Warum hat Trump Erfolg? Psychologen können seine Wählerzustimmung ganz einfach erklären, sie halten den Amerikanern einen Denkfehler vor: Verlustaversion

Von Marie Kilg          Foto: Gage Skidmore

Um zu verstehen, wie die Verlustaversion wirkt, stellt man sich am besten zunächst selbst einer psychologischen Testfrage. Stellen Sie sich vor, Deutschland bereitet sich auf eine gefährliche Epidemie vor.

Die Eichhörnchengrippe, ausgelöst durch eine Virusinfektion, wird Experten zufolge diesen Sommer 600 Todesopfer fordern. Der Regierung werden zwei verschiedene Notfallpläne vorgelegt. Nehmen Sie an, dass die Pläne die folgenden Konsequenzen haben werden (wissenschaftliche Prognosen):

Wenn Plan A implementiert wird, werden 200 Menschen gerettet werden.

Wenn Plan B implementiert wird, gibt es eine Wahrscheinlichkeit von 1/3, dass 600 Menschen gerettet werden. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3 wird niemand gerettet.

Welchen Plan werden Sie durchführen?

Sie haben hier die Wahl zwischen einem sicheren Ergebnis und einem Risikospiel. Die Mehrheit der Befragten in der Originalstudie von Daniel Kahneman und Amos Tversky wählte in diesem Beispiel Option A (Wir haben die Frage übersetzt und an ein europäisches Szenario angepasst).

Die Hälfte der Probanden erhielt jedoch eine leicht veränderte Version des Szenarios:

Wenn Plan A‘ implementiert ist, werden 400 Menschen sterben.

Wenn Plan B‘ implementiert wird, gibt es eine Wahrscheinlichkeit von 1/3, dass niemand stirbt, und eine Wahrscheinlichkeit von 2/3, dass 600 Menschen sterben.

In diesem Fall wählte die große Mehrheit das Risikospiel, Option B‘.

Wenn Sie genau hinsehen, sind Plan A und Plan A‘ jedoch identisch, genauso wie Plan B und Plan B‘. Warum die großen Unterschiede in der Beantwortung der Fragen?

Psychologen nennen dieses Phänomen Verlustaversion. Viele Studien haben gezeigt, dass Menschen sichere Ergebnisse bevorzugen, wenn es etwas zu gewinnen gibt. Im Angesicht eines Verlustes gehen die meisten Menschen aber gerne Risiken ein und stellen ihr Glück auf die Probe.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Larry Ewans begründet Trumps Erfolg mit eben diesem Phänomen: Menschen werden – gerade in unsicheren Zeiten – risikofreudiger. Und Trump stellt zwar die größtmögliche Ungewissheit dar. Aber diese Wette einzugehen, spricht viele Menschen instinktiv mehr an als die Option, bei der ein (wenn auch geringer) Verlust schon garantiert ist: Eben die vielen mittelmäßigen Konkurrenten Trumps im Vorwahlkampf und womöglich auch Hillary Clinton.

„Heute befürwortet er Angriffe auf die Familien von Terroristen; morgen versichert er, sich an internationale Gesetze zu halten. […] Er ist vom Abtreibungsbefürworter zum Abtreibungsgegner geworden, aber unterstützt noch immer die Organisation Planned Parenthood [eine Non-Profit-Organisation, die Schwangerschaftsberatung anbietet und auch Schwangerschaftsabbrüche begleitet, Anm. d. Red.]. In den letzten Jahren hat er sowohl Republikaner als auch Demokraten als Präsidentschaftskandidaten unterstützt.“

Mit anderen Worten: Trump ist ein fleischgewordenes politisches Glücksrad. Laut Larry Evans sehen sich viele Wähler zur Zeit in einer ähnlichen Situation wie dem Horrorszenario Eichhörnchengrippe. Das erklärt zumindest seinen unerwarteten Erfolg in den Vorwahlen. Im Angesicht der großen sozialen Umbrüche und wirtschaftlichen Unsicherheit gehen manche Wähler wohl tatsächlich lieber eine riskante Wette ein, anstatt den – in ihren Augen – sicheren Schaden mit einem anderen Kandidaten hinzunehmen. Das ist Verlustaversion in ihrer reinsten Form. Trump selbst versucht übrigens nicht zu verbergen, dass sein Wahlprogramm unberechenbar ist. Vielleicht steht hinter seinen irrational wirkenden Auftritten sogar tatsächlich eine Strategie.


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