MYTHEN FÜR DIE SCHLACHT

Lonmin employees gather on a hill called Wonderkop at Marikana, outside Rustenburg in the North West Province of South Africa August 15. The miners are calling for the minimum wage to be lifted from its current R4,000 a month to R12,500. The men are mostly Xhosa and Pondo speaking, and the strike was initiated by the drillers. Photograph Greg Marinovich
Foto: Greg Marinovich

Verblendete Neonazis kämpfen in der Ukraine, unschuldige Kinder sterben im Iran und Minenarbeiter werden in Südafrika ausgebeutet. Sie alle glauben an Legenden und werden so für den Kampf mobilisiert

Kinder in die Minenfelder

Toröffner ins Paradies: Ein Plastikschlüssel versprach den Zugang zum Reich Gottes. Dafür gingen iranische Kinder in den Tod.

Foto: Privat
Foto: Privat

Mohammed Heydari* umklammert seine Kalaschnikow mit beiden Händen. Die Gasmaske lässt ihn nur schwer atmen. Maschinengewehre rattern, Mörsergranaten pfeifen. Neben ihm versucht ein iranischer Panzer, sich aus dem Morast zu befreien. Männer fallen auf die feuchte Erde und stehen nicht mehr auf. Heydari geht weiter, seine Stiefel versinken bei jedem Schritt im Schlamm. Er hat keine Angst in diesem Augenblick, denkt nur an zwei Dinge: sein Volk und sein Vaterland – Iran. Plötzlich ein Knall. Heydari wird schwarz vor Augen, er fällt in den Schlamm.

Der Soldat Mohammed Heydari war einer von tausenden Kämpfern in der Operation Kheibar, einer iranischen Offensive im Krieg zwischen dem Iran und dem Irak. Der Krieg begann im September 1980 mit dem Überfall durch den Irak. Die erste iranische Gegenoffensive startete 1982, die Operation Kheibar war im Februar 1984. Heydari war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt. Seinen ersten Einsatz hatte er mit 16. Heydari war ein iranischer Kindersoldat.

Der Iran schickte Kinder mit Plastikschlüsseln in Minenfelder

Wenige Monate vor der Offensive ist Mohammed Heydari noch ein gewöhnlicher Junge. Er trifft sich mit Freunden, geht zur Schule und besucht die Moschee. Dorthin kommt eines Tages ein Anwerber der paramilitärischen Einheit Basidsch. Er überzeugt Mohammed Heydari vom Kampf. Die Basidsch wurden nach der iranischen Revolution 1979 auf Anordnung des damaligen religiösen Führers Ayatollah Khomeini gegründet. Der Iran rekrutierte Kinder nicht nur in Moscheen, sondern auch aus Schulen. Die Anwerber lockten sie mit märchenhaften Versprechungen: Ruhm für das Vaterland, Märtyrertod, Eintritt ins Paradies. Manche Jungen bekamen Plastikschlüssel – angeblich „Türöffner zum Paradies“. Die Kinder sollten in irakische Minenfelder rennen, um sie für die nachrückenden Panzer und Truppen zu räumen.

Diejenigen, die das Märchen vom Schlüssel glaubten, können heute nicht mehr davon erzählen. Fast alle von ihnen sind im Krieg gefallen. Was bleibt, sind die Erinnerungen von Soldaten wie Mohammed Heydari.

„Ich kenne Menschen, die für den Islam in den Krieg zogen“, sagt Heydari heute. Er selbst hat solche Geschichten nicht geglaubt: „Ich wollte mein Land und meine Familie verteidigen.“ Darum trat er den Basidsch bei und kämpfte an vorderster Front. Mit seinen 16 Jahren war er der älteste von drei Brüdern. Er vermisste seine Eltern, doch „das war nun mal so“, sagt er. „In jeder Familie zog mindestens ein Sohn in den Krieg. Wir taten es für den Iran.“

Für sein Vaterland kehrte Heydari an die Front zurück

Sechs Jahre kämpfte Heydari als Soldat. Bei der Operation Kheibar wurde er schwer verwundet, nach seiner Genesung kehrte er freiwillig an die Front zurück. Kurz vor dem Inkrafttreten des Waffenstillstands im Jahr 1988 kam er in irakische Kriegsgefangenschaft, zwei Jahre lang, bis der Iran ihn gegen eigene Gefangene austauschte.

Im Ersten Golfkrieg starb rund eine Million Menschen. Heydari gehörte nicht dazu. Er arbeitete danach als Beamter. Heute ist er 50 Jahre alt und wohnt in Teheran. Von den heutigen Basidsch hält er nicht viel: „Sie sind alle Lügner und machen es nur wegen des Geldes.“

* Name geändert

Timeline des Konflikts


Massaker in Marikana

Minenarbeiter streikten für bessere Löhne – die Polizei erschoss 34 von ihnen. Glaubten sie an einen Zauber, der sie unbesiegbar und unsichtbar machen sollte?

