LIEBE AUF DEN ERSTEN BLOCK

Foto: Julia Viegener
Foto: Julia Viegener

Es gibt sie, die Liebe auf den ersten Blick. Obwohl Pina Vincenzi und Achim Rosemeyer kein Wort des Anderen verstehen, wissen sie nach fünf Tagen: Wir heiraten! Mit einer einfachen Idee überwinden sie ihre größte Hürde

 

Es ist der 8. Juni 1959. In Cesenatico, einer kleinen italienischen Hafenstadt in der Nähe von Rimini, dämmert es bereits. Ein junger Mann betritt das Hotel Diana. Es ist noch ein Zimmer frei. Der 22-Jährige nimmt sein Gepäck und macht sich auf den Weg in die erste Etage. Auf der Treppe dreht er sich noch einmal um. Da fällt ihm eine Frau auf. Sie steht an der Rezeption und telefoniert. Elegante Kleidung, toupierte Haare, große dunkle Augen. Als sich ihre Blicke treffen, ahnt er nicht, dass er mit ihr einmal Kinder und Enkelkinder haben wird.

57 Jahre nach ihrer ersten Begegnung sitzen Pina und Achim Rosemeyer in ihrem Wohnzimmer. Sie haben Besuch von ihren Enkelinnen Elena und Nicoletta, 23 und 17 Jahre alt. Ungezählte Bücher und Fotos erinnern an Reisen und die ersten Jahre ihrer beiden Kinder. Durch die großen Fenster können sie die vielen Blumen, rot, orange, rosa und violett, in ihrem Garten sehen. Achim Rosemeyer schenkt seiner Frau ein Glas Weißwein ein. Pina Rosemeyer nimmt einen kleinen Block vom Glastisch und blättert in den dünnen, vergilbten Seiten. Sie dokumentieren den Anfang ihrer Liebe.

„Ich liebe Dich non per 14 giorno, sempere sempre. No faccio complimento ma verità. Ist nicht nötig, ich dich glaube“

Eigentlich wollte Achim nicht nach Italien fahren, sondern nach Schweden. In seiner Heimatstadt Lingen im Emsland tauscht er einige Tage vorher Mark in Kronen. Als er die Bank verlässt, trifft er einen Bekannten und erzählt ihm von seinen Reiseplänen. Der arbeitet bei der Lingener Tagespost und hat schon viele Länder gesehen. „Schweden ist ein schönes Land“, sagt er. „Aber hast du viel Geld? Schweden ist teuer.“ Er schlägt Achim Italien vor. Günstig und schön sei es dort, vor allem in Cesenatico. Achim geht zurück in das Bankgebäude und tauscht Kronen gegen Lire. „Die haben mich angeschaut, als ob ich nicht alle Tassen im Schrank hätte“, sagt er später. „Aber der Tipp hat sich gut angefühlt.“

Venedig – Cesenatico – Rom – Paris. Das ist sein Plan. In Venedig bleibt er nicht einmal über Nacht – zu heiß, zu viel Gestank. Nach Rom und Paris wird er in diesem Sommer nicht mehr reisen. Es waren Zufälle, die Achim Rosemeyer zu seiner großen Liebe führten. Der Bekannte empfahl ihm das Hotel Milano in Cesenatico. Dort angekommen, ist Achim mit der Unterkunft nicht zufrieden. Ein Hotel weiter sind alle Zimmer ausgebucht. Der Rezeptionist bringt ihn in das Hotel Diana. Dort trinke er selbst jeden Morgen seinen Espresso.

„Io molto non capire in Italia. Mir missfallen aber nicht können empören Gewohnheit italiana. Auch wenn missfallen“

Pina Vincenzi ist 21 und an diesem Abend zufällig im Hotel ihrer Eltern. Sie will sich in der Nachbarstadt neue Kleider anfertigen lassen. Im Foyer des Hotels telefoniert sie gerade mit der Schneiderin, als ihr der schelmische Blick und die blonden Locken des neuen Hotelgastes auffallen. Sie rennt in die Küche, wo ihre Tante gerade das Abendessen vorbereitet: „Da ist ein ganz süßer Deutscher angekommen! Un tedesco bellino! Wow!“

Für beide steht fest, dass sie sich kennenlernen wollen. Aber Pina und Achim können sich nicht einfach unterhalten, von ihrem Leben erzählen, einander Komplimente machen. Achim spricht Deutsch und Englisch, Pina Italienisch und Französisch. Die Hürde vom Blick zum Gespräch scheint unüberwindbar.

