Maria flieht aus Sierra Leone und hofft auf eine Zukunft. Doch sie gerät in die Fänge von Menschenhändlern. In Deutschland

Von Benjamin Moscovici

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Maria ist fünf, als in ihrer Heimat Sierra Leone der Bürgerkrieg ausbricht, und elf, als bewaffnete Männer ihren Schulbus mit Maschinengewehren stürmen. Sie erschießen mehrere Kinder. Maria überlebt. Sie wird entführt und gezwungen, als Kindersoldatin zu kämpfen.

Heute, zwölf Jahre später, sitzt Maria in ihrer Wohnung irgendwo in Deutschland. Wo genau, darf niemand wissen, nichts darf auf ihre Identität schließen lassen. Sie heißt in Wahrheit auch nicht Maria, aber sie will verhindern, dass die Männer und Frauen sie finden, denen sie entkommen ist. Doch sie will erzählen. Erzählen, wie sie nach Deutschland gelockt wurde, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Wie sie Opfer von Menschenhändlern und als Zwangsprostituierte missbraucht wurde. Und wie sie fliehen konnte, nach Wochen der Gefangenschaft in einer Frankfurter Wohnung.

Marias Weg nach Deutschland beginnt kurz nachdem sie den Rebellen entkommt und in ihr Dorf zurückkehrt. Ihre Mutter stirbt, eine der wichtigsten Angehörigen der Bundu, einem Geheimbund von Frauen, deren Macht ganz Westafrika durchdringt. Ohne den Segen ihrer Rituale kann niemand heiraten. Sie wissen, welche Frauen »reif« und »vorbereitet« sind. Denn sie selbst sind es, die aus den Mädchen Frauen machen. Sie schulen die Mädchen in Haushalt und Gehorsam. Und sie beschneiden sie. Wie Maria, die damals noch ein Kind war. Fast alle Frauen in Sierra Leone haben diese Form der Initiation hinter sich.

Maria ist müde. Die Kopfschmerzen sind wieder da. Sie starrt auf den Laminatboden ihres Wohnzimmers und sagt: »Die Leute aus meinem Dorf wollten mich töten.« Die Älteren werfen Maria vor, mit der Tradition der Ahnen zu brechen, weil sie sich weigert, das Amt ihrer Mutter zu übernehmen. Sie und ihr Sohn werden gefesselt, in den Wald geschleppt und einfach liegen gelassen – schutzlos den wilden Tieren ausgesetzt.

Wieder überlebt Maria, gemeinsam mit ihrem Sohn. Ein Jäger findet die beiden, befreit sie und hilft ihnen auf der Flucht ins Nachbarland Guinea. Sie finden Zuflucht in einer Kirche, finden Sicherheit. Abends verschieben sie die Bänke, um auf dem Boden zu kochen, zu essen und zu schlafen. Zuhause weiß niemand, dass sie noch am Leben ist.

Menschenhändler suchen ihre Opfer auch in Kirchen

In der Gemeinde lernt Maria eine Deutsche kennen. Anna ist Mitte vierzig, hat lange braune Haare und wohnt ganz in der Nähe. Die zwei Frauen freunden sich an. Was Maria nicht weiß: Zahllose Geschichten über Menschenhandel beginnen genau so, genau hier, in irgendeiner Kirche in Afrika.

»Frauen, die alleine sind und Hilfe brauchen, wenden sich häufig an die Kirche. Die Menschenhändler wissen das, und suchen ganz gezielt in Kirchen nach ihren Opfern – inwiefern die Kirchen selbst in die Machenschaften von Menschenhändlern verstrickt sind, lässt sich nur vermuten «, sagt Rechtsanwältin Gwendolin Buddeberg. Sie arbeitet für SOLWODI, eine Organisation, die sich für die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt. In Westafrika seien es fast immer Frauen, die die jungen Mädchen ansprechen, sagt sie. »Sie suchen ganz gezielt nach Opfern, die verletzlich sind, unsicher und leicht zu beeinflussen. Junge Frauen, die ihren Rückhalt im Familienverband verloren haben, sind eine leichte Beute.«

Als Anna irgendwann anbietet, Maria nach Deutschland zu bringen, sind die beiden Frauen bereits gute Freundinnen. Maria vertraut ihr. Anna bringt Maria und ihren Sohn nach Ghana, besorgt die nötigen Reisedokumente, lässt für Maria und ihren Sohn zwei Pässe fälschen und zahlt die Flugtickets. Dann fliegen sie gemeinsam nach Frankfurt. Maria beginnt, von einer besseren Zukunft zu träumen.