Lonmin employees gather on a hill called Wonderkop at Marikana, outside Rustenburg in the North West Province of South Africa August 15. The miners are calling for the minimum wage to be lifted from its current R4,000 a month to R12,500. The men are mostly Xhosa and Pondo speaking, and the strike was initiated by the drillers. Ten people, including 2 policemen have been killed in a week of violent clashes. Photograph Greg Marinovich
Foto: Greg Marinovich

Angeblich glaubten die Streikenden an einen Zauber, der sie unsichtbar und unverwundbar machen sollte. 34 Menschen erschoss die Polizei am Donnerstag, 16. August 2012: dem Tag des Marikana-Massakers. Dem Tag, der sich in die Geschichte Südafrikas einbrennen sollte als einer der schwärzesten nach dem Fall der Apartheid. Später sagt die Polizeichefin, die Beamten hätten aus Notwehr gehandelt, sich vor wahnhaften Schwerbewaffneten geschützt. Es gibt viele Versionen der Tragödie. Welche davon eine Legende ist, lässt sich schwer nachvollziehen.

Im Jahr 2012 verdiente ein südafrikanischer Minenarbeiter knapp 500 Euro im Monat. Das Leben kostete fast so viel wie in Deutschland. 1200 Euro forderten die Kumpel. Sie begannen ihren Streik an einem Berg am Freitag, 10. August. 3000 Mann versammelten sich. Sofort war die Polizei vor Ort. Zehn Menschen starben in den ersten fünf Tagen des Streiks: Arbeiter, Polizisten, Gewerkschafter. Dann kam es zum Massaker.

Sechs Wochen später setzt die Regierung eine Untersuchungskommission ein. Zwei Jahre lang wird sie nach der Wahrheit suchen. Die Polizei wiederholt ihre Version: Angeblich sollten Zauberer, Sangomas genannt, die Arbeiter unsichtbar und unverwundbar machen. So erzählt es Mr. X. Er behauptet, einer der Streikenden gewesen zu sein. Dennoch sagt er für die Polizei aus – per Videoschaltung. Seine Identität wird aus Sicherheitsgründen geheim gehalten. Laut Mr. X verbrannten die Sangomas für den Muti genannten Zauber lebende Schafe: Schwarze Flüssigkeit trat aus den Körpern, wurde aufgefangen, mit Blut und Asche gemischt. Dann, so sagt er, ritzten die Zauberer den Männern kleine Wunden in die Haut und schmierten die Paste hinein. 200 Menschen nahmen teil.

Für den Zauber sollen die Kumpel brutal getötet haben

Am Sonntag töteten Streikende zwei Sicherheitsangestellte der Nationalen Gewerkschaft der Minenarbeiter. „Dem einen entnahmen wir Fleischstücke“, sagt Mr. X. Die Sangomas, berichtet er, verbrannten Kiefer und Zunge, fütterten die Asche den Arbeitern.

Polizeivideos vom darauffolgenden Donnerstag zeigen die Streikenden: Sie rücken immer näher, vorbei an Panzerfahrzeugen und Nato-Draht. Sie stoßen Macheten und Speere in die Luft, wirken bedrohlich. Angst drückt den Abzug, die Polizisten töten. Arbeiter fallen zu Boden. Viele stehen nicht mehr auf.

Beweise für die Version von Mr. X und der Polizei gibt es nicht, nur Indizien. Die hat die Polizei selbst auf dem Feld gesammelt. Kulturwissenschaftler sowie die Anwälte der Hinterbliebenen stellen Mr. X’ Aussage infrage. Niemand bestreitet, dass es einen Zauber gab. Doch das Ausmaß ist unklar. Das Bild ist nicht stimmig: Meist heilen Sangomas. Sie segnen Kinder und helfen bei Eheproblemen. Nur die wenigsten betreiben schwarzen Zauber. Eigentlich arbeiten sie nur allein, dulden keine Konkurrenz neben sich. Hier waren sie zu zweit. Außerdem gehören die Minenarbeiter vielen unterschiedlichen Kulturen an, von denen jede ihre eigenen Rituale hat.

Die Arbeiter sagen offen, dass sie Sangomas hinzugezogen haben – aber nur, um sich mental zu stärken. Videos vom Donnerstag zeigen die Streikenden am Berg. Sie knien auf der Erde. Ein Sangoma bespritzt sie mit Wasser, sie singen, schlagen Speere und Messer aneinander. Es ist klar: Hier wird gezaubert. Zweifelhaft ist, ob die Kumpel tatsächlich glaubten, unverwundbar zu sein. Und ob sie für den Zauber getötet haben.

Das Massaker wurde nicht nur von Polizeikameras festgehalten. Es gibt auch Videos aus der Perspektive der Streikenden: Sie werden eingepfercht, versuchen durch Lücken im Draht vom Gelände zu fliehen. Sie ducken sich, haben Angst. Plötzlich: Schüsse.

