„DIE ZEITEN WERDEN IMMER EKLIGER“

Foto: Erol Gurian
Foto: Erol Gurian

Der böse Junge will seine Ruhe. Der Rapper Kontra K, früher gefürchtet, gibt sich geläutert. Und doch treiben ihn manche Dinge immer noch zur Weißglut

Foto: Erol Gurian

Einen Rapper aus den Socken zu hauen, ist gar nicht so leicht – es sei denn, man trifft ihn in einer Luxusimmobilie. Im höchsten Gebäude am Ku´damm in Berlin verschlägt es Kontra K kurz die Sprache. Als er wieder Worte findet,
führen wir ein Gespräch über mystische Symbole im Rap, interaktive Musikvideos und die Sehnsucht nach Ruhe. Mit Reihenhaus, grünem Tee und einer extra Portion Liebe? Nicht ganz. Kontra K ist trotzdem anständig geworden. Noch vor wenigen Jahren war er Gangster. Seine Sprache war härter. Genau wie seine Crew. Erst multikriminell, inszeniert sich Kontra K, bürgerlich Maximilian Diehn, heute als Saubermann. Seine Lieder heißen Erfolg ist kein Glück oder Disziplin. Der 29-jährige Berliner schläft bei Kindergeschichten neben seinem kleinen Sohn ein und erreicht mit seiner Musik ein breites Publikum. Im Mai landete er mit Labyrinth, seinem fünften Soloalbum, auf Platz eins der Charts.

1001: Welches krasse Märchen wird über dich erzählt?

Kontra K: Meine Mutter hat über ein paar Ecken gehört, dass ich drogenabhängig sei und noch immer gewaltbereit. Das ist auf jeden Fall ein übles Märchen.

Also stimmt’s nicht?

Nein, Drogen nehme ich nicht. Und ich bin auch nicht gewaltbereit, wenn mich niemand dazu treibt. Es gibt bestimmt tausende solcher Märchen, die über mich erzählt werden. Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, ist die Zielscheibe größer und alle möglichen Leute werfen Dreck auf dich. Meine Freunde wissen aber, wie ich wirklich bin. Alles andere ist mir egal. Lass Märchen Märchen sein.

Wie provoziert man dich denn so richtig?

Indem man lügt. Auf Schwächeren rumhackt. Die Realität verdreht. Und sich immer alles schönredet. Das geht bei mir gar nicht.


Was passiert, wenn du wütend wirst?

Da kann alles passieren. Jeder hat mal solche Ausrutscher. Dann kann es sein, dass ich einen rauche oder zu viel trinke und irgendwo zwei Tage versacke. Ich hasse mich dann fünf Tage und mache weiter. Man darf halt nicht immer nur auf die kleinen Dinge schauen, sondern muss die komplette Entwicklung im Auge haben. Und die ist positiv bei mir. Ich schaffe es nicht mehr, mich jeden Tag wegzuknallen.

Deine Fangemeinschaft hat sich mit der Zeit stark vergrößert. War das dein Ziel, als du deinen Imagewandel weg vom fiesen Gangsta-Rapper inszeniert hast?

Es war nicht unbedingt ein Wandel. Ich habe mir einfach gesagt, dass ich besser damit fahre, anders zu leben. Vorher war ich jemand, mit dem man nicht viel zu tun haben wollte. Das hat mir viele Chancen verbaut. Also habe ich mich selbst geändert, mein Umfeld ist aber immer noch dasselbe. Ich verurteile da keinen. Man baut Scheiße und fliegt damit total aufs Maul. Wichtig ist, daraus zu lernen.
Irgendwann dachte ich mir: Was würde mein Vater dazu sagen, was mein Sohn?


Dein Sohn ist jetzt zwei Jahre alt. Welche Geschichten erzählst du ihm?

Wir lesen gerade Bobo Siebenschläfer. Die Storys kann ich inzwischen alle auswendig, weil ich sie ihm so oft im Halbschlaf vorlese. In Zukunft werden noch andere Geschichten dazukommen. Aber keine modernen Sachen. Ich finde die Lyrik und alles, was dort beschrieben wird, langweilig und toterzählt. Die alten Märchen transportieren viel mehr Werte.


Welche Bedeutung haben traditionelle Werte wie Familie oder ehrliche Arbeit für dich?

