Vier typische Prognose-Fehler – und wie Sie diese vermeiden können

Von Marie Kilg

1. Denken Sie wie ein Outsider

DIE FRAGE: Wird Partei X die Wahlen gewinnen?

DER FEHLER: Insider-Wissen. Sie kennen die Spitzenkandidatin und haben eine persönliche Meinung über sie. »Die Kandidatin der Partei X ist unbeliebt und hat in letzter Zeit viele negative Schlagzeilen gemacht. Sie wird sicher nicht gewinnen.« Aber die Kandidatin hat statistisch gesehen wenig Einfluss auf den Erfolg der Partei.

DIE LÖSUNG: Treten Sie einen Schritt zurück und suchen Sie objektive Informationen zu dem Problem. Wie hat Partei X in der Vergangenheit abgeschnitten, wenn sie als Oppositionspartei ins Rennen ging? Schnitt sie gut ab, wenn die Arbeitslosigkeit gering war? Wie wirkte sich die internationale Politik auf Wahlen aus? Aus diesen Informationen können Sie eine grundsätzliche Wahrscheinlichkeit für einen Sieg der Partei X errechnen. Mit Ihrem speziellen Fallwissen können Sie den Grundwert nun anpassen. »Wenn Partei X in der Opposition war, hat sie bei den nächsten Wahlen in 7 von 10 Fällen gewonnen. Allerdings ist die Spitzenkandidatin nicht sehr charismatisch. Ich sage, die Wahrscheinlichkeit für einen Wahlsieg liegt nur bei 60 Prozent.«

2 . Sehen Sie den ganzen Eisberg

DIE FRAGE: Wie wird das Wetter an Weihnachten?

Wie wird das Wetter an Weihnachten?

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DER FEHLER: Ihr Gehirn durchsucht seine Datenbank nach Erinnerungen. Aber Extreme bleiben gut im Gedächtnis, auch wenn sie selten sind. Viele Menschen sehen nur die Spitze des Eisbergs. »Vor drei Jahren haben wir an Weihnachten gegrillt. Dieses Jahr werden es bestimmt wieder +10 Grad.«

DIE LÖSUNG: Teilen Sie das Problem in Teilaspekte auf und führen Sie sich verschiedene Möglichkeiten vor Augen. Ihr Ergebnis wird realistischer sein. »In den vergangenen 20 Jahren hatten wir 14 Weihnachten mit einer Temperatur zwischen -5 und +5 Grad. Zweimal war es kälter als -5, viermal wärmer als +5 Grad. Mehr als 5 Grad halte ich also für recht unwahrscheinlich. «

3. Lassen Sie sich nicht blenden

DIE FRAGE: Wie viele Schläge braucht der Golfspieler?

Nehmen Sie an, Sie sind Zuschauer bei einem mehrtägigen Golfturnier. Am ersten Tag fällt Spieler A durch seine hervorragende Leistung auf: Er spielt 5 unter par. Wie wird er morgen abschneiden?

DER FEHLER: Große Erwartungen. Viele Menschen übersehen, dass auch die Tagesform und der Zufall eine große Rolle spielen. Sie könnten denken: »Spieler A scheint ziemlich talentiert zu sein. Er spielt morgen wahrscheinlich wieder mindestens 5 unter par.«

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Foto: National Photo Company – Library of Congress

DIE LÖSUNG: Beachten Sie die »Regression zur Mitte «: Wer heute durch grandiose Ergebnisse auffällt, hat wahrscheinlich nicht nur Talent, sondern auch Glück – und statistisch gesehen ein hohes Risiko, morgen etwas weniger gut zu spielen. Genauso wird der schlechteste Spieler mit großer Wahrscheinlichkeit morgen besser sein als heute. Extreme nähern sich mit der Zeit dem Durchschnitt an. So erklären sich oft auch bizarre Forschungsergebnisse. Wenn einer Gruppe depressiver Kinder einen Monat lang Gummibärchen verabreicht werden, geht es vielen von ihnen besser. Aber das liegt nicht am Zucker. Die Kinder wurden ausgewählt, gerade weil es ihnen besonders schlecht geht. Sie sind also eine extreme Gruppe. Ebenso wie beim schlechtesten Golfspieler ist es nur natürlich, dass sie sich mit der Zeit dem Durchschnitt annähern. »Spieler A hat wahrscheinlich Talent, aber sicher auch einen guten Tag. Es ist unwahrscheinlich, dass sein Glück halten wird. Er wird morgen wohl noch besser sein als der Durchschnitt, aber nicht mehr so herausragend wie heute. 3 unter par.«

4. Und jetzt zeigen Sie es uns!

DIE FRAGE: Wer gewinnt die Fußball-EM?

DER FEHLER: Zu den typischen Denkfehlern, die Psychologen beschreiben, gehört auch der sogenannte »Bias Blind Spot«: die Tendenz, die Existenz von Denkfehlern zwar anzuerkennen – aber nur bei anderen Menschen. Dieser Denkfehler ist besonders hartnäckig. Forscher konnten Probanden noch so ausführlich darüber aufklären. Der Glaube, dass man selbst weniger anfällig ist als der Durchschnitt, ist unauslöschlich. »Experten sind vielleicht schlecht in Prognosen – ich aber nicht! Aber was bitte hat das mit der EM zu tun?«

DIE LÖSUNG: Beweisen Sie es uns! Sie sind die Eine aus Hunderten, die wirklich recht hat! Deshalb möchten wir Sie gerne zu einem kleinen Wettbewerb herausfordern. Schlagen Sie unsere Redaktion in unserem EM-Tippspiel.  Zu gewinnen gibt es ein Meet and Greet mit der Chefredaktion und einen Baby- Oktopus im Glas. Zum Andenken an den Kraken Paul, den Prognose-Experten, der sich allen Regeln widersetzte. »Geil, danke!«football-1275123_960_720


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Das menschliche Hirn ist eine fantastische Prognosemaschine. Warum scheitern wir trotzdem, wenn wir die Zukunft vorhersagen?