NACH DEM STURM

Das Dorf Insel in der Altmark. Foto: Erol Gurian
Das Dorf Insel in der Altmark. Foto: Erol Gurian

Zwei entlassene Vergewaltiger ziehen in ein 450-Seelen-Dorf  und dann? Die Bewohner von Insel protestieren, die Männer bleiben. Fünf Jahre danach hat sich der Ort verändert

Insel hat seine Idylle wieder. Die Morgensonne taucht die Straßen in warmes Licht. Verlassene Dorfgassen schlängeln sich vorbei an alten Höfen und neu angelegten Vorgärten. Eine Frau in Warnweste bläst Laub von der Einfahrt. Als ein Auto um die Kurve biegt, schaut sie kurz auf, blickt mit zusammengekniffenen Augen auf das Kennzeichen. Hinter verschlossenen Toren kläffen Hunde. Sonst herrscht Stille.

Nichts erinnert mehr an die Proteste, die Insel vor fünf Jahren in die Schlagzeilen brachten. Der Ort in der Altmark wurde in der Öffentlichkeit zum „Nazi-Dorf“, seine 450 Bewohner zum „tobenden Mob“. Über ein Jahr prostestierten Demonstranten vor einem grauen Bauernhaus im Ortskern. Mit Tröten und klapperndem Kochgeschirr belagerten sie die Straße zum Hof. Neonazis mischten sich unter die Menge und versuchten, das Grundstück zu stürmen. Später kamen Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und ein Bus mit 70 Landtagsabgeordneten, einige von ihnen hielten als Gegendemonstration ein Banner in die Luft: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

Der Grund für all das: Hans-Peter W. und Günter G. In den 70er und 80er Jahren hatten sie mehrere Frauen vergewaltigt, waren zu Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Gutachter hielten sie für so gefährlich, dass ihr Aufenthalt im Gefängnis immer wieder verlängert wurde. Bis ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte die nachträgliche Sicherungsverwahrung für rechtswidrig erklärte. 2010 kamen die Männer frei, wurden in Freiburg rund um die Uhr von acht Beamten bewacht. Monatelang bemühten sie sich um eine eigene Wohnung – erfolglos. Edgar von Cramm, ein Tierarzt, der die Wellensittiche von G. in der JVA behandelt hatte, vermietete ihnen schließlich seinen Hof in Insel. Nach vier Wochen kam alles raus, Horrorgeschichten gingen um, manche Anwohner trauten sich nachts nicht mehr aus dem Haus.

„Sie wollen nicht, dass wir den Kindern beim Baden zusehen“

Inzwischen ist das Dorf zur Ruhe gekommen. Der Alltag schluckte die Stimmen der Ablehnung, den offenen Hass. Doch wie leben die Menschen in Insel fünf Jahre nach den Protesten, den Anfeindungen? Was wurde aus all der Wut?

Auf seiner selbstgezimmerten Veranda hat Günter G. den besten Ausblick. In Filzsocken steht er auf dem feuchten Holz. Eine Hand in der Hosentasche, die andere bewegt er durch die Luft wie ein Dirigent. Sein Finger zeigt erst auf die neu gepflanzten Rosen, dann auf die Scheune, in der er 20 Hühner hält. Am Nachbarzaun bleibt der Zeigefinger stehen. Spanplatten und Plastikplanen versperren die Sicht. „Die haben sie wegen uns an den Zaun genagelt“, murmelt G. „Sie wollen nicht, dass wir den Kindern beim Baden zusehen.“ Er sackt in einen der Rattansessel. Den Zigarettenrauch zieht er tief ein, bevor er weiterredet. „Ich weiß nicht, warum die Leute Angst vor uns haben“, sagt er, „wir lauern ja nicht hinter den Büschen“. G. ist 69 Jahre alt. Sein letztes Opfer war 15. Er vergewaltigte das Mädchen vier Mal in einer Nacht, betrunken und mit vorgehaltenem Messer. 26 Jahre saß er dafür im Gefängnis. Die Zeit hat Spuren hinterlassen. Dunkle Schatten liegen unter den kleinen Augen. Über die Arme laufen tiefgestochene Tattoos. Die Sicherungsverwahrung sei schlimm gewesen, menschenunwürdig, sagt G. Sie sei ein Fehler der Justiz.