Diese Werte leben sich tot. Es gibt so viele Angebote; wie ein riesiger Malkasten, mit dem du alles machen kannst: Wie schnell kannst du dir auf Instagram mittlerweile eine neue Freundin besorgen? Heute ist alles viel zu leicht. Alles! Keine Beziehung hält mehr, alle lassen sich sofort wieder scheiden. Heiraten, scheiden, heiraten, scheiden. Das gab es früher nicht. Wenn früher das Radio kaputt war, wurde es repariert, heute kaufst du dir für ’nen Fünfer einfach ein neues. Die Leute sehen nur noch, was du alles haben könntest und das ist der Fehler. Da mache ich nicht mit.

Du machst es besser?

Ich mache es ungezwungener, weil ich oft darüber nachdenke und es mir persönlich wichtig ist. Ich bin sicherlich kein Paradebeispiel für funktionierende Beziehungen oder den Umgang mit Kindern. Aber ich gebe die Werte in meiner Musik so weiter, wie ich sie verstehe, weil mir das guttut.

Nehmen die Leute dir deine Texte ab?

Größtenteils ja. Ich predige nicht einfach herum, sondern mache meinen Standpunkt klar. Jeder Mensch sollte einen haben. Wenn du ihn gut vertreten kannst, nehmen dir die Leute das auch ab. Und selbst wenn nicht: Ich mache mir darüber keinen Kopf mehr. Das ist halt die Welt da draußen. Die Leute, die meine Musik hören, gehen diesen Weg auch mit mir. Sie ziehen mit und es entwickelt sich eine Dynamik, die weit weg von einem kurzen Popkult ist.

In deinen Songs kommen mystische Symbole und märchenhafte Figuren vor, zum Beispiel Wölfe. Warum?

Das hat sich so ergeben. Meine Freunde und ich haben uns früher verhalten wie ein Rudel Wölfe. Wir waren nicht schlecht, aber auch weit weg vom Guten. Die Leute mussten uns mit Vorsicht genießen. Unsere Eltern haben immer gesagt: Ihr seid kein Teil dieser Gesellschaft und hört auf niemanden. Das habe ich in meiner Musik aufgegriffen und weiterentwickelt. Ich mag es, nicht ständig über Reimschemata oder irgendwelche Techniken nachdenken zu müssen. In den Köpfen der Leute soll ein Film ablaufen.

Im deutschen Rap werden gerne Mütter gefickt, du benutzt märchenhafte Symbole. Was ist für dich guter Rap?

Es kann schon sein, dass man solche Ausdrücke mal benutzt. Das ist die Sprache der Jugend. Mir wurde letztens die Frage gestellt, warum „schwul“ im Rap oft immer noch als Beleidigung gilt. Wenn das ein Rapper benutzt, ist er natürlich nicht gleich homophob. Er meint mit „Ey, du Schwuchtel“ einfach „du Schwächling“. Du kannst und darfst vieles machen. Rap ist Kunst. Ich sage aber bewusst „vieles“ und nicht „alles“. Persönlich benutze ich solche Ausdrücke fast gar nicht. Ich habe eine klare Vision, wie meine Musik aussehen soll und die verfolge ich konsequent.

Wie sind die Reaktionen auf deine Musik?

Ich bekomme oft Feedback. Es ist zwar viel Müll dabei, aber auch sehr krasse Storys. Ein Mädchen in Australien ist schwanger und muss eine Chemotherapie machen. Sie weiß nicht, ob ihr Kind das überlebt. Mit ihr schreibe ich ab und zu. Und wenn die Musik ihr dann hilft: umso besser.

Ist Musik nicht in erster Linie Selbsttherapie?

Beim Texten spielt das eine große Rolle, ja. Wenn ich schreibe, bin ich wahrscheinlich wieder mal auf die Fresse
geflogen. Dann schreibe ich auch mal harte Sachen. Und dann ficke

ich auch mal Mütter. Also in meinen Texten. Ich brauche solche Momente, in denen ich am Boden liege oder mit dem Rücken zur Wand stehe. Sachen, die mich gejagt haben, packe ich aufs Papier und schöpfe aus ihnen ungeheure Kraft. Das Leben ist unendlich erzählbar.


Mit deinem fünften Soloalbum
Labyrinth bist du im Mai erstmals auf Platz eins der Deutschen Charts eingestiegen. Welche Bedeutung hat das für dich?

