Der Erlöser

Andreas Richter hat bei den bekanntesten Passionsspielen der Welt in Oberammergau Jesus gespielt. Ein Gespräch darüber, wie maskulin ein Messias sein muss

Interview: Christoph Fuchs
Fotos: Chiara Wettmann

Herr Richter, Sie haben sich 52 Mal kreuzigen lassen. Muss man dafür ein echter Mann sein?

Nein. Körperliche Kraft ist nicht das Entscheidende. Man muss sich das zumuten wollen. Es ist einfach unangenehm, weil man am Kreuz die ganze Zeit weiß: Alle schauen nur auf dich. 250 000 Leute haben mich bei den Oberammergauer Passionsspielen am Kreuz hängen sehen, fast nackt.

Da will man dann sicher einen schönen Körper haben.

Ich wollte kein fetter Jesus sein. Denn fett war er sicher nicht. Der war 40 Tage in der Wüste. Ich war damals vielleicht ein paar Kilo leichter, als ich es jetzt bin. So habe ich mich in der Rolle wohler gefühlt.

„Mein Jesus war softer als der meiner Vorgänger“

War Ihre Jesus-Rolle denn generell männlich?

Es gab schon maskuline Seiten: Er ist zornig, zertrümmert Krüge, ist ein Anführer. Aber es gab schon männlichere Jesus-Figuren in Oberammergau. Der Jesus von 2000 war mehr der Revoluzzer.

Einer, der wie Bud Spencer durch den Tempel läuft und alles kurz und klein haut.

Nein, so auch nicht. Er war wahnsinnig ernsthaft. Sein Jesus war vielschichtig, weil er nicht nur zu den anderen hart war. Sondern auch zu sich selbst. Die innerliche Zerrissenheit hat er brutaler dargestellt.

Und Sie?

Mein Jesus war da softer. Für mich war das „Ich hau’ alles um, es muss alles anders werden“ nicht so wichtig. Der Kern meiner Jesus-Figur war die Ölberg-Szene.

Warum gerade die?

Da ist er für einen Moment ganz ehrlich. Beim Rest ist auch Show dabei, da muss man die Geschichte spielen. Am Ölberg geht Jesus nochmal mit allem ins Gericht, mit allen Zweifeln, stellt alles in Frage. Warum bin ich hier allein? Warum muss ich das machen? Warum lässt du mich allein? Ich krieg jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. In dem Moment wird Jesus extrem menschlich.

„Zu Jesus passt das männliche Stereotyp des einsamen Entscheiders“

Aber auch im Rest der Passionsgeschichte ist er doch menschlich.

Beim Einzug in Jerusalem oder bei der Vertreibung aus dem Tempel könnte man sagen: Ganz schön arrogant, der Jesus, der weiß alles besser. Aber am Ölberg hat er Angst und ringt mit sich. Er unterschreibt sein eigenes Todesurteil – und für was? Dass alle anderen es doch nicht checken. Da kommt er einem näher.

Er kommt einem näher, wenn er Angst hat und zweifelt. Nicht gerade männlich.

Wenn männlich Macho heißt, dann ist er am Ölberg nicht männlich. Aber das ist ja auch ein altes Männerbild. Heute steht die Maskulinität nicht mehr so im Vordergrund. Früher war der Jesus in Oberammergau härter drauf, auch im Tonfall. Meiner war nachgiebiger und großzügiger, ein zeitgemäßer Messias. 

Gibt es ein männliches Stereotyp, das früher zu Jesus gepasst hat und es heute noch tut?

Der einsame Entscheider. Beim Abendmahl verkündet er einfach, was jetzt kommen wird. Jesus weiß, dass er bald sterben muss. Er bezieht seine Jünger nicht in seine Entscheidung ein, sondern stellt sie vor vollendete Tatsachen.

Die Passionsspiele in Oberammergau waren lange eine sehr männliche Veranstaltung. Verheiratete Frauen dürfen erst seit 1990 mitmachen. Wird es irgendwann einen weiblichen Jesus auf der Bühne geben?

Ich weiß nicht, ob das funktionieren würde. Ob es nicht zu sehr ablenken würde von der eigentlichen Geschichte. Dann sprechen alle nur darüber, dass es eine Frau ist. Aber wenn man sich von den Figuren löst und die Botschaft ins Zentrum stellt: Warum nicht nur Frauen auf die Bühne stellen?

Eine Erlöser-Figur muss also nicht zwingend männlich sein.

Überhaupt nicht. Es gibt in anderen Kulturen ja genug Frauen als Erlöserinnen. Wichtig ist nicht, dass Jesus ein Mann war, sondern seine Botschaft.

Aber vor 2000 Jahren hätte man einer Frau gar nicht zugehört.

Vermutlich. Insofern war es natürlich wichtig, dass er ein Mann war. Die Frauen hatten nicht viel zu melden, zumindest offiziell.

„Jesus hätte heute sicherlich Groupies“

Was hatten Frauen denn bei Jesus zu melden, wie war sein Verhältnis zu ihnen?

Der war voll mit Liebe und das hat er auch ausgestrahlt. So einer hat auf alle eine Anziehungskraft. Die Jünger sind nicht umsonst hinter ihm hergelaufen. Nicht, weil sie eine sexuelle Anziehung gespürt hätten. Sondern, weil die Atmosphäre um ihn herum extrem wohltuend war.

Wie wäre das heute?

Ich glaube nicht, dass Jesus asexuell wäre. Jesus hätte heute sicherlich Groupies.

Weil Bart und lange Haare heute wieder voll im Trend sind.

Nein, Jesus würde heute keinem Schönheitsideal entsprechen. Er wäre unauffällig. Jesus sah damals aus wie jeder andere: lange Haare und Bart. Rein äußerlich war er kein Revoluzzer, sondern eher angepasst. Wenn ich mir anschaue, wie viel Geld unsere Fußballstars beim Friseur ausgeben: Das würde Jesus heute nicht machen. Eitelkeit war nicht seins.