Beim Abendessen trifft Achim eine Lehrerin aus Berlin, die ein wenig Italienisch spricht. Um der schönen Pina näherzukommen, bittet er seine neue Bekanntschaft zu übersetzen. Noch am selben Abend verabreden sich die drei. Die Deutsche ist für Pina und Achim mehr als eine Übersetzerin. Nur ihretwegen dürfen sie sich treffen. Denn ihre Familie möchte nicht, dass Pina alleine mit dem
jungen Mann unterwegs ist. „Anstandswauwau“ nennt Achim Rosemeyer ihre Begleitung heute. Gemeinsam fahren die drei an den Strand oder mit dem Cabrio nach
Ravenna und San Marino.

An ihrem ersten gemeinsamen Tag haben Pina und Achim eine Idee. In einem Tabacchi-Laden in Cesenatico kauft Achim zwei Notizblöcke und zwei Wörterbücher. Deutsch – Italienisch, Italienisch – Deutsch. „Victory – Blocco per Note“ steht in Blockbuchstaben und Schnörkelschrift auf dem Deckblatt. Mit Stift und Zetteln wollen sie die Sprachprobleme besiegen. Tage später wird Achim seinen Eltern eine Postkarte schreiben: „Das Hotel ist gut. Das Essen sehr gut. Die Tochter noch besser. Ich bin glücklich.“

Fünf Tage nach ihrer ersten Begegnung küssen sich Achim und Pina zum ersten Mal. Das Datum, der 13. Juni 1959, ist in ihrem Ehering verewigt. Spätestens seit ihrem ersten Kuss wissen beide, dass sie ihr Leben gemeinsam verbringen wollen. „Das war die glücklichste Zeit unseres Lebens. Weil wir uns nicht verstanden und kaum gestritten haben“, sagt Achim Rosemeyer heute und lacht seine Frau an. „Wir haben uns nur geküsst und geknutscht“, erinnert sie sich und kichert. Damals brauchen Pina und Achim ihre Übersetzerin nicht mehr. Ihre Gefühle gestehen sie sich auf Zetteln.

„Ich nicht kommen spazieren ‚Auto’ warum für eine Mädchen ‚italiana’ ist nicht gut bleiben immer mit ein Junge. Aber ich habe Vergnügen bleiben mit du ‚Capito’?“

Pinas zwei Tanten, zwei Onkel, Oma und Opa im Hotel erkennen schnell, dass sie viel Zeit mit dem jungen Mann aus Deutschland verbringt. Ohne ihren jüngeren Bruder oder einen anderen Begleiter dürfen sie nicht einmal ein Eis essen gehen. Sie können sich damit arrangieren. Bis Pina nach Hause fahren muss.

Achim kennt ihre Adresse nicht. Er sucht sie, fährt in ihr Dorf nach Sala und fragt jeden, den er sieht: „Pina? Pina?“ Aber in Pinas Dorf wohnen mindestens zwölf Frauen mit diesem Namen. Er findet sie nicht. Deshalb fährt Achim zurück zum Hotel und bittet Pinas Großvater um Hilfe. „Der hat mich nur gefragt: ‚Katholisch? Gut, dann helfe ich dir.’“ Pinas Nonno bringt Achim nach Sala. Während ihre Mutter distanziert auf den Besuch des Deutschen reagiert, verstehen sich Achim und Pinas Vater auf Anhieb. Sie teilen eine Gemeinsamkeit: Er ist erfolgreicher Schütze im Preisschießen, Achims Vater ist Jäger.

