Der Freier

Reza Alavi will Sex. Im Iran ist das außerhalb der Ehe verboten. Seine einzige Hilfe – ein Mullah. Nur ein Geistlicher kann ihm eine Zeitfrau vermitteln

Text & Fotos: Baran Datli

Reza Alavi rast mit 180 km/h auf der Autobahn. Im Blut vier Gläser Schnaps, eine viertel Tablette Viagra und das Testosteron eines Mannes, der ficken will. Vor sich hat er noch eine halbe Stunde Fahrt, hinter ihm liegen Monate.

Mitte März ist Alavi noch kurz davor zu verzweifeln, bis ein Bekannter ihm eine Visitenkarte gibt. Er sagt, er soll unbedingt dort anrufen, das Kärtchen werde sein Problem lösen. „Heiratsvermittlung Kazemi“ steht darauf. Ein stilisiertes Brautpaar soll zeigen: Hier geht es offiziell zu, sauber, nichts Illegales. Der Vermittler bietet normale Ehen und Zeitehen an. Aber Alavi weiß, dass normale Paare sich vorher kennen und nicht vermittelt werden müssen.

Außerehelicher Sex ist im Iran verboten. Prostitution ist verboten. Alavi will eine Grauzone ausnutzen, die als Sighe bekannt ist. Paare können für eine halbe Stunde verheiratet sein oder für 99 Jahre. In dieser Zeit ist Sex erlaubt. Danach endet die temporäre Ehe.

Die Suche | Scham

Neben dem Computerbildschirm liegt das Kärtchen. Alavi arbeitet in einer Bank in Isfahan und bis zum Wochenende muss er die Bilanz abschließen. Das persische Jahr geht zu Ende. Er tippt auf der Tastatur, schaut das Kärtchen an, tippt, Kärtchen, Tastatur, Kärtchen.

Es schlägt zwölf: Mittagszeit. Alavi steigt in sein Auto, tritt aufs Gas. Die Visitenkarte liegt auf dem Armaturenbrett. Er hechelt. Er schwitzt. Im Taumel hat er vergessen, den Wagen im Schatten zu parken. Er wählt die Handynummer. 098 … „Ich mache das nicht mehr“, antwortet ihm der Mann, der sich als Mr. Kazemi vorstellt. „Die Männer zahlten nicht, die Frauen wollten keinen Sex. Ich hatte nur Probleme.“ Alavi ist enttäuscht, er war seinem Ziel so nahe. Bevor Kazemi hastig auflegt, diktiert er eine Handynummer. Dort solle Alavi anrufen. Sie gehöre einem Mullah. Sein Name: Mr. Minhaj. In seinem Ehebüro biete er „all-inclusive-Service“ an.

In der Warteschleife rezitiert ein Sänger Koranverse zur Musik. „Minhaj! Ja Sie sind richtig bei mir. Sie wollen eine Zeitfrau? Keine Sorge, ich habe 170 Optionen. Je nach Preis ist da für jeden eine dabei.“ Alavi hält den Hörer zu und stöhnt leise. „Ich höre aus Ihrer Stimme, dass Sie keine Fette, Hässliche wollen.“

Alavi hat seine offizielle Ehefrau seit knapp zwei Jahren nicht mehr gesehen. Er betrog sie, sie zog zu ihren Eltern. Sie haben sich nicht scheiden lassen, das wäre für beide unehrenhaft und sie hätten nicht den Mut, es ihrer gemeinsamen Tochter zu sagen. Jetzt will Alavi Sex, mit Frauen, 15, 20 Jahre jünger als er. Seine Noch-Ehefrau darf nichts davon wissen. Reza Alavi heißt auch eigentlich anders. Sie kontrolliert, was er tut, schaut in seine Bankkonten oder fragt Bekannte aus. Damit sie nichts erfährt, hat er sich eine neue Kreditkarte geholt, um den Sex bezahlen zu können.

