DER MANN OHNE PULS

Foto: Erol Gurian
Foto: Erol Gurian

Helden in Märchen leiden, doch meistens gibt es ein Happy End. Auch Manfred Krauses Kampf mit einem Herzfehler hat ein gutes Ende genommen. Vorerst  sein Leben hängt noch immer an einem seidenen Faden

Manfred Krauses Leben hängt an zwei schwarzen Taschen. Er trägt sie an den Hüften. Verliert er sie, muss er sterben.

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Die Taschen wiegen zusammen 3,6 Kilo und enthalten vier Batterien sowie zwei Steuereinheiten. Die Geräte unterstützen sein Herz. Seit 2014 arbeitet es nicht mehr richtig. „Ich ging wegen Atemproblemen zum Arzt“, erzählt er. „Es stellte sich heraus: Mein Herz ist zu groß.“
Die genaue Ursache kennt Krause nicht. Er weiß nur, dass es zu schwach ist: Das Organ kann seinen Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen. Medikamente, Reha und chirurgische Eingriffe halfen nicht. Krause musste sich entscheiden: ein künstliches Herz – oder der Tod.

Wenn Krause in der Früh aufsteht, zieht er zuerst das Netzkabel aus der Steuereinheit. Dann befestigt er die schwarzen Taschen an seinen Hüften und blickt auf die Bilder im Regal gegenüber: Eins zeigt ihn im jungen Alter, in Anzug, mit einem Lächeln im Gesicht. Neben ihm eine Frau in einem weißen Kleid: Iryna. Krause hat die Russin 2001 in München kennengelernt. Dort studierte sie Deutsch. Die beiden heirateten noch im selben Jahr.

Am 3. September 2014 lag Krause auf dem OP-Tisch. Er war 49 Jahre alt. Das Risiko, bei dem Eingriff zu sterben, war hoch. Krause war pragmatisch: „Ich wäre ja so oder so gestorben“, sagt er, „durch die Operation bekam ich eine zweite Chance“.

Das Bild neben Krauses Hochzeitsfoto zeigt ihn und seine Frau auf einer Parkbank. Krause ist stark abgemagert. Auf dem Boden steht eine Bierflasche. Er lächelt. „Das Bier war das erste nach der OP, was ich schmecken konnte. Es war wunderbar.“ Die Operation dauerte viereinhalb Stunden. Krause erwachte mit einem Stechen in der Brust und ohne Puls. An sein Herz haben die Ärzte zwei Pumpen angeschlossen: eines an die rechte Kammer, das andere an die linke. Zwei Kabel hängen aus seinem Bauch heraus, sie führen zu den schwarzen Taschen. Die Pumpen arbeiten wie Turbinen. Sie treiben das Blut unablässig durch seinen Körper. Deswegen kann Krause bei sich keinen Puls mehr fühlen. Ein leises Summen in seiner Brust sagt ihm, dass die Maschine noch arbeitet, dass er noch am Leben ist. „Es war für mich eine Wiedergeburt.“

 

Im Notfall versorgt das Auto sein Herz mit Strom

Heute trägt Krause tagsüber immer die Taschen bei sich. Wenn er das Haus verlässt, nimmt er noch einen Rucksack mit. Darin hat er vier weitere Batterien und zwei Steuereinheiten – für den Notfall. Jede Batterie hält rund sieben Stunden. Sein Auto hat er umbauen lassen, sodass er bei einem Stromausfall eine Energiequelle hat. In seinem letzten Urlaub in Kroatien hatte er seinen Dreifachstecker vergessen. „Wir waren auf einem Campingplatz“, erzählt er. „Zum Glück konnte ich da einen leihen.“

Seine Ausstattung beschert Krause auf der Straße manchmal komische Blicke. Zum Beispiel während eines Weihnachtsfests in der Münchner Innenstadt. Krause kramte in seinem Rucksack nach Batterien. Die ganze Zeit über beobachtete ihn dabei ein alter Mann. Eine Frau zog ihn schließlich weg. „Sie sagte: Komm schon, der tut nichts“, erzählt Krause. „Er dachte wohl, ich bin ein Terrorist.“

