DER TRAUM VOM GOLD

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Foto: Nadine Cibu

Sie wollen Gold gewinnen und von der Gesellschaft anerkannt werden: Drei junge Tunesierinnen träumen von den Olympischen Spielen. Und stoßen nicht nur auf der Rennstrecke auf Hürden

Marwa Bouzayanis helles Seidenkopftuch färbt sich an den Seiten dunkelgrün. Den Schweiß wischt sie mit dem rechten Ärmel ihres Langarmshirts weg. Die Sonne brennt auf die Tartanbahn im Leichtathletikstadion in Rades. Und auf die Haut der anderen fünf Hindernisläuferinnen, die knappe Shorts und T-Shirts tragen. Bouzayani spürt die Strahlen nur auf dem Gesicht und auf den Händen. Nervös zupft sie an dem roten Überzieher, den sie über ihrem Sportshirt trägt. Ein weißes Stoffschild klebt darauf: Tunisie, 326. Bouzayani leuchtet rotweiß, in den Farben ihrer Landesflagge. Sie atmet ein letztes Mal tief aus. Dann bringt sie ihre Arme und Beine in Startposition für den 3000-Meter-Lauf. Knall. Bouzayani rennt los.

Nur eins von sechs Geschwistern konnte weiter in die Schule

Auf den Wiesen rund um die Südseite des offenen Stadions liegen junge Tunesier und feuern ihre Freunde an. Über die Nordseite erstreckt sich eine weitläufige Tribüne. 3000 Menschen hätten Platz. Es sind die Mittelmeerspiele, doch nur ein paar Dutzend Zuschauer haben den Weg nach Rades auf sich genommen. Ein massives Metalldach schützt sie vor der Hitze. Die Treppen zur Ehrentribüne sind brüchig. Nur dort oben gibt es Sitzkissen. Und den besten Blick auf das Stadion. Die Einheimischen nennen das Gelände die nationale Sportstadt. Es wurde gebaut, damit das nordafrikanische Land Veranstaltungen austragen kann, die für den Zusammenhalt des Volkes stehen. Als ein Zeichen gegen Extremismus und Terrorismus. An diesen Leichtathletik-Mittelmeerspielen nehmen Sportler unter 23 Jahren teil. Sie sind aus Ländern der Mittelmeerregion wie Spanien oder Griechenland angereist. Die Disziplin der 19-jährigen Marwa Bouzayani ist der Hindernislauf.

Erst Ende der fünfziger Jahre wurden Tunesierinnen allmählich in den Schulsport integriert. Ein knappes Jahrzehnt dauerte es, bis sich Sportlerinnen in die Weltspitze vorgekämpft hatten und öffentlich wahrgenommen wurden. Bei den Mittelmeerspielen gewann das erste Mal eine tunesische Leichtathletin eine Goldmedaille. Mittlerweile sind Frauen und Männer im Sport gleichwertig. Dennoch müssen Tunesierinnen noch immer gegen konservative Rollenverständnisse kämpfen. Besonders in ärmeren Regionen des Landes sind Frauen den Männern untergeordnet. Die fehlenden finanziellen Mittel hindern sie daran, sich eigene Ziele zu stecken. Stattdessen müssen sie gemeinsam mit den Kindern ihr Überleben sichern.

Für Bouzayani war die Leichtathletik eine Chance, der Armut zu entkommen. Bei ihren zwei Schwestern und drei Brüdern reichte das Geld weder für eine weiterführende Ausbildung noch für eine sportliche Karriere. Als Jüngste konnte sie mehr erreichen. Zwei Männer halfen ihr dabei: ihr Vater und ihr Trainer. Sie investierten in Bouzayanis Zukunft. Der eine Liebe und Aufopferung, der andere Ermutigung und Hartnäckigkeit.

Ein Sieg veränderte Marwas Leben

Bouzayani läuft auf den Wassergraben zu. Es ist die zweite Runde und sie liegt in Führung; mittlerweile ist es knapp 30 Grad heiß. Doch Bouzayani muss durchhalten. Die Italienerin läuft nur eine Schrittlänge hinter ihr. Die beiden Jungathletinnen biegen um die Kurve und rennen auf das Hindernis zu. Bouzayani kann nicht mithalten. Ihre Konkurrentin läuft als erste durch den Wassergraben.