Am Flughafen Frankfurt verschwindet Anna. Es ist Ende Juni 2008. Obwohl die Sonne scheint, ist es kühl. Maria wartet und wartet, aber Anna kommt nicht wieder. Als ein Mann Maria seine Hilfe anbietet, zögert sie nicht und steigt mit ihrem Sohn in seinen schwarzen BMW. Er stellt sich als Hans vor, vielleicht auch als Jörg. So genau erinnert sie sich nicht mehr. Er trägt eine beige Hose, eine hellblaue leichte Sommerjacke und eine Sonnenbrille. Er bringt die beiden zu sich nach Hause, eine große Wohnung im Erdgeschoss einer Villa irgendwo in Frankfurt. Als sie im Haus sind, ändert sich der Ton des Mannes. Er hat eine Waffe. »Wenn du schreist, bringe ich euch beide um«, sagt er.

„Ich habe in dem gleichen Bett geschlafen, in dem ich vergewaltigt wurde“

»Zwangsprostitution bedeutet nicht zwingend, dass die Frauen nicht weglaufen könnten, weil da die ganze Zeit einer mit der Waffe hinter ihnen steht«, sagt Gwendolin Buddeberg. Der Zwang funktioniere über Drohungen und Erpressungen. »Wir wissen von Fällen, in denen Schlägertrupps die Familie im Heimatland angegriffen haben. Andere Frauen werden so lange vergewaltigt und geschlagen, bis sie gebrochen sind.«

Maria erinnert sich, dass Hans ihren Sohn aus dem Zimmer schaffte, wenn die Männer kamen. »Wir haben in dem gleichen Bett geschlafen, in dem die Männer mich vergewaltigt haben. Es gab kein Entkommen. Nur Schlafen, Essen, Sex. Die Männer waren grob, sie haben mir wehgetan. Innerlich habe ich geweint, nach außen habe ich versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Es hätte eh nichts gebracht. Aber aus meinen Augen lief Wasser«.

Wochenlang lebt Maria in Gefangenschaft. »Wenn du nicht tust, was ich will«, droht ihr Bewacher, »dann bringe ich euch beide um«. Maria weiß, dass es auf der ganzen Welt niemanden gibt, der nach ihr fragen, der sie vermissen würde. Eines Tages legt sie auf dem Weg zur Toilette beiläufig die Hand auf die Klinke der Eingangstür. Die Tür – sonst immer fest verriegelt – geht auf. Sie schnappt sich ihren Sohn und flieht, läuft einfach geradeaus, nur weg von dem Haus. Schließlich spricht sie zwei Afrikaner an, die sie in ein Asylbewerberheim bringen. Erst jetzt verlässt sie die Kraft. Maria ist kaum noch ansprechbar, hört Stimmen und hat Panikattacken. Sie kommt in die Psychiatrie und von dort in ein Zentrum, das sich um Frauen wie sie kümmert. »Es hat Jahre gedauert, bis sie wieder anfangen konnte, Menschen zu vertrauen«, erinnert sich ihre Therapeutin. »Anfangs konnte Maria nicht glauben, dass ich mich nicht irgendwann gegen sie wenden würde«.

Menschenhandel und Zwangsprostitution lassen sich kaum verfolgen

Maria ist nie zur Polizei gegangen, hat nie gegen die Täter ausgesagt. Vielleicht weil sie der Polizei misstraut hat, aber vor allem, weil sie endlich Frieden will. Bernhard Feiner kennt solche Fälle, in München leitet er das Kommissariat für Menschenhandel, Prostitution und Zuhälterei. Er hat Verständnis für Frauen wie Maria, die den Staub aus ihrer Vergangenheit nicht wieder aufwirbeln wollen. Sein Problem: Im Kampf gegen Menschenhandel ist er auf Zeugenaussagen angewiesen. »Beweismittel gibt es bei Menschenhandel nur sehr selten«, sagt er.

Feiner und seine Kollegen beobachten das Rotlichtmilieu genau. Von den rund 3.000 Prostituierten in München kennen sie über 90 Prozent, sagt er. »Immer wieder werden wir auch von Prostituierten gerufen, die erzählen, dass seit einigen Tagen eine Frau im Nebenzimmer arbeitet und die ganze Zeit weint.« Opfer von Menschenhandel zu finden sei dennoch nicht einfach, weil sie meist nicht mit der Polizei reden wollen. Deshalb, erklärt er, täuscht auch die Zahl von rund 600 Ermittlungen, die in Deutschland jedes Jahr wegen Menschenhandels geführt werden. »In Wahrheit ist die Zahl der Opfer viel, viel größer.«

Auch Maria wird wohl bei ihrer Entscheidung bleiben, nicht mit der Polizei zu reden. Sie hat einen legalen Aufenthaltstitel, Deutsch gelernt und sucht jetzt nach einem Job. Sie hat gelernt, mit ihrer Vergangenheit zu leben, die Geschichte ist ein Teil von ihr. In ihrer Gegenwart spielt sie keine Rolle mehr. Sie soll keine Rolle mehr spielen.