Es klingelt. Auf den Anruf hat Alavi drei Tage gewartet. Am anderen Ende der Leitung: Mr. Minhaj. Alavi hebt ab. Er dreht die Lautstärke des Fernsehers hoch, bis er dröhnt. Alavi senkt seine Stimme, flüstert „Salom“, „Hallo“ ins Handy und verschwindet ins Bad. Der Vater schläft – Bandscheibenvorfall. Die Mutter kocht Abendessen – trotz Knieschmerzen. Der Cousin schaut einen Film – keine Beschwerden. Die Türen sind in der Wohnung immer offen. Schnarchen mischt sich mit dem Zischen von Lammfleisch auf heißem Öl. Als Jugendlicher holte sich Alavi im Kinderzimmer leise einen runter, wissend, dass seine Eltern nicht mal klopfen mussten, um ihn mit seinem Schwanz in der Hand zu erwischen.

„Instinkte lassen sich nicht beseitigen. Wir können zusammen aber eine kluge Lösung finden, um deine Begierde zu befriedigen“

Anonymer Zeitehen-Chat bei Telegram, Nachricht an die Gruppe

 

Der 38-jährige Alavi kommt unter der Woche jeden Abend zu seinen Eltern zum Essen. Knapp 120 Quadratmeter hat die Wohnung, offene Küche, Kamin im Wohnzimmer, neuer Fernseher, Garten mit Zitronen- und Feigenbäumen, in der Garage ein Auto. Die Kinder zogen aus, heirateten oder studieren in Italien. Die Mutter war Lehrerin, der Vater Banker. Eltern, die BBC-Nachrichten schauen, aber auf Familienfotos Haare wegkratzen, damit es so ausschaut, als hätten die Frauen beim Fotoshooting ein Kopftuch getragen.

Mr. Minhaj sagt: „Ich habe sie gefunden: 24 Jahre alt, schlank wie ein Model, blondierte Haare, grüne Augen, weiße Haut, die nach Jasmin riecht, große Brüste, weicher als Reispudding. Hast du das Geld noch? 2 000 000 Toman.“
„Ja, ich zahle mit Kreditkarte.“

„Komm morgen in mein Büro. Sie will dich dort treffen. Dann könnt ihr verschwinden und euren ehelichen Pflichten nachgehen.“ Mr. Minhaj lacht.

Alavi schaut kurz in den Spiegel: Breites Grinsen. Gesicht waschen, abwatschen. Lächeln unterdrücken. Er geht aus dem Bad.

Alavi klopft seinem 26-jährigen Cousin auf den Rücken und rückt kussnah vor sein Gesicht. „Diese Handynummer von Mr. Minhaj ist pures Gold“, flüstert er und wedelt mit einem Zettel vor ihren Gesichtern herum. „Man ruft diese Nummer an und der Mullah am Telefon verspricht dir eine Frau, die du ficken kannst. Man muss sie nur für eine kurze Zeit heiraten. Willst du eine?“

„Ich habe ja eine Freundin“, sagt sein Cousin, „Bei uns läuft das anders. Für uns spielt Ehe und Jungfräulichkeit nicht mehr so eine große Rolle. Wenn meine Freundin und ich ficken wollen, dann tun wir es einfach. Wir brauchen dafür keine Zeitehe.“

„Am liebsten würde ich ja mit meiner Frau im Bett liegen. Sie war die Schönste, aber sie will mich nicht mehr.“

Alavis Mutter schleicht sich an, als sie das persische Wort Sighe hört. Die Männer merken, dass sie kommt: „Pssst, leiser.“ Die Mutter schämt sich für ihren Sohn, von der Frau verlassen, nicht fähig, sich selbst ein Abendessen zu kochen. Sie ahnt schon, dass er eine Zeitehe eingehen will. Stolz war sie, als er die Universität abschloss, Banker wurde wie sein Vater und eine Frau heiratete, die sie mochte. Nun ist da nur noch Scham. Dass er eine Frau auf Zeit sucht, ist für sie noch eine Stufe schlimmer. Für sie ist es Prostitution.

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Monate zuvor will Alavi noch zurück zu seiner Familie, alle Telefonanrufe drückt die Ehefrau weg. Langsam realisiert er, es ist endgültig vorbei. Aber er vermisst seine Tochter, will sie wiedersehen. Sie ist gerade in der Pubertät, darf deswegen nicht erfahren, dass er im Internet nach Frauen sucht. Er hat Angst, sie würde den Respekt vor Männern vollkommen verlieren. Er verheimlicht seiner Tochter, dass er mit einer deutschen Frau schreibt. Mit ihr reist er nach Shiraz, besucht Museen, altertümliche Stätten, isst zu Abend in iranischen Restaurants, die als besonders authentisch gelten. Aber sie will nicht mit ihm schlafen. Alavi reist nach Thailand, trifft dort Frauen, die fragen, ob er „Bum bum“ will, er antwortet: „Bum bum!“ Doch es befriedigt ihn nicht. In einer Messaging App findet er einen Gruppenchat nur für Sighe. Er schreibt mit Frauen, doch nie bringt er eine dazu, ihn zu heiraten. Er sucht weiter. Und beschließt, einen Mullah um Rat zu fragen.

