Das menschliche Hirn ist eine fantastische Prognosemaschine. Warum scheitern wir trotzdem, wenn wir die Zukunft vorhersagen?

Von Marie Kilg          Foto: picture alliance / AP Photo / Diether Endlicher

New York City ist eine Geisterstadt am Morgen des 27. Januar 2015. Meteorologen haben einen Jahrhundert-Schneesturm angekündigt, bis zu 90 Zentimeter Schnee und orkanartige Winde werden in den nächsten Stunden erwartet. Die Bürger horten Trinkwasser und Dosenravioli, das erste Mal in der Geschichte wird wegen einer Schneewarnung die U-Bahn geschlossen, und der Gouverneur sperrt den Verkehr: Wer nach 23 Uhr noch auf der Straße ist, begehe ein Verbrechen, sagt er. Es gehe um Leben und Tod. Dann kommt der Schnee. Ganze zehn Zentimeter fallen im Central Park. Es weht ein leichter Wind.

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Die Zukunft vorherzusehen ist für Menschen schwer. Experten schneiden dabei genauso schlecht ab wie Laien.

Wenn Experten uns etwas über die Zukunft sagen, vertrauen wir ihnen. Uns bleibt nichts anderes übrig, immerhin bezahlen wir sie für ihre Meinung. Von der Investmentberaterin bis zu den Politik-Analysten der Geheimdienste: Prognosen sind uns viel Geld wert. Dabei ist der größte Teil der Experten-Vorhersagen wertlos. Nur ein Viertel aller amerikanischen Investmentfonds hat über die vergangenen zehn Jahre den Markt geschlagen. Die meisten sogenannten Ölpreis-Experten haben weder den Preisanstieg 2010 noch den Einbruch 2014 kommen sehen.

Auch Zugang zu exklusiven Informationen hilft wenig. Der Psychologe Philip Tetlock hat über zwei Jahrzehnte die Einschätzungen von Politik-Experten und Laien verglichen. Das Ergebnis: Experten schlagen weder die Laien noch den Zufall. Man könne genauso gut würfeln. Tetlock erklärt das Scheitern der Experten mit typisch menschlichen Denkfehlern. Rational und statistisch korrekt zu denken, liegt uns nicht.

Dabei ist das Gehirn eigentlich eine fantastische, ausgereifte Prognosemaschine. Es gibt Theorien, nach denen Prognosen die Grundlage unserer Intelligenz sind – und der Grund, warum Säugetiere überhaupt ein Großhirn haben. Aber während wir großartig darin waren, einen Pfeil in ein Mammut zu schießen oder aus einer einzigen Begegnung mit einem Raubtier zu lernen, versagen wir heute bei größeren Datenmengen. Einfache statistische Regeln sind im Alltag schwer anzuwenden, weil sie dem widersprechen, was in der Evolution nützlich war: aus wenigen beispielhaften Situationen schnelle Schlüsse zu ziehen. Das vereinfachende Denken, das uns Millionen Jahre lang beim Überleben half, führt heute zu Fehleinschätzungen.

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Psychologen kennen mehr als 60 verschiedene Denkfehler, die unsere Prognosen schwächen.

Die Probleme sind dabei so tief in unserem Denken verankert, dass wir sie nicht einmal dann ausschalten können, wenn wir sie bemerken. Psychologen kennen mehr als 60 verschiedene solcher kognitiver Verzerrungen. Ein Beispiel ist die Neigung, Ereignisse für wahrscheinlich zu halten, nur weil sie uns schnell einfallen. Das führt dazu, dass fast alle Menschen die Zahl der Terrorismus- Opfer für höher halten, als sie ist, und dass sie gleichzeitig die Zahl der Asthma-Toten stark unterschätzen. Das Praktische für die Experten: Ihr Erfolg hängt kaum davon ab, ob die Prognosen stimmen. Auch wenn wir uns über Fehlprognosen lustig machen oder ärgern, wir können sie auch schnell wieder vergessen. Denn der Wunsch nach Gewissheit über die Zukunft ist so tief verankert wie die systematischen Denkfehler. Was interessiert uns das Wetter von gestern? Wir wollen wissen, was morgen ist.


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