Marwa Bouzayanis erste Hürde war ein verpasster Bus. Sie war elf Jahre alt, damals wie heute fand ein jährlicher regionaler Sportwettbewerb für alle Schulen statt. Bouzayani kannte bis zu diesem Tag kein Training. Wer seine Kinder fördern wollte, musste zahlen. Und das konnte ihr Vater nicht. Sporthallen gab es keine. Laufen war für Bouzayani ein Zeitvertreib, der Wettbewerb ein Spiel.

An diesem Vormittag kam Bouzayani eine halbe Stunde zu spät. Das Schulgelände war leer. Es fuhr kein Bus mehr, der das Mädchen zum Wettbewerb bringen konnte. Bouzayani wollte es nicht glauben. Vier Stunden verharrte sie vor dem Schulhaus. „Ich habe gehofft, dass irgendjemand kommt und mich begleiten wird“, sagt sie. Doch es kam niemand. Den ganzen Heimweg weinte sie. Zuhause nahm der Vater seinen „kleinen Pudel“ – so nennt er sie – in den Arm. Er streichelte ihr über das Gesicht und sagte: „Nächstes Jahr begleite ich dich. Ganz früh. Dann wirst du den Bus nicht verpassen.“

Im nächsten Jahr erreichten Bouzayani und ihr Vater die Bushaltestelle eine Stunde vor der Abfahrt. Endlich war es soweit: Die Zwölfjährige lief zum ersten Mal eine Strecke von 1500 Metern. Sie hielt durch und wurde Erste. Sie ging als Gewinnerin nachhause. Der Sieg sollte ihr Leben verändern.

Eine Leidenschaft, zwei unterschiedliche Sportlerinnen

Dritte Runde. Die Algerierin nähert sich. Sie versucht zu überholen. Bouzayani zieht an. Vor ihr liegen noch zwei Runden. Sie kneift kurz die Augen zu, vor sich noch immer die Italienerin. Sie muss sich konzentrieren. In der Ferne vermischen sich die Jubelrufe „Los, Marwa!“ zu einem rhythmischen Sausen.

Vom grünen Hügel aus verfolgt eine junge Frau das Rennen. Sie ist Stabhochspringerin im tunesischen Nationalteam. Ihr schwarz gelocktes Haar trägt sie offen, die Aufschrift Tunisia ziert ihr enges, weißes Tanktop. Auf ihren Beinen liegt ihr Handy. In der Sonne glänzt auf der Hülle die Aufschrift „Feel Your Run“. Dorra Mahfoudhi kennt Bouzayani nicht persönlich. Nur die Leidenschaft für den Sport und der Traum vom olympischen Gold verbinden die jungen Frauen. Sonst könnten beide nicht unterschiedlicher sein.

Die 23-jährige Mahfoudhi gehört zu den jungen Tunesierinnen, die in einem toleranten Umfeld aufgewachsen sind. Die Selbstbewusstsein und Stolz ausstrahlen. Mahfoudhis Französisch ist fließend. Ihre Gesten sind ruhig und bedacht. Zwischen Männern und Frauen sieht sie keinen Unterschied. Mahfoudhi fühlte sich von ihren Eltern nie benachteiligt. Ihre Brüder mussten genauso im Haushalt mithelfen wie sie.

Mahfoudhi wuchs in einer kleinen Stadt namens Beja auf, 102 Kilometer westlich von Tunis. Ihr Vater arbeitet als Kinderarzt, ihre Mutter als Laborantin im Krankenhaus. Wie ihre beiden älteren Brüder begann Mahfoudhi im Alter von sechs Jahren mit Gymnastik. Bereits in der Grundschule trainierte sie in der Mittagszeit, während die anderen Schülerinnen Pause hatten. Schulschluss bedeutete für Mahfoudhi: zurück in die Sporthalle, weitertrainieren.

Solange sie gute Noten nachhause brachte, unterstützen die Eltern ihren Ehrgeiz. Dieser führte sie mit 15 Jahren in die tunesische Nationalmannschaft. Disziplin: Stabhochsprung. Ihr fehlte es an nichts. Mahfoudhis Eltern sorgten für das Nötigste. Den Rest erkämpfte sie sich selbst. Und das wollte sie auch.

Dennoch sieht Dorra Mahfoudhi die Herausforderungen für arabische Frauen im Sport kritisch. Als junge Stabhochspringerin musste sie sich ihren männlichen Trainern unterordnen, deren konservativen Anweisungen folgen. Bei internationalen Wettkämpfen verboten sie Mahfoudhi mit Jungen ihres Alters zu sprechen. Die Jugendliche konnte sich weder wehren noch die Mentalität der Teamchefs ändern. Die Verbote waren für Mahfoudhi eine moralische Zensur. Sie fühlte sich erniedrigt. Oft wollte sie ihren Standpunkt erklären. Mitteilen, dass sportliche Veranstaltungen ihr die Chance bieten, von anderen Kulturen zu lernen. Niemand wollte ihr zuhören.