„Grazie tante per bello antimerdiano! Ich liebe Dich molto, moltissimo! Molto moltissimo! Molto molto moltissimo!!! Tu anche????? Sì, Sì or No, No! Molto or moltissimo???“

Nach einigen Tagen darf Pina wieder zurück ins Hotel Diana zu Achim. „Aber nur sitzen“, erzählt sie. „Immer vor der Bar, nebeneinander und fertig.“ Sie gehen nicht tanzen, sie gehen in kein Restaurant. Mithilfe der Wörterbücher tauschen sie sich in dem Block über ihr Leben und ihre Gefühle aus. Am Strand mit Bleistift, an der Bar mit
Kugelschreiber. In Infinitiven und Substantiven gestehen sie sich ihre Liebe und planen eine gemeinsame Zukunft.

Als Achim zurück nach Deutschland fährt, weint Pina eine Woche lang. Sie isst nicht, verlässt kaum ihr Zimmer. „Ich dachte, ich sehe ihn nie wieder. Es erschien mir alles so unwahrscheinlich“, erinnert sie sich. Zwar steht für beide längst fest, dass sie heiraten wollen. Trotzdem zweifelt sie. Dann kommen endlich die ersten Briefe. Achim schickt ihr drei auf einmal. Auf Deutsch. Für die Übersetzung von Achims Briefen ins Italienische und ihren eigenen Briefen ins Deutsche gibt Pina ihr gesamtes Taschengeld aus. Und das ihres Bruders. Am achten jeden Monats sendet ihr Achim rote Rosen nach Italien. Dem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal gesehen haben.

In Deutschland kauft sich Achim Schallplatten mit italienischen Liedern und Textbüchern. Ein Bekannter, der als Soldat in Italien stationiert war, hilft ihm mit der Grammatik. Vor seiner Reise verband Achim mit Italien nur die Filme mit Anna Magnani. „Alles in Schwarz, alles in Trauer. Ich dachte, so sehen die Italienerinnen alle aus“, erinnert er sich. Im August können Achim und Pina zum ersten Mal telefonieren. In ihrem Dorf gibt es nur ein Telefon. „Wir haben nur geweint“, erzählt Pina. Er sagt: „Ich liebe dich.“ Sie: „Ti voglio bene“, „Ich liebe dich“, „Ti voglio bene“. Der Anruf ist teuer. Er wird der einzige in diesem Jahr bleiben.

„Nach lang nacht ohne dich, ich verrückt werdene ohne dich (…)“

Neben Achim und Pina Rosemeyer, auf den großen Ledersofas, sitzen die Cousinen Elena und Nicoletta und folgen aufmerksam den Erzählungen. Auch sie waren schon oft in Cesenatico, konnten den Ort der ersten Begegnung aber nie sehen. Das Hotel Diana wurde 1990 geschlossen. Heute beherbergt die Eingangshalle eine Bücherei. Die beiden möchten wissen, wie die Eltern von Nonno und Nonna auf die Pläne des jungen Paares reagiert haben.

„Damals hatte man einen anderen Blick auf Italien“, sagt Rosemeyer. „Reiseberichte gab es nur von Goethe.“ Achims Vater ist gegen die Pläne seines Sohnes, seine Mutter verliert ihre Zweifel erst, als sie Pina kennenlernt. Auch Pinas Eltern sorgen sich um ihre Tochter. Deshalb schreiben sie dem Priester in Lingen einen Brief und erkundigen sich nach Achim und seiner Familie. „Der hat nicht gewusst, dass ich bescheuert bin“, lacht Rosemeyer. „Aber der meinte, du wärst katholisch!“, erinnert sich seine Frau. „‚Gute Familie, guter Junge’, hat er geantwortet.“

Pinas Mamma hatte sich eigentlich Paolo aus Bologna oder Julien aus England an der Seite ihrer Tochter gewünscht. Paolos wohlhabende Familie war oft zu Gast im Hotel. Sie besaßen zwei Firmen – eine für Parmigiano-Käse und eine für Motorräder. Aber Pina wollte ihn nicht. Hätte sie Achim nicht kennengelernt, wäre sie vielleicht eine Lady geworden. Julien war adelig und sofort in Pina verliebt. Aber sie erwiderte die Gefühle ihrer Verehrer nicht. Achim hatte vor Pina zwar einige Frauen kennengelernt, eine Ehe konnte er sich aber mit keiner von ihnen vorstellen. Erst bei ihrer Begegnung sind sich Pina und Achim sicher. „Das Gefühl kann man nicht beschreiben“, sagt Achim Rosemeyer. „Nicht nur einer, sondern wir beide wussten nach ein paar Tagen: Wir heiraten!“