Auf dem Imam Chomeini Platz in Isfahan. Paare streicheln sich versteckt im Schatten der Sträucher. Frauen hasten durch die Läden. Hackbeile schlagen auf Knochen und Fleisch ein, Kassen klirren, Hämmer krachen. Neu, neu, neu, alles muss neu sein, Straßen geteert, Kleidung gekauft. Zum iranischen Neujahr – Norouz – in acht Tagen wollen Iraner sich des Alten entledigen, sich fürs kommende Jahr einkleiden. Alavi kauft einen Anzug.

Sein eigentliches Ziel ist die Freitagsmoschee. Er will wissen, warum Frauen sich von ihm abwenden, wann immer er sie auf Zeitehen ansprach.

Vor ihm sitzt der 36-jährige Mullah Mohammad Zamani, seine Hände aufeinander gelegt, wendet er seinen Blick im Laufe des Gesprächs nicht von Alavi ab. Sprich zu mir, du kannst mir alles sagen, vermittelt sein vorgebeugter Oberkörper.

Alavi: „Warum ist die Zeitehe verpönt?“
Zamani: „Der Satan Shah Pavlavi ist Schuld. Zu seiner Zeit war sie verboten. Und unser Glaube sagt klar: Das Problem ist der Neid der Frauen. Keine akzeptiert eine Rivalin. Sie sagen, es sei Prostitution, aber eigentlich ist es das wirksamste Mittel dagegen.
Alavi: „Ich will eine Frau auf Zeit heiraten, aber ich bin mir unsicher.“
Zamani: „Der Islam ist keine verschlossene Religion. Jeder Mensch braucht Sex mit dem anderen Geschlecht. Auch du! Aber er ist nur in der Ehe erlaubt. Sie ist die höchste Verbindung zwischen Frau und Mann. Die Zeitehe ist eine Alternative und nichts Verwerfliches. Manche Männer können sich eine normale Hochzeit nicht leisten, wollen nicht heiraten oder brauchen Erfahrung.“
Alavi: „Ich habe noch eine offizielle Ehefrau. Ist das ein Problem?“
Zamani: „Nein, sie muss es nicht erfahren. Es ist ein geheimer Vertrag zwischen dir und deiner Zeitfrau.“
Alavi: „Was muss ich tun? Ich will eine Zeitfrau.“
Zamani: „Das ist nicht meine Aufgabe.“

Der Zuhälter | Geld

In einer Seitenstraße, nahe dem historischen Zentrum von Isfahan, wird Alavi begrüßt von Mr. Minhaj. Offene Kabel hängen von Strommästen herunter, Elektriker schweißen, Maurer reißen Wände ein. Das Büro wurde zu klein, die Anfragen wurden zu viele. Deswegen mietet Mr. Minhaj seit zwei Monaten das Nachbargebäude und lässt es umbauen. „Fühlen Sie sich nicht gestört!“

Zwei Paare warten im Ehebüro auf ihren Termin. Die Jalousien sind geschlossen, silberne Plastik-Kronleuchter strahlen unnatürliches Licht aus. Hände greifen nach Schwarztee und Datteln.