Die Fotos stehen in einem Regal, das Krause selbst gebaut hat. Seit 30 Jahren ist er gelernter Handwerker, seine Ausbildung zum Schreiner schloss er aber erst spät ab. Der Grund: eine schwere Kindheit, über die er nicht viel verraten will. Mit 13 ging er freiwillig in ein Kinderheim, mit 16 war er ein halbes Jahr in der Psychiatrie. Als er volljährig wurde, zog er vom Ruhrgebiet nach München. Dort lebte Krause eine Zeit lang auf der Straße. Eine Wohnung konnte er sich erst leisten, als er eine Lehrstelle in einer Schreinerei bekam. Später arbeitete Krause in einem Parkettvertrieb. Sein Chef dort verlangte ihm viel ab. „Wir mussten ständig verfügbar sein“, sagt Krause heute. „Auch am Abend und am Wochenende.“ Er kündigte und gründete später seine eigene Firma als Parkettverleger.

Trotz seiner Behinderung versucht Krause noch zu arbeiten. Dennoch ist er auf das Geld vom Sozialamt und seiner Frau angewiesen. Die Uniklinik Großhadern präsentiert Krause aber als positives Beispiel: Eine Kardiologin hat Fotos von ihm, wie er Parkett verlegt. „Sie möchte ihren Studenten zeigen, dass auch Herzkranke arbeiten können“, sagt Krause. Er besucht auch andere Patienten, um ihnen von seinem Leben mit Kunstherz zu erzählen. Er macht das aus Überzeugung, denn dank der Technik ist er am Leben: „Ich habe so viel Lebensmut und will ihn mit anderen teilen. Viele Patienten haben Angst. Ich möchte sie ihnen nehmen.“

Krauses Einstellung schützt ihn nicht vor Einschränkungen. Sicherheitsschranken sind tabu. Und generell alles, was mit Magneten zu tun hat. Sie können die Steuereinheit beschädigen. Auch zu Fernsehern, Computern oder Handys muss er einen halben Meter Abstand halten: „Ich habe mal mein Handy in meine Brusttasche gesteckt“, sagt er. „Danach war die Batterie kaputt.“

Krause lebt seit zwei Jahren mit seinem Kunstherzen. Die rechte Herzkammer hat sich erholt, die Pumpe könnte entfernt werden – theoretisch. Doch Krause verzichtet auf die riskante Operation. Auch ein neues Herz will er nicht haben. Zum einen möchte er keinem Jüngeren die Chance nehmen zu leben. Zum anderen wäre er dann abhängig von Immunsuppressiva. Das sind Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, damit es das neue Herz nicht abstößt. „Meine Frau arbeitet viel mit Kranken“, sagt er. „Ich könnte sie dann nicht mehr umarmen, ohne mich anzustecken.“

„Meine Motivation ist: fünf bis sechs Jahre leben“

Ganz ohne Gefahren lebt Krause trotzdem nicht. Wo das Kabel in den Körper eintritt, besteht erhöhte Infektionsgefahr. Zudem muss er regelmäßig Marcumar nehmen, ein Medikament, das die Blutgerinnung hemmt. Es verhindert, dass sich Gerinnsel am Herzen oder im Gehirn bilden und vermindert so sein Risiko für Thrombosen und Embolien. Seinen Gerinnungswert muss Krause regelmäßig messen. Zwischen 2,5 und 3,5 ist er ideal. Auch wenn er dreimal so hoch ist wie bei einem gesunden Menschen.

Wie lange er mit seiner Pumpe noch am Leben bleibt, weiß Krause nicht. In seinem Körper arbeitet die dritte Generation von Kunstherzen. Die Technologie ist noch neu und die Lebenserwartung nicht abzuschätzen. Wenn die nächste Generation auf den Markt kommt, hat Krause die Möglichkeit auf ein Upgrade: „Meine Motivation ist: fünf bis sechs Jahre leben“, sagt er. „Bis dahin gibt es eine neue Technologie.“

Trotz allem bleibt Krause Optimist: „Ich liebe mein Leben, bin seit 15 Jahren glücklich verheiratet“, sagt er. „Das alles aufgeben wegen einer negativen Einstellung? Nein!“