Keine. Die Luft, die wir hier wegatmen. Ich bin dadurch nicht reicher und kein besserer Mensch. Diese Platzierung hat nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher. Heute geht jeder Dulli auf die Eins. Ich freue mich, wenn ich eine goldene Schallplatte kriege. Dann weiß ich, dass 100 000 Menschen meine Musik gekauft haben. Das kann ich anfassen, das kann ich meinem Sohn zeigen. Aber Platz eins, zwei oder zehn zu sein – das ist mir egal.

Du hast zu deiner Single An deiner Seite ein interaktives Video gedreht. Der Zuschauer bestimmt den Ausgang der Geschichte. Wie kam es zu der Idee?

Ich wollte was anderes machen als in diesen ganzen 08/15-Videos und wollte auch mal die Schauspielerei ausprobieren. Das lief so mäßig. Wir wollten mit Rückblenden arbeiten, verschiedenen Zeitperspektiven. Und der Zuschauer sollte eingreifen können. Der Produzent Max Niemann hatte Bock und ich brauchte eine geile visuelle Idee für den Song.

Warum wird am Ende die Hexe erschossen?

Weil sie halt eine Hexe ist. Nur mein Charakter weiß, wer sie wirklich ist. Ein Mob will sie lynchen. Ich lasse das nicht zu, weil ich für Prinzipien einstehe. Die Story sollte eigentlich noch krasser werden, aber das ging dann aus Zeit- und Budgetgründen nicht. Das ist etwas, was ich ganz am Anfang meiner Karriere schon lernen musste: Setz deine Erwartungen viel zu hoch an, dann kriegst du am Ende vielleicht das, was du brauchst. So haben wir das bei dem Video auch gemacht.

Siehst du die Gefahr, dass durch solch ein interaktives Video deine Musik in den Hintergrund rückt?

Das ist mir latte. Aber wenn eine Million Leute das Video spielen, die meine Musik vorher nicht kannten, fragen die sich irgendwann: Was läuft da für ’ne Scheiße im Hintergrund? Und wenn nur 10 000 es gut finden, habe ich ja auch wieder was gewonnen. Also: win-win.

Du rappst nicht nur, sondern trainierst in einem Boxclub Jugendliche und hast mit deinem Bruder eine Firma als Industriekletterer. Ist das nicht anstrengend?

Ich gehe auf dem Zahnfleisch. Aber ich mache das alles für den höheren Zweck. Der einzige Grund, warum ich arbeite, ist Ruhe. Ich weiß, dass ich sie irgendwann haben werde. Die Zeiten werden immer ekliger. Wer weiß, wann es so richtig knallt? Dann will ich hier weg sein. Irgendwo, wo es schön ist. Vorher muss ich jagen und sammeln.

Eklig klingt radikal. Was meinst du damit?

Um die, die nichts haben, kümmert sich keiner. Da ist doch klar, dass die immer krimineller werden. Ich sage nicht, dass es hier Ghettos gibt. Aber in Berlin entwickeln sich schon Subkulturen in manchen Bezirken. Das ist erst mal nicht schlimm. Es ist gut, dass es diese Orte gibt. Aber die Leute auf der Straße machen ihr eigenes Recht. Dann kommen wir wieder genau dort hin, wo ich herkomme. Und da will ich nicht mehr hin.


Bringst du deswegen schwierigen Jugendlichen das Boxen bei?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe schon einen gewissen Einfluss. Allerdings sehe ich die Jungs nur beim Sport. Ich merke nicht immer, ob jemand zuhause Probleme hat, geschlagen wird, oder selbst auf die Straße geht und sich prügelt oder klaut. Wenn ich es mitbekomme, spreche ich die Jungs darauf an. Oder ich rede mit ihren Familien. Ich benutze das Training, damit sie gar nicht mehr dazu kommen, Scheiße zu bauen. Zwei von zehn kannst du so gerade biegen. Das ist schon echt viel.

Du hängst viel mit Bonez MC und Gzuz ab. Das sind zwei harte Gangster. Wie passt das zu dir?

Der Lifestyle ist schon sehr unterschiedlich. Ich mache lieber meinen Sport und brauche einen klaren Kopf. Aber es sind trotzdem meine Freunde, wir haben den gleichen Ursprung. Das sind Menschen, die du magst, obwohl du ihre Macken kennst. Umgekehrt ist das genauso, ich bin schließlich auch nicht immer der Samariter.