Der Angry Black Man

Stereotype können schmeicheln, nerven oder irritieren. Sie können aber auch wie ein Fluch sein: Wenn Stereotype nicht an Handlungen geknüpft sind, sondern an die eigene Hautfarbe, kann man ihnen nicht entkommen. Ein Gespräch mit dem Aktivisten Christian Kabengele über das Leben als schwarzer Mann in Deutschland

Interview: Nabila Abdel Aziz
Fotos: privat

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie eine andere Hautfarbe haben als die anderen?

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, habe ich begriffen, dass ich schwarz bin. Wir zogen von der Stadt in ein kleines Dorf außerhalb von Bonn. An meinem ersten Tag an der Grundschule lief plötzlich ein Haufen von Kindern hinter mir her. Sie zogen mir die Füße weg und riefen mir rassistische Schimpfwörter hinterher. Das war der erste Moment, in dem ich mir gedacht habe, irgendwas stimmt nicht. Diese Kinder nehmen mich anders wahr. Und irgendwann habe ich gemerkt, das hat etwas mit meinem äußeren Erscheinungsbild zu tun.

Und später, als junger Mann?

Als Kind bekam ich das noch nicht so sehr zu spüren, aber als junger Mann zeigte mir die Mehrheitsgesellschaft sehr deutlich, dass ich anders war. Ich wurde als bedrohlich wahrgenommen, war verdächtig, wurde immer wieder von der Polizei kontrolliert. Einmal wurde ich von einem Zivilpolizisten vor dem Haus eines Freundes überprüft, einfach nur, weil ich dort stand und eine Zigarette rauchte. Ich musste meinen Namen angeben und wurde nach Vorstrafen gefragt. Ich sagte: „Nein, ich habe noch nie Erfahrungen mit der Polizei gemacht.“ Darauf kam die Antwort: „Echt? Nö, hör auf.“ Auch in Flughäfen wurde ich unzählige Male rausgezogen und auf Drogen kontrolliert, musste mich teilweise bis auf die Unterwäsche ausziehen und mich komplett abtasten lassen.

Mit welchen Vorurteilen haben schwarze Männer in Deutschland zu kämpfen?

Es geht von dumm, faul, gewalttätig, triebgesteuert bis hin zu vermeintlich harmlosen Dingen wie dass schwarze Männer besonders gut tanzen könnten oder besonders sportlich wären. Der schwarze Mann ist entweder der Drogendealer oder die geistig beschränkte Frohnatur aus dem Naturvolk. Dass die Stereotype über den schwarzen Mann teilweise völlig widersprüchlich sind, zeigt uns doch, dass sie wenig mit der Realität zu tun haben.

Warum scheint es über bestimmte Menschengruppen, wie schwarze Menschen, besonders viele negative Stereotype zu geben?

Ich glaube, Stereotype entstehen, wenn es darum geht, sich von anderen Gruppen abzugrenzen. Oft wird dabei die Gruppe, zu der man selbst nicht gehört, herabgewürdigt – ob das Schwarze sind, Juden oder Muslime. Und wer die Macht hat, zu definieren, was Wahrheit ist, der definiert auch die gängigen Stereotype. Negative Stereotype werden von der westlichen Welt seit langer Zeit genutzt, um das Machtgefälle zwischen ihr und dem Rest der Welt zu rechtfertigen. Es gibt deutlich mehr negative Stereotype über Menschen, die aus dem globalen Süden kommen als umgekehrt. Und diese Stereotype werden oft biologisch begründet. Schwarze Menschen sind also angeblich nicht nur wegen ihrer Kultur minderwertig, sondern auch aufgrund unabänderlicher biologischer Tatsachen.

Wie beeinflussen Stereotype das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft Ihnen gegenüber?

Als schwarzer Mann werde ich von der Mehrheitsgesellschaft nicht als ich, Christian, wahrgenommen. Stattdessen wird eine bestimmte Vorstellung auf mich projiziert. Mir ist es häufig passiert, dass wenn ich in ein hitzigeres Gespräch geraten bin, mir Menschen vorgeworfen haben, ich sei aggressiv, sie hätten Angst vor mir. Dabei habe ich nur Gegenargumente gebracht. Es gibt da eine völlig verschobene Wahrnehmung. Mütter sehen mich und nehmen plötzlich ihr Kind an die Hand. Viele verbinden eine Gefahrensituation mit mir. Menschen, die mich kennen, sagen eher, ich sei der am wenigsten bedrohliche Mensch, den sie sich vorstellen können.

Christian Kabengele, 26, studiert Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim in Stuttgart. Er ist Fellow der NGO „Humanity in Action“, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzt und diese erforscht.  Kabelgele schreibt zu diesem Thema aus seiner Perspektive als schwarzer Deutscher. Twitter: @afrogermanreport

Glauben Sie trotzdem, dass manche Stereotype einen wahren Kern besitzen können?

