocken auf dem feuchten Holz seiner Terrasse und wirbelte ein brennendes Streichholz durch die Luft. Die Prinzessin stutzte. Sie wusste nicht, dass ihr neuer Nachbar Feuer erregend fand.

Sie beließ es dabei, um noch einmal mit ihrem Vater, dem König, zu telefonieren. Seit sie ein kleines Mädchen war, erzählte er ihr von den Abenteuern ihres Ur-Ur-Großvaters. „Damals gaben sie ihm einen Plastikschlüssel“, sagte er, „den Türöffner zum Paradies der ukrainischen Wikinger. Und durch den Zauber eines afrikanischen Sangomas waren sie unverwundbar!“ Was davon Wahrheit und Lüge war, konnte der senile König nicht mehr unterscheiden.
Der Tag der Hochzeit war angebrochen. Zahlreiche Gäste fanden sich auf dem Hof des Paares ein. Auch des Prinzen alter Freund, ein prominenter Sportmanager, war angereist. Zur Hochzeit hatte er dem Paar ein Knusperhaus gebaut. Aber schon auf dem Weg dorthin angeknabbert. Der Prinz hatte ein anderes Problem. Seine royale Potenz war vor Nervosität flöten gegangen. Doch auf seinen Vater, den alten Quacksalber, war Verlass. Für die erste Nacht hatte er für seinen Sohn Nashornpulver eingeschmuggelt.

Endlich ertönte der Hochzeitsmarsch. Zu Orgelklängen rappte ein tätowierter Jüngling über mystische Symbole und märchenhafte Figuren. Gerade als sich das Paar küssen wollte, verdeckte ein Cumulonimbus die Sonne. „Dachte ich mir doch, dass das eine Gewitterzelle ist“, brummte einer der Gäste, den jeder den Hagelbaron nannte. „Meine Erfolgsquote beträgt bis zu 70 Prozent!“, rief er und schoss in die Luft. Ein warmer Regen tröpfelte auf das Paar. Die Prinzessin blickte ihrem Prinzen tief in die Augen und flüsterte: „Oh mein Prinz, ich verrückt deiner bin und immer ich werde sein!“

… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.