NOCEBO

Missglückter Zauber: Was Quacksalber verkaufen, ist nicht nur skurril, sondern kann sogar schädlich sein. Ein klickbarer Keine-Hilfe-Koffer

Krebs: Was hilft und was nicht? Expertin im Gespräch

Weg-Remers-Susanne_05
Susanne Weg-Remers. Foto: DKFZ/Tobias Schwerdt, Wiesenbach

Krebs ist die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Jedes Jahr erkranken rund 500 000 Menschen. Im Internet kursieren die unterschiedlichsten Heilmethoden. Viele sind wissenschaftlich belegt. Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (dkfz) im Interview über harmlose und gefährliche Praktiken.

Manche Patienten misstrauen der Schulmedizin und bevorzugen alternative Heilmethoden. Was versteht man darunter?
Eine allgemein anerkannte Definition gibt es nicht. Wir vom dkfz fassen unter dem Fachbegriff komplementärer und alternativer medizinischer Verfahren unterschiedliche Praktiken und Präparate zusammen. Das ist ein Sammelbecken an Methoden. Sie haben gemeinsam, dass die Wirksamkeit bislang nicht wissenschaftlich bewiesen worden ist. Außerdem muss in der Schulmedizin nachgewiesen werden, dass das Arzneimittel oder die Methode unbedenklich ist. Risiken und Nebenwirkungen müssen sich also in einem angemessenen Verhältnis zum potenziellen Nutzen bewegen.

Warum greifen Patienten trotzdem auf diese unsicheren Verfahren zurück?
Fast alle Menschen haben böse Assoziationen mit der schulmedizinischen Krebstherapie. Man weiß, dass einem bei der Chemotherapie übel wird, die Haare ausfallen und es einem schlechter geht. Anbieter von komplementären und alternativen Methoden haben häufig den Marketing-Trick, dass sie mit Naturprodukten werben, die vermeintlich wirksam und zugleich sanft und nicht aggressiv sind. Das birgt ein Versprechen, das die Methoden im Regelfall nicht halten können. Einzelne Patienten oder Angehörige fallen darauf herein, weil sie Angst vor der Schulmedizin haben.

Wovon würden Sie besonders abraten?
Auf jeden Fall vom Amygdalin, dem sogenannten Vitamin B17, das zum Beispiel in bitteren Aprikosenkernen enthalten ist. Auch das Miracle Mineral Supplement (MMS) ist eine Substanz, von der wir abraten, ebenso von bestimmten Formen der Krebsdiät. Die Hinweise sind sehr stark, dass es Nebenwirkungen gibt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit viele betreffen. Einige dieser Verfahren können sogar lebensbedrohlich sein.

Bei MMS handelt es sich nicht um ein Naturprodukt. Wie kommt es, dass es trotzdem so ähnlich vermarktet wird?
Das kommt vor allem durch das Engagement eines Menschen, quasi des Erfinders von MMS. Er hat offensichtlich ein so ausgeprägtes Charisma, dass er sehr viele Leute durch seine Präsenz überzeugt. Er hat mehrere Bücher geschrieben und seine Thesen in vielen Ländern und Sprachen auf Facebook, in YouTube-Videos, in Chats und Foren verbreitet. Seine Methode und die daraufhin entwickelten Präparate werden jetzt von einer Gruppe von Anbietern aus dem nicht-europäischen Ausland vertrieben. Viele Menschen verstehen nicht, dass sie harte Chemie sind. Sie sind leichtgläubig und springen auf die Versprechungen an. Damit machen die Anbieter Geld.

Was kann passieren, wenn jemand das Produkt einnimmt?
Bei dem MMS handelt es sich um Natriumchlorit, das in destilliertem Wasser aufgelöst wird. In Reaktion mit Säuren entsteht giftiges Chlordioxid. Je nach Konzentration kann es reizend bis ätzend wirken. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte hat dieses Produkt als zulassungspflichtiges und bedenkliches Arzneimittel eingestuft. Es gibt begründete Anhaltspunkte dafür, dass MMS über ein vertretbares Maß hinaus schädlich wirken könnte. Eine Wirksamkeit zur Behandlung von Krankheiten wie Krebs ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt.

Was empfehlen Sie, wenn Krebspatienten etwas für sich tun möchten?
Es gibt mittlerweile einige Hinweise, dass Menschen gut daran tun, bei Krebserkrankungen so früh wie möglich körperlich aktiv zu sein. Früher hieß es, man soll im Bett liegen bleiben und sich schonen. Mittlerweile haben die Forscher Daten dafür, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Krebspatienten profitieren von einem angepassten Bewegungsprogramm. Egal, ob sie mit einem Heilungsziel behandelt werden oder ob die Erkrankung fortgeschritten ist und es darum geht, möglichst lange eine gute Lebensqualität zu erhalten. Das muss aber kein Hochleistungssport sein.

Wie stehen Sie prinzipiell zu harmlosen Empfehlungen? Zum Beispiel zu der, mehr Himbeeren oder Brokkoli zu essen?
Natürlich ist es nicht riskant, wenn Krebspatienten etwas häufiger Brokkoli essen. Auch wenn Menschen sagen, sie wollen sich noch homöopathisch behandeln lassen, hätte ich wenig Bedenken. Entscheidend ist, dass niemand mit potenziellen Heilungschancen der Schulmedizin abschwört. Das Gleiche gilt, wenn Ärzte die Möglichkeit sehen, bei einer guten Lebensqualität den Krankheitsfortschritt aufzuhalten. In Studien wurde nachgewiesen, dass Schulmedizin wirksam ist. Wenn man sie nicht nutzt, sondern lediglich auf alternativmedizinische Ansätze setzt, ist das auf jeden Fall riskant, selbst wenn es eigentlich harmlose Präparate oder Naturprodukte sind, die man nimmt.

Checkliste für Alternative Methoden

  • Qualifikationen und Erfahrung der Anbieter hinterfragen, dabei beachten inwiefern die Angaben überprüfbar sind.
  • Überprüfen, ob die Krankenkasse die Behandlung übernimmt
  • Kleingedrucktes bei Behandlungsverträgen beachten
  • Detaillierte Kostenaufstellung verlangen

Gründe für Misstrauen:

  • Art der Wirkung bleibt nebulös
  • Nebenwirkungen bleiben unklar oder Therapie wird als nebenwirkungsfrei beworben
  • Nur Barzahlung wird akzeptiert
  • Methode soll gegen alle Krebsarten helfen
  • Anbieter will keine Unterlagen zur Verfügung stellen
  • Anbieter will sich nicht mit behandelnden Ärzten austauschen
  • Mittel werden aus dem Ausland bestellt (ist teilweise nur aus dem Impressum der Webseiten erkennbar)