Im Juni 2015 beendet die Kommission ihre Arbeit. Sie hat nicht herausgefunden, wer den Schießbefehl gab, rät aber zu weiteren Gerichtsverfahren. Im Oktober 2015 wird die nationale Polizeichefin suspendiert. Die Hinterbliebenen haben bis heute keine Entschädigung erhalten.

Timeline des Konflikts


Die Blutlinie der Kosaken

Hakenkreuze, SS-Runen und die Wolfsangel. Der Rechte Sektor vertritt eine faschistische Ideologie und beschwört dafür alte Helden.

Foto: Christoph Kürbel
Foto: Christoph Kürbel

Sein Kampfname ist Vogon. Er sitzt auf einem Hochbett in seiner Kammer, den Kopf kahl rasiert. Über der Stirn trägt er den traditionellen, dick geflochtenen Zopf der Kosaken: kriegerischer Herrscher, die Jahrhunderte lang die Geschicke der Ukraine bestimmten. Seine Uniform legt Vogon nie ab, genauso wenig wie seine AK-47. Die nimmt er auch mit ins Bett, obwohl er im Camp des Rechten Sektors, rund 100 Kilometer von der ukrainischen Front entfernt, nicht kämpfen muss.

Der Rechte Sektor ist eine Privatarmee. Sie verteidigt die Ukraine gegen prorussische Separatisten und, wie die Paramilitärs selbst sagen, gegen Russland. Die Betonwände des ehemaligen Jugendlagers zieren Hakenkreuze und SS-Runen.

Ein Norweger erzählt vom Blut der Wikinger

Auf dem Stockbett gegenüber sitzt ein Norweger, der seinen Namen nicht nennen will und den Rechten Sektor vor allem ideologisch unterstützt. Er beschwört eine Blutsverbindung zwischen skandinavischen Völkern und der Ukraine.

Im 9. Jahrhundert beherrschten zeitweilig schwedische Wikinger die heutige Hauptstadt Kiew. Sie drangen über die Flüsse vor bis ans Schwarze Meer und bestimmten die Entwicklung des Kosakentums maßgeblich.

Damit die traditionellen Rituale nicht verschwinden, organisiert der Rechte Sektor heute Jugendcamps, für die die Kämpfer an Schulen werben. Dabei lernen Kinder und Jugendliche neben alten Kampftechniken auch, wie man eine Kalaschnikow reinigt.

In ihrer Kammer schimpfen Vogon und der Norweger über die Regierung Petro Poroschenkos: Er wolle, sagen sie, aus der Ukraine eine „Multikulti-Gesellschaft“ machen. Doch das Blut sei heilig, und für seine Reinheit müssten sie kämpfen. Deshalb haben sie sich Dimitro Jarosch angeschlossen, dem „Führer“ des Rechten Sektors.

Im November 2015 tritt er jedoch zurück. Nach der Wahlniederlage seiner Partei will er gemäßigte Politik machen. Jarosch schwärmt von einer „Kosaken-Nation“ freier, bewaffneter Männer und beschwört eine Heldenfigur: Stepan Bandera.

Er war Vorsitzender der Organisation Ukrainischer Nationalisten. Bei Hitlers Überfall auf die Ukraine unterstützte Bandera die Nationalsozialisten. Seine Kosakenbataillone kämpften an der Seite der Deutschen gegen Russland und halfen bei der Deportation der Juden aus den Ostgebieten.

Als 1941 die Organisation Ukrainischer Nationalisten die freie Ukraine ausrief, verhafteten die Nationalsozialisten deren Vorsitzenden Bandera und brachten ihn ins KZ Sachsenhausen. 1944 wurde er freigelassen und schlug sich nach München durch. Dort lebte er bis zu seiner Ermordung unter dem Namen Stefan Popel.

Sein Grab auf dem Münchner Waldfriedhof ist geschmückt mit ukrainischen Flaggen und dem rot-schwarzen Banner des Rechten Sektors. Bis heute ist die Organisation Ukrainischer Nationalisten der Dachverband des Rechten Sektors und anderer nationalistischer Gruppierungen und
Parteien.

Ein Nazikollaborateur wird zum nationalen Helden

Banderas Rolle als Nazi-Kollaborateur wird in der Ukraine heute ausgeblendet. Nicht nur die Freiwilligenbataillone, die im Osten kämpfen, berufen sich auf seinen Status als Freiheitskämpfer. Auch auf dem Maidan in Kiew stehen immer wieder große Plakate von ihm. Bandera wird auch in ukrainischen Schulbüchern zum Helden verklärt.

Die Blutsverbindung und Stepan Bandera: Das sind die Mythen, die in der Ukraine die radikalsten Kämpfer hervorbringen. Auch Vogon und der Norweger machen sich wieder bereit für ihren Fronteinsatz. Es geht nach Pisky. Sie ziehen ihre schusssicheren Westen an und verabschieden sich von ihren Kameraden mit dem Schlachtruf: „Heil der Ukraine! Heil den Helden!“

Timeline des Konfliktes