Eine unsichtbare Mauer trennt den Hof der Männer vom Rest des Dorfes. Mit jedem Protestmarsch, jeder Beschimpfung wurde sie höher. Fünf Jahre später ist sie unüberwindbar geworden. Die meisten Einheimischen machen einen Bogen um das Haus. Keiner will dort Eier kaufen. Alle paar Wochen lassen die Männer sie von der Tafel in Stendal abholen. G. verlässt den Hof nur, um mit dem Mofa in die Stadt zu fahren. Dort geht er zum Arzt, kauft ein. W., der nicht mit der Presse reden will, arbeitet tagsüber in einem Steinbruch.Wenn die Männer mit Hündin Ebbi eine Runde drehen wollen, fahren sie raus in die Natur, raus aus dem Dorf. Mit den Leuten hier wollen sie nichts mehr zu tun haben.

Alle paar Tage holpern in Insel Verkaufswagen über das Kopfsteinpflaster. Erst der Metzger, dann der Bäcker. Das nächste Geschäft ist in Stendal, zwölf Autominuten entfernt. In Insel sieht es aus wie in vielen Dörfern Sachsen-Anhalts: verfallene Häuser, wenig Arbeit, wenig Leben. Die Bäckereiverkäuferin lächelt hinter dem Tresen. Zwei Frauen kaufen Nussecken und Schrippen. „Die Vergewaltiger? Ach Gott, die grüße ich nicht“, sagt die eine. „Lebt der Alte überhaupt noch? Ich dachte, der ist schon tot“, sagt die andere. „Ja, besser wär‘s, wenn die bald sterben“, antwortet die erste.

Viele Anwohner, die damals Plakate malten und in Tröten bliesen, haben ihren Frieden gefunden. „Am Anfang bin ich bei den Demos mitgelaufen“, sagt ein Mann in weißem Unterhemd, der gerade Einkäufe auslädt. „Aber sie verhalten sich ruhig. Also passt das.“ Von den lautstarken Protesten ist wenig geblieben. Und doch liegt Wut und Enttäuschung in den Stimmen. „Wir hatten ja keine andere Wahl“, sagt eine Frau in Blumenkleid. Die Politiker verließen Insel wieder. Die beiden Männer blieben. Eine kleine Gruppe von Dorfbewohnern will sich nicht damit abfinden. Auch nach fünf Jahren treffen sie sich immer freitags zum Spaziergang. Zum stillen Protest. Ohne Plakate und Geschrei, aber mit einer klaren Botschaft: Wir wollen euch hier nicht haben.

„Man verlangt etwas, das man selbst nicht erfüllen kann“

Bernd Maelicke hat Erfahrung mit Fällen wie Insel. Das Ganze sei ein Dilemma, bei dem jeder Recht habe, sagt der Experte für Resozialisierung. Die ehemaligen Verbrecher genauso wie die Anwohner. „Trotz der Ängste können wir als Gesellschaft nicht anders“, sagt Maelicke. „Wir müssen von den Leuten bei der Resozialisierung dieses Opfer einfordern, auch wenn es wehtut.“ Die Furcht der Einheimischen müsse man ernst nehmen. Keiner finde es schön, wenn entlassene Sexualstraftäter zu Nachbarn werden. „Man verlangt von den Menschen in Insel etwas, das man selbst nicht erfüllen kann.“