Mit 23 Jahren lässt sich Mahfoudhi nicht mehr unterdrücken. Sie wisse genau, wie sie mit diesen Menschen umzugehen habe, was sie ihnen entgegnen würde: „Ich bin frei, ich kann mich unterhalten, mit wem ich will. Wenn die meinen, dass ich dadurch jemandem schade, dann ist das ihr Problem. Wir haben nicht die gleiche Mentalität!“

Zwischen Schule und Karriere als Sportlerin

Die Italienerin läuft nur eine Nasenlänge vor ihr. Bouzayani ergreift die Chance. Sie beschleunigt. Beide Frauen biegen um die Kurve. Bouzayani schiebt sich an ihrer Gegnerin vorbei. Noch eine Runde. Ihre Fans feuern sie noch lauter an. Nur ihr Vater fehlt.

Marwa Bouzayanis Vater ist Landwirt, sein Geld reichte nicht für die Reise. Mit seiner Familie lebt er in einer ländlichen Region im Distrikt von Regueb, 37 Kilometer von Sidi Bouzid entfernt – der Stadt der tunesischen Revolution. Seit Jahren ringt Sidi Bouzid mit Armut und Arbeitslosigkeit. Bouzayanis Vater besitzt ein Stück Land, einige Ziegen und Schafe. Was er verdient, muss zum Überleben reichen. Kleinere Bauern wie er leiden auch nach der Revolution im Jahr 2010 unter Isolation und fehlender Infrastruktur. Finanzielle Unterstützung fließt nach wie vor in die größeren Regionen wie die Hauptstadt Tunis im Norden des Landes.

Bouzayani und ihr Vater telefonieren täglich. Auch am Morgen vor dem Wettkampf hat sie auf seinen Anruf gewartet. Sie saß auf der Terrasse eines Hotels im Touristenviertel Gammarth. Aus dem Schatten des Sonnenschirms beobachtete sie die schimmernden Sonnenstrahlen auf dem Hotelpool. Immer wieder griff sie in ihre Jackentasche und knabberte Kürbiskerne. An diesem Wochenende teilte sie sich ein Zimmer mit einer Teamkollegin. Unruhig wippte sie auf dem Stuhl. Vielleicht war es gar nicht die Aufregung vor dem Wettkampf. Sie fieberte hin auf eine andere, ebenfalls existentielle Prüfung: den zweiten Teil ihres Abiturs, wenige Stunden nach dem Hindernislauf.

Die erste Hälfte hatte Bouzayani vor knapp 18 Stunden bewältigt. In Sidi Bouzid, das 280 Kilometer vom Hotel entfernt liegt. Bouzayani wechselt seit acht Jahren zwischen Schule und Sportplatz. Doch aufgeben will sie nichts von beidem, kann sie nicht. Als Einzige in der Familie hatte sie das Privileg, die Schule weiterzuführen.

Habiba Ghribi, ein Vorbild für junge Tunesierinnen

Die letzte Runde. Mit aller Kraft hält Bouzayani ihre Geschwindigkeit. Ihre Freunde auf der Tribüne schreien: „Los, Marwa, du schaffst das, los!“ Doch die algerische Läuferin überholt sie kurz vor der Ziellinie. Bouzayani lässt sich auf die Tartanbahn fallen. Verdeckt mit beiden Armen die Augen. Einige Minuten liegt sie einfach nur da. Bouzayani weiß in diesem Moment noch nicht, dass ihr zweiter Platz zur Qualifikation für die Jugendweltmeisterschaft gereicht hat.

Bei den Juniorweltmeisterschaften nahm früher auch Bouzayanis Idol teil, Habiba Ghribi. Für viele junge Tunesierinnen ist sie ein Vorbild. Sie verkörpert Kampfgeist und Durchhaltevermögen und lebt den Traum der jungen Läuferin Bouzayani. Auch Ghribi trainierte zeitweise im Stadion von Rades. Die mittlerweile 32-Jährige befreite sich aus den armen Verhältnissen ihres Heimatorts Kairouan und kämpfte sich zu den Olympischen Spielen in London 2012 durch. Sie siegte gegen die fehlende Unterstützung und die mangelnden Ressourcen in ihrem Land. Ghribi setzt sich dafür ein, dass die gesetzlich bestimmte Gleichberechtigung in der Gesellschaft umgesetzt wird, auch im Sport. Dass keine extremistischen Ansichten gewinnen. Dass sich arabische Sportlerinnen bei Wettkämpfen frei bewegen können.

