Der alte Weise

Hippie, Revoluzzer, Guru, alter Weiser? Rainer Langhans hält eine Rede über Männlichkeit. aus der Kommune 1 direkt ins 21. Jahrhundert

Protokoll: Robin Droemer & Paul Hertzberg

„Wir waren so high, dass wir Sex als Downer empfanden, als groben Rausschmiss aus  unserer High-Geschichte. Sex, Drugs, Rock’n’Roll –  das kam erst später. Aber ganz kurz hatten wir es in der Kommune 1 geschafft. Es gab keine Männer. Und keine Frauen. Sondern nur liebende Menschen.

„Der Feminismus tappt genauso wie wir alle in die Falle des Zweigeschlechtlichen“ 

Wir hatten diesen Zustand erreicht und sind dann rauskatapultiert worden und wieder zurückgefallen. Seitdem, seit fast 50 Jahren, zappeln wir wieder in dieser Geschlechterwelt vor uns hin. Ich habe weiter daran gearbeitet, indem ich mit vier Frauen zusammenlebe, im sogenannten Harem. Dort versuchen wir die ganze Zeit, von diesen Geschlechtsrollenbildern wegzukommen, von unserem Betriebssystem, das uns seit Tausenden von Jahren eingeprägt worden ist. Das ist fast unmöglich, wie unsere Erfahrung zeigt, denn wir sind alle Körperkrieger. Darüber können wir nicht hinwegkommen. Ganz deutlich zeigt sich das eben in unserem Sexleben. Viele Frauen wollen hart angefasst werden. Und viele Männer wollen Frauen auch hart rannehmen. Sex macht ja keinen Spaß, wenn es nicht mit Gewalt zugeht und ein bisschen schmutzig. Das ist Teil unseres biologischen Programms, das wir nicht überwinden können. Auch wenn wir alle den Wunsch hegen, genau daraus auszusteigen. Ich habe das selber alles versucht. Ich war lange Feminist. Aber der Feminismus ist auch wahnsinnig geschlechtsfixiert. Da geht es nicht darum, etwas neu zu schaffen, sondern in einem alten System herumzudoktern. Der Feminismus tappt genauso wie wir alle in die Falle des Zweigeschlechtlichen. Er klammert sich an einer alten Ordnung fest. Dabei darf es nicht darum gehen, neue, bessere Männer und Frauen zu werden. Es muss darum gehen, neue Menschen zu werden. Und der neue Mensch ist kein Geschlechtswesen.

„Das Internet spiritualisiert uns“

Aber das können wir solange nicht überwinden, solange wir nicht ein Stück weit aus dem Körper herausgehen und außerhalb wesentlicher leben als in ihm. Alles andere sind nur Scheingefechte, eine Nachhut, mit der wir uns immer noch beschäftigen, obwohl wir eigentlich schon woanders sind. Denn zum ersten Mal seit Langem habe ich das Gefühl, dass uns eine Technik zur Verfügung steht, mit der uns das bewusst wird. Das ist das Internet. Im Netz ist unser Geschlecht nicht annähernd so bestimmend wie außerhalb davon. Das Internet ist der einzige Weg in die Post-Gender-Ära. Das Internet spiritualisiert uns. Es be-geistert uns. Hier existiert eine alternative Realität neben der uns bekannten Wirklichkeit des Körperlichen. Es ist eine neue Welt, die wir selbst gestalten. Die junge Generation ist dort zum Teil schon angekommen. Ihr tut all das, was wir uns schon immer gewünscht haben – nur eben nicht mehr in der alten Welt, sondern im Netz. Eigentlich leben wir schon in einem globalen Schwarm, einer globalen Kommune. Man nennt das in unserer alten Sprache Liebe. Wenn du eine unmittelbare, unheimlich kurz getaktete Austauschsituation mit jemandem hast, nennen wir das Liebe. Im Internet ist das Private politisch – wie es bei uns auch war. Damals war es die Kommune. Heute ist es die Community.“