MACH MICH HEISS

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Wenn niemand hinsieht, zündet das kleine Mädchen im Märchen seine Schwefelhölzer an. Auch Patrick Schneider versteckt sein Spiel mit dem Feuer. Flammen erregen ihn

Foto: privat
Foto: privat

Patrick Schneider* liegt auf einer Wolldecke im Garten, als er es zum ersten Mal spürt. Mit einem Schulfreund hat er Äste und Holzscheite gesammelt und auf einen Haufen gelegt. Sie haben ihn mit Benzin übergossen und mit einer Zündschnur in Brand gesteckt. Rauch strömt in den Himmel hinauf, als ein warmes Gefühl in seinem Schritt beginnt und sich im ganzen Körper ausbreitet. Ein paar Jahre später, als er 15 ist, wird Schneider klar, was er vorher nur geahnt hat: Feuer erregt ihn. Er genießt es, im Bett zu liegen und mit brennenden Streichhölzern an seiner nackten Haut entlang zu fahren. Im Internet sucht er nach einer Bezeichnung für den Fetisch. „Dort war nur von Pyromanie die Rede, von zwanghafter Brandstiftung“, erzählt der 36-Jährige heute. Irgendwann findet er ein Forum für Pyrosexuelle. Ähnlich wie Pyromanen erregt es sie, Feuer zu machen. Doch anstatt Autos oder ganze Häuser zu verbrennen, steigern sie mit Fackeln oder Lagerfeuern ihre Lust. Schneider ist es wichtig, sich von Brandstiftern zu distanzieren. „Ich habe meine Impulse unter Kontrolle und zünde keine fremden Sachen an.“

Die Grenzen zwischen Pyrosexualität und Pyromanie sieht der Psychoanalytiker Heinz Golling allerdings fließend. „Wer mit dem Feuer spielt, will auch etwas verbrennen“, sagt er, „selbst wenn die Flammen bei einem Lagerfeuer kontrolliert sind, haben sie immer eine zerstörerische Komponente“.

Gerade weil Feuer gefährlich ist, macht es Schneider an, damit zu spielen. „Feuer bedeutet auf der einen Seite Wärme und Geborgenheit, auf der anderen aber Zerstörung und Dominanz.“ Durch die Angst vor Bränden werde das Element zunehmend aus der Gesellschaft verdrängt. „Es hat für mich etwas Verbotenes und damit Erregendes.“

Als Kind hatte Schneider Angst vor Feuer. Gleichzeitig war er fasziniert, wenn Mitschüler damit spielten und ihre Finger so langsam wie möglich durch eine Kerzenflamme führten. Als er sich traute, mit anderen Jungen zu zündeln, erwischten ihn seine Eltern. Sie versteckten alle Feuerzeuge im Haus. Schneider vermutet, dass das seine Lust am Spiel mit dem Feuer noch mehr anstachelte.

„Niemand wird mit einem Fetisch geboren“, erklärt Golling, „er wird konditioniert“. Wenn etwas verboten werde, sei es reizvoll. Manche Menschen würden durch ihren Fetisch gegen Vater und Mutter rebellieren.

Für Schneider ist Feuer viel mehr. Er spürt die Hitze auf seiner Haut, atmet den Qualm ein, hört, wie das Holz in der Hitze knackt und zischt. „Flammen erinnern mich an küssende Zungen“, schwärmt Schneider. „Besonders geil ist es, wenn die Hände meiner Partner nach verbranntem Papier riechen.“ Seine Ex-Freunde weihte er in seine Vorliebe ein. Sie ließen sich auf Spielchen mit Feuerzeugen ein, teilten seine Neigung aber nicht. Es wirkte erzwungen. Schneider war enttäuscht. Im Internetforum fand er Menschen, die genau so fühlten wie er. Was ihm jetzt noch fehlt, ist ein blickgeschütztes Grundstück: „Den Fetisch ohne Kamin oder Feuerstelle auszuleben ist für mich ähnlich beklemmend wie Sex im Elternhaus.“ Umgeben von hohen Hecken und weit weg von Menschen, die sich von Rauch gestört fühlen, könnte er ein Feuer entzünden. Und sich seiner Lust hingeben.

*Name geändert