Auf keinen Fall. Allein schon die Idee, dass sich Menschen in homogene Gruppen einteilen lassen, finde ich unangebracht. Ein ganz einfaches Beispiel sind Stereotype über Deutsche. Deutsche sind Ostfriesen, Schwaben, Rheinländer und Bayern. Es gibt hier so viele unterschiedliche kulturelle Strömungen, Sprachen, Dialekte. Ein Stereotyp trifft eine verallgemeinernde Aussage über eine große, heterogene Gruppe, und das ist immer ein völliges Abweichen von der Realität.

Selbst wenn sie nicht real sind – können einem positive Stereotype Vorteile bringen?

Ich glaube nicht an positive Stereotype. Viele denken, das Stereotyp, dass Schwarze besonders gut tanzen können oder besonders sportlich seien, wäre positiv. Aber selbst das ist verbunden mit rassistischen biologischen Vorstellungen. Jedes Mal, wenn ein Mensch dich nach vorgefassten Urteilen, also Stereotypen, beurteilt, weigert sich dieser Mensch, dich als Individuum zu sehen. Er leugnet deine Stimme. Das kann für mich nie positiv sein.

Haben schwarze Männer mit anderen Vorurteilen zu kämpfen als schwarze Frauen?

Auf jeden Fall. Schwarze Männer und schwarze Frauen machen völlig andere Erfahrungen. Der schwarze Mann wird oft als Bedrohung gesehen, als hypermaskulin, muskelbepackt, sexuell aktiv. Das führt dazu, dass schwarze Männer oft Opfer einer bestimmten Form von institutionalisierter Gewalt werden – wie in den USA, wo viele schwarze Männer von Polizisten misshandelt und erschossen werden. Schwarze Frauen sind von anderen Stereotypen betroffen. Ich möchte als Mann aber nicht für deren Erfahrungen sprechen.

Wie haben Sie Stereotype über schwarze Männer in Ihrer Entwicklung beeinflusst?

Als weißer Junge siehst du im Fernsehen Politiker, die so aussehen wie du, Geschäftsleute, die so aussehen wie du, Wissenschaftler, die so aussehen wie du. Als schwarzer kleiner Junge siehst du das nicht. Ich hatte früh das Gefühl, ich müsste entweder Sportler oder Rapper werden. Das schienen mir die einzigen Optionen zu sein. Das macht etwas mit einem. Stereotype können einem Menschen viel Freiheit nehmen und etwas in der Entwicklung eines Menschen kaputtmachen.

Wenn Vorurteile und Stereotype so festgefahren sind, kann man dann überhaupt etwas gegen sie tun?

Auf jeden Fall. Schon in den letzten Jahren hat die deutsche Gesellschaft riesige Sprünge gemacht, was den Blick auf Minderheiten angeht. Ich schaue positiv in die Zukunft, denke auch nicht, dass rechtspopulistische Bewegungen noch lange Erfolg haben werden. Besonders für unsere Generation ist ein multikulturelles Umfeld nahezu selbstverständlich.

Was kann man konkret gegen Stereotype tun?

Die Arbeit gegen Stereotype muss ganz früh beginnen. Vor ein paar Jahren gab es eine große Debatte über Kinderbücher. Wenn ein Kind Pippi Langstrumpf liest, sieht es darin schwarze Menschen mit besonders dicken Lippen und Knochen im Haar. Das sollte nicht das einzige Bild schwarzer Menschen sein, das Kinder in ihren ersten Schuljahren sehen. Der Unterricht sollte vermitteln, dass Menschen mit schwarzer Hautfarbe ganz selbstverständlich zu Deutschland gehören. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist bei den unter 15-Jährigen extrem hoch. Wir müssen zeigen, dass Deutsch-Sein nicht zwangsläufig Weiß-Sein bedeutet.

Welche Rolle spielen die Medien dabei?

Die Medien haben ihren Teil dazu beizutragen: Stereotype halten sich oft so hartnäckig, weil die, die in unserer Gesellschaft Geschichten erzählen und entscheiden, welche Bilder wir täglich konsumieren, die Stereotype zumindest unterbewusst weitergeben. Die Medienlandschaft ist aber dabei, vielfältiger zu werden, und Minderheiten fangen an, über und für sich selbst zu sprechen. Auch durch die sozialen Medien hat sich schon viel verändert. Jetzt können die, die sich nicht akkurat repräsentiert fühlen, selbst Inhalte produzieren.

Kann man Stereotypen je entkommen?

Nein, es gibt keinen Menschen, der nicht in Stereotypen denkt. Als Menschen versuchen wir, die Komplexität der Welt einzudämmen. Wenn ich einen weißen Mann mit einer Glatze sehe, habe ich durch meine vorherigen Erfahrungen mit glatzköpfigen Menschen ein bestimmtes Bild im Kopf. Natürlich ist aber nicht jeder Mensch mit Glatze ein Nazi. Es geht nicht darum, sich aller Vorurteile zu entledigen. Das wird nie funktionieren. Es geht aber darum, sich immer kritisch mit eigenen Denkmustern auseinanderzusetzen. Ich versuche, jede Begegnung mit Menschen als Einzelfall zu sehen. Das macht es einfacher, gegen die eigenen Vorurteile zu kämpfen.