LOW RENNT

 

Daeumling Titel

Mit 15 verliert sie beide Beine. Zehn Jahre später holt Vanessa Low bei den Paralympics Gold im Weitsprung – ihre Siebenmeilenstiefel sind aus Karbon

Foto: Roderick Aichinger
Foto: Roderick Aichinger

Vanessa Low kann nicht stillstehen. Sie trippelt auf der grauen Anlaufbahn im Olympiastadion von Rio de Janeiro hin und her. Es ist nicht die Nervosität, bei den Paralympics zu sein, die sie so unruhig erscheinen lässt. Anstelle von Beinen ragen aus ihren Shorts schwarze Schäfte, Kniegelenke aus Metall und gebogene Füße aus Karbon. Würde die Leichtathletin sich mit ihren Sportprothesen nicht bewegen, würde sie umfallen. Low läuft an, kraftvoll schwingt sie ihre Arme, beschleunigt. Die Spikes ihres rechten Karbonfußes treffen den Absprungbalken. Dann hebt sie ab. Bei 4,93 Metern landet sie im Sand. 14 Zentimeter weiter als ihr eigener Weltrekord aus dem Jahr 2015. Mit dem Sprung sichert sie sich die Goldmedaille.

Zehn Jahre ist der Unfall her, bei dem Low ihre Beine verlor. Ob sie damals, mit 15 Jahren, vor die Regionalbahn geschubst wurde oder ob sie von selbst fiel, weiß sie nicht. Sie lag im Koma und musste operiert werden. Mühsam lernte sie, mit ihren künstlichen Beinen zu gehen.

André Thonagel war vier Jahre lang der Prothesentechniker von Low. Optimistisch, fröhlich und sehr ehrgeizig, so beschreibt er seine ehemalige Kundin. „Es war von Anfang an klar“, sagt er, „dass sie laufen will und wird“. Menschen mit einer ähnlichen Behinderung sitzen oft im Rollstuhl. Low konnte zweieinhalb Jahre nach dem Unfall eigenständig mit ihren Alltagsprothesen gehen. Heute zieht sie sie morgens an und legt sie erst wieder ab, wenn sie abends ins Bett geht. Sie sind für die 26-Jährige mehr als ein Hilfsmittel: „Sie sind ein Teil von mir, sie sind meine Lebensqualität und meine Mobilität.“ Low fährt Auto mit den Prothesen, trägt sie beim Krafttraining und lackiert die Nägel ihrer künstlichen Füße.

Der Sport hat ihr geholfen, den Unfall zu verkraften, ist sich Low sicher. Schon im Krankenhaus beschloss sie: Er sollte ein wichtiger Teil ihres Lebens bleiben. Vorher hatte sie Handball gespielt und war Snowboard gefahren. Nun konzentrierte sie sich mit ihren Prothesen auf Weitsprung und 100-Meter-Lauf. Die Paralympics wurden ihr großes Ziel. Ob Bangalore, Doha oder Swansea – sie kämpft auf der ganzen Welt um Titel und Rekorde. Als einzige Frau an der Weltspitze, die beidseitig oberschenkelamputiert ist, tritt sie meist gegen Athletinnen an, die eine Prothese und ein gesundes Bein haben. Nachdem sie bei den Paralympics in London 2012 keine Medaille gewann, wollte sie den Leistungssport bereits aufgeben. Doch sie entschied sich für einen Neubeginn und zog in die USA.

„Eigentlich hatte ich schon nach drei Tagen keine Lust mehr“, sagt Low über die erste Zeit in Oklahoma City. Heimweh, Muskelkater, die fremde Sprache und die kompromisslosen Methoden ihres neuen Trainers Roderick Green brachten sie an ihre Grenzen. Low und Green schrien sich an. Aber sie hatte sich vorgenommen, mindestens ein Jahr durchzuhalten und wurde belohnt. Sie erreichte persönliche Bestleistungen und begeisterte sich neu für ihren Sport.

Wer wie Low bei den Paralympics in Rio erfolgreich sein will, muss viel in das Training investieren, denn der Behindertensport hat sich in der letzten Zeit professionalisiert. Parallel studiert Low Digitale Medien. Ein ganz normales Leben, wie sie sagt: „Mit der guten Technik, den Prothesen, die es heute gibt, ist meine Behinderung überhaupt kein Weltuntergang.“