Renate Brunner* hat keine Angst. Gegenüber von Günter G. sitzt sie am Küchentisch und rührt in ihrer Kaffeetasse. Oma, wie G. sie nennt, war damals eine der wenigen, die sich gegen die Dorfgemeinschaft stellten. Sie besuchte die Männer, hörte ihnen zu. Seitdem kommt sie regelmäßig vorbei. Ab und zu klingeln auch ihre Enkelkinder bei den Männern. Dann holen sie Ebbi zum Gassi gehen. Auch einige andere im Dorf dachten so wie Brunner. „Sie haben sich aber nicht getraut“, sagt sie. „Sie hatten Angst, als Verräter zu gelten, wie ich.“

Zehn Kilometer entfernt sitzt Oberbürgermeister Klaus Schmotz im frisch renovierten Stendaler Rathaus. Die Sache mit Insel bewegt ihn immer noch. Seit 2012 ist der Christdemokrat für das Dorf zuständig. Nach dem Rücktritt des Bürgermeisters Alexander von Bismarck hat sich in Insel kein neuer Ortsrat gebildet. Schmotz erzählt, ein Bürger habe damals zu ihm gesagt: „Wenn ich mich aufstellen lasse, habe ich das Thema gleich wieder an der Backe. Kümmer dich drum, die müssen weg.“ Bei den letzten drei Worten haut der Bürgermeister mit der Faust auf den Tisch. „Das Ganze haben die Dorfbewohner uns, der Politik, übel genommen“, poltert Schmotz. „Die Menschen haben nur aufgegeben, weil sie merkten, sie rennen gegen eine Wand.“ Dass alles so aus dem Ruder gelaufen ist, kreidet Schmotz dem Freiburger Tierarzt Edgar von Cramm an: „Ich nehme ihm übel, dass er so unsensibel gehandelt hat. So was bleibt nicht geheim in einem Dorf.“ Wenn es nach Schmotz gegangen wäre, hätte man die Leute informieren müssen, anstatt sie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Aber genau das wollten Hans-Peter W. und Günter G. beim Umzug eben nicht: dass alle wieder wissen, wer sie sind.

Schuld an der Eskalation in Insel seien die Behörden, sagt Sozialwissenschaftler Maelicke. Zwar hätten die Bürger kein Recht auf Information, erklärt er. Aber hinter dem Rücken der Gesellschaft bekomme man das nicht hin: „Bürgermeister, Lehrer und Pfarrer müssen Bescheid wissen. Sie sollen mit Anwohnern sprechen, inwieweit ihre Ängste berechtigt sind.“

„Es wird so bleiben im Dorf, es wird nicht besser“

Dem Vermieter macht er keinen Vorwurf. „Der Mann hat mit gutem Willen gehandelt. Solche Leute brauchen wir für die Resozialisierung.“ Cramm selbst würde sich wieder so verhalten. „Wenn ich den Bismarck gefragt hätte, hätte er mir das ausgeredet.“ Es sei sein Grundstück, er müsse niemanden fragen, an wen er vermiete. Obwohl er eingesteht, die Dynamiken unterschätzt zu haben. Als er während der Demos sein Auto in Insel reparieren ließ, hing danach ein Zettel an der Werkstatt: „Wenn du noch einmal den Trabbi vom Cramm flickst, brennt dein Haus!“

Günter G. verabschiedet Brunner am Gartentor. Während er zurück zur Veranda schlurft, verfangen sich seine Gummischuhe im Gras. „Es wird so bleiben im Dorf, es wird nicht besser. Jetzt ist es zu spät“, sagt er. „Hätte ich mich damals erklärt, wäre vielleicht ein anderes Bild entstanden.“ Aber mehr als stille Akzeptanz der Bürger könne man in solchen Fällen nicht erwarten, sagt Bernd Maelicke, das sei ja schon recht viel. „Denn wenn ein ehemaliger Vergewaltiger vor die Bürger tritt, geht das schief“, sagt er. „Dem wird keiner glauben.“ Die Täter seien entlassen worden und hätten fünf Jahre keine Straftaten mehr begangen: „Was will man mehr?“, sagt Maelicke. „Eigentlich ist der Fall in Insel doch ein wunderbarer Erfolg.“

* Name geändert