Der Bartträger

Die erste Rasur macht einen zum Mann. Doch eigentlich zählt es nur, wenn es mit dem Messer passiert

Text: Vinzent Leitgeb
Fotos: Hannah Senoner

Die Zeremonie der Männlichkeit beginnt verlegen. Zwei Stunden später endet sie leicht blutig mit einem Whiskey. Für alle war es das erste Mal. Statt Zigarette danach gibt es Rasierwasser. Es brennt, es zieht. Dann ist es überstanden.

19:30 Uhr, das Barber House in München. Vier Ledersessel stehen aufgereiht vor großen Spiegeln. Stil New Traditional. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos amerikanischer Barber-Shops aus einer Zeit, als Bartpflege für Männer noch selbstverständlich war.

Sechs Männer essen Tramezzini, trinken Espresso und Tegernseer aus eleganten 0,33-Liter-Flaschen. Keiner ihrer Bärte gleicht dem anderen: ein Tag, sieben Tage, Oberlippe und Kinn, voll exklusive Hals, voll inklusive Hals. Ihr Blick ist fest auf das Wesentliche gerichtet: die Rasiermesser. Kleiner als eine Wikinger-Axt, aber immer noch gefährlicher als ein Vier-Klingen-Rasierhobel.

„Nassrasur: Theorie & Praxis mit Materialkunde und Erlernen der Technik“ – so heißt das Seminar heute Abend. Klingt nach Metallbau für Erstsemester, kostet 99 Euro. Die Stimmung ist angespannt. Natürlich weiß jeder, wie man sich rasiert. Aber was, wenn die anderen mehr wissen? Gibt es beim Rasur-Seminar dumme Fragen?

„Männer haben keine empfindliche Haut. Sie rasieren sich nur falsch“

Viele haben die Teilnahme von ihrer Freundin geschenkt bekommen. Einer der Männer ist schon Stammkunde im Barber House. Jetzt will er selbst ran. Ein anderer hat einfach nur Bock. Er kommt mit Vollbart und wird glattrasiert mit kleinen Wunden gehen.

Simon Schulz, 21 Jahre alt, gezwirbelter Schnurrbart, beginnt den Theorieteil. Auf dem Tresen vor ihm liegen Messer, Lederriemen, Pre-Shave-Seifen, Rasierseifen, Pinsel, Aftershaves, Balsame. Die Themenkomplexe: Wärme, Echthaar, Zeit und Ledern – also das Schärfen der Klinge am Riemen. „Männer haben keine empfindliche Haut“, sagt er. „Sie rasieren sich nur falsch.“ Gelächter. Einer fasst sich unter das Kinn an die Hautirritationen.

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Schulz gibt Tipps: „Ich pimpe mir jedes Rasierwasser mit Menthol.“  Das hat nur noch sehr wenig mit Wikingern und ihren Äxten zu tun. Aber über den Abend wird sowieso immer klarer: Rasieren ist kein Akt der rohen, sondern der einfühlsamen Männlichkeit. Der messerrasierende Mann nimmt sich die Zeit, um sich zu pflegen. Schulz nennt das Wellness für Männer. „Ich mache es immer nur abends, ohne Stress. Dafür mit Ruhe und guter Musik“, sagt er.

„Nie­mals versuchen, das Messer zu fangen, wenn es runterfällt“

Dann übernimmt Barbier Selami Öztas, Rund-um-den-Mund-Bart-Träger. „Nie­mals versuchen, das Messer zu fangen, wenn es runterfällt“, sagt er. Manchmal rutscht er in oberbayrischen Dialekt ab. „Do langst hi’, und schneid’st di bis zum Knochen!“

Etwas verunsichert greifen die Männer zum gehärteten Stahl. Sie rasieren heute mit Shavetten. Das sind Messer mit austauschbaren Klingen, die jetzt eingesetzt werden müssen. Öztas schaut genau zu. Zweimal muss er einschreiten: „Vom Körper wegschieben!“, ruft er.

Messer wieder einklappen, kurzes Durchatmen. Die Männer setzen sich, Blick in den Spiegel, ein Handtuch auf dem Schoß. Dann kurzer Frust: Das eigene Gesicht muss warten. Schulz drückt jedem einen schwarzen Luftballon in die Hand. Vorerst noch Trockenübungen am Gummi.

„Straff ziehen. Und zack, zack, zack“

Erst einseifen, dann vorsichtig abrasieren. Niemand möchte der Erste sein, dem der Ballon platzt. Auf den Winkel der Klinge kommt es an: nicht zu steil, nicht zu flach. Bewegungen aus dem Handgelenk, die Halbmondtechnik. „Keine Sorge. Wenn der Luftballon platzt, heißt das nicht, dass Sie sich verletzt haben“, sagt Öztas. „Es heißt, Sie haben sich geschlitzt.“ Beruhigend ist das nicht.

Endlich sind die Gentlemen reif für echte Haut. Handtuch um die Schultern, aufstehen, Klinge in der Hand. Es beginnt der Kampf: sechs Männer gegen sich selbst. Einmal zu schnell angesetzt, schon fließt Blut. Ab jetzt also langsamer. Doch wieder schneller, sonst trocknet der Schaum und bröckelt ab. Wie ein Dirigent steht Öztas in der zweiten Reihe und winkt mit seinem eigenen Messer in Richtung Spiegel: „Die Rechte rasiert, die Linke geht mit. Straff ziehen. Und zack, zack, zack.“ Bei ihm sieht es einfach aus.

Um 21:20 Uhr ist es vollbracht. Es riecht nach parfümiertem Alkohol, die Männer stoßen mit Whiskey an, sie sind angefixt. Einer kauft ein Messer und einen Lederriemen. 184 Euro. Schulz zeigt ihm nochmal die richtige Art zu ledern. Das Zeitgefühl kommt zurück, zwei Stunden für eine Rasur. „Es ist nie so schnell wie mit dem Hobel“, sagt Öztas. „Es ist eben eine Zeremonie.“