Im Oktober will Pina nach Deutschland fahren, um Achim wiederzusehen und seine Familie kennenzulernen. Weil sie ihn nicht alleine besuchen darf, fragt sie eine Freundin, die in Basel wohnt: „Lucia! Wenn ich alles zahle, bringst du mich dann nach Deutschland?“ Lucia ist einverstanden, doch die Reise ist kompliziert. In der Schweiz erfährt Pina, dass sie ein besonderes Visum für Deutschland braucht. Nach zwei oder drei Tagen öffnet das Konsulat. „Erst als die irgendwann ausgeschlafen waren, konnte ich es beantragen“, erzählt sie. Lucias Schwiegertochter organisiert die Zugtickets und vereinbart mit Achim einen Treffpunkt. Am Dortmunder Bahnhof wartet er auf die beiden Frauen, aber Pina und Lucia kommen nur bis Duisburg. Mühsam – ohne Sprachkenntnisse, ohne Orientierung – suchen sie eine Verbindung nach Lingen und finden Achim endlich.

„Ich liebe dich, aber wenn ich denken, wass dass du bald gehen weg, ich ärgern mich für sein verlieben mich wie eine Gans. Dann ich anklammern mich auch mit du!“

In Italien hat Pina jeden Tag genossen. Lange schlafen, nachmittags an den Strand, Cappuccino und Bomboloni in der Sonne. Abends machte sie sich schick und ging mit Freunden aus. In Lingen gewöhnt sie sich um. An einem Morgen wäscht sie ihre Kleidung. Stolz hängt sie ihre feinen Unterhöschen an die Leine – mit Rüschen und Chiffon, in allen Farben: apfelgrün, rosa, azurblau. „Als meine Schwiegermutter das gesehen hat, ist sie ganz hektisch geworden“, erinnert sie sich. „Sie hatte Angst, dass ich ihren Jungen verführe.“ Achims Mutter geht mit Pina einkaufen. „Liebestöter aus Wolle“, sagt sie lachend, „gelb und bis zu den Knien.“

Die schöne Italienerin fällt im bäuerlichen Emsland auf. In Lingen wohnen zu dieser Zeit kaum Ausländer, andere Kulturen sind den Menschen fremd. „Ich war geschminkt und toupiert, elegant, hatte tolle Kleider – die standen alle hinter den Fenstern.“ Manchmal, wenn die Leute blöd gucken, streckt Pina ihnen die Zunge heraus. Auch Achims Freunde wollen ihm ins Gewissen reden: „Das ist ein Modepüppchen! Das geht nie gut, lass die Finger davon!“

„Du musst danzen mit alles die mädchen mehr hässlich und unsympathisch andernfalls ich bin ‚gelosa’!!!!!!!!!“

Pina hat ihre Entscheidung nie bereut, mit Achim nach Lingen zu gehen. „Ich war so verliebt, ich wäre mit ihm nach Alaska gegangen“, sagt sie. Pina zieht nach Deutschland und lernt die Sprache. Sie liest Zeitung, schaut fern, lädt Achims Freunde ein. Wenn ihre Mutter fragt, ob sie Italien vermisse, antwortet Pina: „Ich vermisse nur meine süße Kasse.“ Im Hotel konnte sie sich nehmen, was sie wollte. In Deutschland muss sie mit Achim die erste Wohnung bezahlen und mit dem Haushaltsgeld zurechtkommen. Trotzdem ist sie glücklich. Am 19. Juni 1961 heiraten sie in einer alten Villa in Pinas Heimatort Sala, wenige Kilometer von Cesenatico entfernt.

In diesem Jahr feiern Achim und Pina Rosemeyer ihre Juwelenhochzeit. Ein kleines Fest im Garten des Ehepaars ist geplant, mit Spanferkel und Bier. Er lacht: „So kann aus einem verkorksten Schweden-Urlaub…“, und sie ergänzt, „…dein Lottogewinn werden“. Pina Rosemeyer legt den Block wieder auf den Wohnzimmertisch. Auf dem losen ersten Zettel steht mit Bleistift: „Oh Achim, ich verrückt deiner bin und immer ich werde sein!“