Ghribi wurde wegen ihres freizügigen Outfits bei den Olympischen Spielen in London überschüttet mit Hasskommentaren von radikalen Islamisten. Auf sozialen Netzwerken wurde gegen die Sportlerin gehetzt: Sie beschäme die tunesische Frau. Man solle ihr die Staatsbürgerschaft entziehen. Die 32-Jährige ließ sich nicht beirren. 2015 wurde Ghribi zur arabischen Frau des Jahres gewählt. Und das in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Habiba Ghribi repräsentiert das neue Tunesien. Jemanden, der sich bei jedem öffentlichen Auftritt für die Rolle der tunesischen und arabischen Frauen stark macht. Auf der Pressekonferenz vor dem Start dieser Leichtathletikspiele sagte die Olympiasiegerin: „Ich widme meine Medaille den tunesischen Frauen. Und ich bin stolz, die tunesische und arabische Frau mit Würde zu repräsentieren.“

Zwei Männer unterstützten Bouzayani

Der Traum vom Gold kam Marwa Bouzayani erst vor einigen Jahren. Die Zwölfjährige besuchte damals seit kurzem ein Internat. In ihrem kleinen Heimatdorf gab es keine weiterführenden Schulen. Ihr Vater sparte noch mehr, um das nötige Geld für seine Tochter aufzutreiben. Wenn Bouzayani über diese Zeit spricht, zieht sie ihre Mundwinkel nach unten. „Es war schon hart, mich von meiner Familie zu entfernen“, sagt sie, „doch ich hatte keine andere Wahl“. Einmal in der Woche nahm ihr Vater den Bus und besuchte sie. Das waren die Momente, die Bouzayani bis heute liebt. Zweisamkeit mit ihrem „Baba“ – so nennt sie ihn. Anrufen konnte er sie damals nicht. Es gab keine Telefonleitungen.

Für Bouzayani begann ein neues Leben. Binnen eines Jahres wurde sie Zweite beim interregionalen Schulwettbewerb und Erste beim nationalen. Mit nur einmal Schultraining pro Woche. An Freitagnachmittagen tobte sich die Tunesierin auf dem Sportplatz aus. Anschließend fuhr sie mit dem Bus nachhause, um ihren Vater bei der Arbeit auf dem Acker zu begleiten.

Ihr Sportlehrer und künftiger Trainer erkannte Bouzayanis Potenzial. Er hatte nur ein Ziel: sie in das Zentrum für Leichtathletik nach Sidi Bouzid zu schicken. „Da drüben hast du ein besseres Leben. Du kannst jeden Tag trainieren. Die ganz großen Sportler des Landes haben dort auch trainiert“, sagte er immer wieder zu ihr. „Und du kannst eine von ihnen sein.“ Bouzayani wollte nicht. Ihre Zweifel waren stärker. Und die 50 Kilometer Entfernung zu ihrem Vater zu viel.

Doch ihr Trainer gab nicht auf. „Das Zentrum wird vom Staat finanziert“, sagte er zu Bouzayani. „Dein Papa muss keine Gebühren mehr zahlen.“ Das war das entscheidende Argument. Sie lächelt, wenn sie sich an das darauffolgende Gespräch erinnert. „Baba, ich möchte in dieses Zentrum gehen“, bettelte sie. Ihr Vater schwieg. Bouzayanis Mutter war dagegen, ihre Tochter so weit weggehen zu lassen. Dann nahm er sie in den Arm und sagte: „Ich liebe dich. Hau schon ab.“

Bouzayani steht auf der zweiten Stufe der samtüberzogenen Siegertreppe. Ihr wird eine Silbermedaille um den Hals gehängt. Tränen laufen über ihre Wangen. Mit beiden Armen hält sie die tunesische Flagge hoch. Durch die Lautsprecher ertönt jedoch die algerische Nationalhymne. Marwa Bouzayani ist heute Zweite geworden. Für sie ist das ein Sieg, der sie ihrem Traum vom Gold näher bringt. In einer Woche wird sie sich bereits als Gewinnerin fühlen: Da wird Bouzayani erfahren, dass sich die Doppelbelastung Sport und Schule gelohnt hat. „Bestanden! Gott sei Dank. Oh Gott!“ wird sie auf Facebook posten. Und 100 Likes darunter finden.