Mr. Minhaj legt Turban und Kutte auf den Schreibtisch. Er trägt einen Anzug. Sein Bart ist gleichmäßig dunkel, als wäre er mit Teer gefärbt; seine Haare sind streng zum Scheitel gekämmt. Sein kräftiger Körper strömt Rosenduft aus, ein subtiles Zeichen, dass er nach der Sunna lebt, der Lebensweise des Propheten. Duft ist im Iran politisch: Säkulare Iraner tragen westliche Parfüms, religiöse klassische Öle, Orange oder Rose.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Wir checken unsere Zeitfrauen wie Autos alle zwei Monate – auf Krankheiten und Schwangerschaften“, sagt Mr. Minhaj und lacht. Aus einer Schublade holt er eine Karte heraus, er nennt sie Gesundheitskarte. Alavi schaut sie sich an, sieht das Foto einer Frau und Daten, die belegen sollen, dass sie gesund ist. „Kann ich mir meine Zeitfrau so zusammenstellen, wie ich das will?“

„Ja, warum nicht?“ Der Preis bestimmt die Ware: Eine 50- bis 60-jährige Frau kostet 200 000 Toman, umgerechnet knapp 57 Euro für einen Monat. Eine „Mittelklasse“ knapp 1 000 000 Toman. Je jünger und „schöner“ die potenziellen Zeitfrauen sind, desto mehr kosten sie.

Alavi überlegt. Überlegt. Überlegt. „Meine erste offizielle Ehe war eine Katastrophe. Ich bin selber Schuld daran. Ich bin nicht für eine lange Beziehung gemacht. Ich bin einfach ein Mann, der Sex haben muss“, sagt er. Der Mullah nickt. Alavi wählt die teuerste Klasse. Mr. Minhaj und Alavi einigen sich auf 2 000 000 Toman, knapp 570 Euro für einen Monat. Als Banker im Iran ist Alavis Einkommen über dem Landesdurchschnitt, aber selbst er musste für seine Zeitehe sparen. Dafür verspricht der Mullah: Die Frau wird ihn besuchen. Wenn er keine Wohnung hat, dann kann er auch zu ihr nach Hause gehen. Zweimal in der Woche Sex, achtmal im Monat. Mehr geht nicht.

Er müsse sich aber noch gedulden, sagt Mr. Minhaj. 90 der 170 Frauen seien noch in Zeitehen beschäftigt. Aber er werde sich melden.

„Wir haben den Menschen erschaffen 
und wissen, was seine Seele einflüstert, und wir sind ihm näher als seine Halsschlagader“

Webseite für Zeitehen hcab.ir zitiert Sure 50 Vers 16 aus dem 
Koran

 

Vier Tage vergehen. Mr. Minhaj ruft Alavi an. Er isst gerade bei seinen Eltern zu Abend. Der Mullah sagt ihm, er soll am nächsten Tag in sein Ehebüro kommen. Dann kann er seine Frau abholen.

Es ist soweit. Alavi trifft Sozan Firouz und mustert sie von oben bis unten: Lange Haare in einem Tschador versteckt, große Augen, braun, nicht grün, wie es Mr. Minhaj versprochen hatte, klimpernde Wimpern, eine schmale Taile. Und er sieht Arsch und Titten. Alavi redet von ihr, als würden sie sich schon ewig kennen. Er sagt, sie sei so energiegeladen, meint aber sexy. In der Nacht hat er schlecht geschlafen, er hatte Angst, seine Erwartungen würden nicht erfüllt.

Er hat sich vorgenommen, nach der Eheschließung Firouz sofort zum Auto zu bringen und mit ihr in den Norden zu fahren. Dort hat er eine Wohnung eingerichtet. Schnaps und Viagra wirken schon. Er spürt es im Kopf und im Schwanz.

In Mr. Minhajs Büro unterschreiben beide den Eheschein. Geregelt sind Beginn und Ende und der Brautpreis, den Alavi aber nicht Firouz gibt, sondern Mr. Minhaj. Der zieht Alavis Kreditkarte durch das Lesegerät. Alavi weiß nicht, wie viel Firouz davon bekommt. Er wird sie auch nicht fragen, sie wird nicht darüber reden. Das ist die Bedingung dafür, dass Mr. Minahj sie an Männer vermittelt.

Eigentlich gehört das Geld komplett ihr, das ist ihr Brautgeld. Der Mullah verdient separat 15 000 Toman für die Eheschließung.

Mr. Minhaj spricht die islamische Formel: „Verflucht sei Satan. Im Namen Gottes, des Mitfühlenden, des Barmherzigen, erkläre ich Frau Firouz zur temporären Ehefrau von Herrn Alavi.“

Die Männer schütteln sich die Hände. Alavi sagt zu Mr. Minhaj, sie werden sich bald wieder sehen.
„Wo sind unsere Dokumente?“
„Hier.“ Nächster.