DER HAGELBARON

FRAU HOLLE

Wenn Frau Holle einen Pilotenschein hätte, würde sie bei Georg Vogl arbeiten. Er leitet die Fliegerstaffel der Rosenheimer Hagelabwehr. Vogls Kampf gegen das Wetter ist so leidenschaftlich wie umstritten

Foto: Jana Anzlinger
Foto: Jana Anzlinger

Dieser Cumulonimbus macht ihm schon den ganzen Tag Sorgen. Georg Vogl hat die Haufenwolke vom Büro aus beobachtet. Nun fährt er die Serpentinen im oberbayerischen Alpenvorland entlang zum Flugplatz. Immer wieder verlangsamt er seinen Geländewagen, um aus dem Fenster zu schauen.

Hinter einem Tannenwäldchen liegt der Flugplatz Vogtareuth. Im Hangar parken die beiden Leichtflugzeuge der Hagelabwehr Rosenheim. Sie heißen Hannelore und Käthi.

Wenn die Wetter-Radar-App den Cumulonimbus auch verdächtigt, wird Vogl fliegen. Er wird unter die Wolke gleiten, er wird nach Aufwinden suchen. Dann wird er schießen.

Beim Rosenheimer Landratsamt leitet Georg Vogl die Naturschutzstelle und nebenbei die Hagelabwehr. Als einer von sechs Hagelschützen fliegt er rund einmal im Monat. An den Tragflächen von Käthi und Hannelore sind Generatoren angeschraubt. Sie erhitzen eine Mischung aus Silberiodid und Aceton: Vogls Munition. Wenn er verhindern will, dass es hagelt, schießt er Silberiodid-Rauch in die Aufwinde. Der soll in die Gewitterzelle aufsteigen, damit seine Teilchen sich mit den Wassertropfen aus der Wolke zu winzigen Eiskristallen verbinden. Der Niederschlag soll fallen und auf dem Weg nach unten tauen. So hat er keine Zeit, sich zu großen Hagelkörnern zu verklumpen.

Mit dem Smartphone in der Hand steht der Pilot auf der einzigen Landebahn des Flugplatzes. In der App ist die verdächtige Stelle gelb eingefärbt. „Dachte ich mir doch, dass das eine Gewitterzelle ist“, brummt Vogl. Die Haut des 58-Jährigen ist vom Mountainbiken gebräunt, am Kinn sprießen graue Bartstoppeln. Vogl trägt eine selbsttönende Brille, die an die 70er Jahre erinnert. Trotz der Sehschwäche wollte er immer Pilot werden. Nach dem Wehrdienst bewarb er sich beim Landratsamt. Der Deal: ein Bürojob als Beamter und eine Ausbildung zum Hagelschützen.

Wenn die gelbe Stelle in der App grün wird, heißt das Entwarnung. Wenn sie rot anläuft oder wächst, muss Vogl sofort handeln. Hagel zerstört nicht nur Ernten, sondern, je nach Größe, auch Autos und Dächer und kann sogar
Gehirnerschütterungen verursachen.

Die Arbeit der fünf Hagelfliegerstaffeln in Deutschland ist umstritten. Meteorologen meinen, dass die Methode nicht funktioniert. „Wir haben in 70 Prozent der Fälle Erfolg“, entgegnet Vogl. Das Problem: Im Nachhinein kann niemand beurteilen, ob es ohne seinen Einsatz gehagelt hätte. Ende der 80er gab das Rosenheimer Amt eine Studie in Auftrag. Nach sechs Jahren ohne Ergebnis wurde sie beendet. Vogls Herzensprojekt war in Gefahr. Doch viele Bewohner der 4800 Quadratkilometer großen Hagelrisikozone standen hinter der Fliegerstaffel. Vogl gründete mit Lokalpolitikern eine Art Unterstützer-Allianz: den Verein zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung im Raum Rosenheim. Seitdem rechtfertigen tausende Mitglieder, dass das Landratsamt die Flieger finanziert.

Auf dem Flugplatz ist es still. Die Gewitterzelle ist nicht mehr gefährlich, zeigt der Radar. Georg Vogl steckt sein Handy in die Tasche und schaut den Cumulonimbus grimmig an. Der verzieht sich in Richtung Stratosphäre.