Der Halbstarke

Ein Sehnsuchtsort für Teenager – das Crash in München. Aber nur bis Mitternacht, dann müssen alle nach Hause. Ein Donnerstagabend. Vier Stunden. Fünf Stufen der Ekstase

Text: Xaver von Cranach & Anna-Sophia Lang
Fotos: Hannah Senoner

1

Zwei dünne Mädchen zeigen ihre Ausweise. Schüchternes „Hi“, Blick zum Türsteher, kleines Lächeln. Anspannung. Später werden alle hier draußen rumstehen, betrunken von Desperados und geflasht von Nikotin, und alle werden lachen und grölen. Hände auf Ärschen, Mädchenlippen auf Mädchenlippen, Kotze auf dem Bürgersteig. Erwartungen werden enttäuscht sein, bei den meisten zumindest. Über den Türstehern steht in riesigen silbernen Buchstaben „Crash“.
Ein Donnerstagabend beginnt um acht und endet um eins. So ist das seit Jahrzehnten. Wer 18 ist, kriegt ein blaues Band. Die Bandlosen werden um zwölf aussortiert, also fast alle. Glätteisen und Kapuze zum Beispiel. Die Süßen sowieso. Jeansjacke und Rosa Hemd dürfen noch bleiben, Sweatshirt auch.
Halb neun.

Ain’t nobody loves me better
Makes me happy, makes me feel this way
Ain’t nobody loves me better than you

Auf der Leinwand läuft das Musikvideo. Eine Bilderbuch-Lovestory. Boy meets girl, die perfekte Begegnung. Er skatet, sie tanzt Ballett, er isst Burger, sie trinkt einen Smoothie. Junge ist Junge, Mädchen ist Mädchen.
Drei Jungs federn breitbeinig die Treppe runter. Sie bleiben unten kurz stehen, strecken die Brust raus, der Blick geht einmal rum. Schauen, ob jemand schaut. Lage gecheckt.

 

2

Die Süßen kommen.

I don’t wanna live forever
cause I know I’ll be living in vain
And I don’t wanna fit wherever
I just wanna keep calling your name
until you come back home

„Boah, hör mal, wie cool.“ Eine trägt Zahnspange und freut sich, dass es jede Woche einen anderen Stempel gibt. Letztes Mal war es Snoopy. Bevor Karin den Stempel aufdrückt, legt sie die E-Zigarette aus der Hand. Vor 48 Jahren hat sie das Crash gegründet, zusammen mit Günter und Rainer. Günter macht die Buchhaltung und steht auch an der Bar. „Ist mager heute, der Abend“, sagt Karin. In den Sommerferien stehen hier 500 Leute an, prügeln sich schon in der Schlange. „Aber mal abwarten, da kommt schon noch was.“
„Wird ’ne gute Nacht“, sagt eine auf dem Weg nach draußen zu ihrem Freund, der hinter ihr herhumpelt. Letzte Woche hat er sich den Knöchel verstaucht, als er betrunken vom Crash zur U-Bahn rannte.
Halb zehn. Rosa Hemd trägt die blonden Haare nach hinten gegelt, er studiert BWL. Seinen schwarzen Mantel wird er den ganzen Abend nicht ablegen. Jeansjacke ist Gärtner. Von allen im Club sieht er dem James Dean an der Wand am ähnlichsten. Sie bestellen Bier bei Stefan. Der steht seit 23 Jahren an der Bar, mit seinem weißen Zopf, Nietengürtel und Spinne auf dem schwarzen T-Shirt. Dicker Bauch, väterliches Lachen. „Im Großen und Ganzen ist das hier alles im humanen Bereich.“ Jeder will den harten Alkohol, aber an Stefan kommt keiner vorbei. Sangria und Bier, mehr gibt es für die meisten nicht. Rosa Hemd und Jeansjacke nehmen nur eins, danach wollen sie weiter. Sie setzen sich an einen der Tische, die Wand hinter ihnen ist mit Schwarz-Weiß-Porträts von James Dean und Marilyn Monroe tapeziert.
Links von ihnen sitzen drei Jungs mit einem Sektkübel Sangria. Der Crash-Klassiker. Einer rülpst durch die Zahnspange, der andere lacht, „du Trottel“, der dritte verschluckt sich.
Rechts sitzen Glätteisen und Kapuze mit ihren Freunden. Sie ist blond und trägt Mittelscheitel, ihr schwarzes Top mit tiefem Ausschnitt ist knalleng. An ihm ist alles perfekt: gerade Nase, hohe Wangenknochen, reine Haut. Sie legt die Hände auf seine Oberschenkel, lächelt und redet und lächelt und redet. Er versucht, lässig zu bleiben, beobachtet und lässt sie machen. Irgendwann legt er den Arm auf die Brüstung hinter ihr. Nur wenn sein Hoodie verrutscht, wird er hektisch.

Take off your clothes
Blow out the fire
Don’t be so shy

Die Frau im Video auf der Leinwand räkelt sich. Nico macht seinen Rundgang, kontrolliert, was auf den Tischen steht. Wenn Gläser hinter Flaschen stehen, weiß er, da hat jemand Alkohol, den er nicht trinken darf. „Tarn-Despos“, nennt Nico das. Türsteher-Alltag im Crash.
Auch Sweatshirt trinkt Desperados. Er ist zum Saufen hier, sagt er, nicht wegen der Frauen. Die hier sind nichts für ihn. Er grinst, zwinkert, fasst kurz an seine blonde Tolle. Seine Freunde wollen tanzen, er steht lieber an der Bar und schaut.

„Seine Exfreundin war ein Jahr älter als er, krass, ne?“
„Na und? Auf alten Pferden lernt man reiten.“

Sweatshirt hat Angst vor dem Mathe-Abi. Zwei Monate hat er noch zum Lernen. In den letzten Klausuren hat er nur fünf oder sechs Punkte geschrieben. Sein kleiner Bruder bringt immer 13, 14 nach Hause. Sweatshirt macht das zu schaffen. Er will seine Eltern nicht enttäuschen. „Ich mag sie schon gern.“

3

Viertel vor elf. Die Jungs stehen am Geländer und schauen den Mädchen beim Tanzen zu. Easy. Wer sich gut bewegt, wird bewundert und beneidet. Eine verlässt den Tisch, an dem Kapuze sitzt. Sie lächelt ihm über die Schulter zu. Als sie sich umdreht, ist sein Grinsen weg. Nur noch Augen, die auf Ärsche glotzen. Glätteisen beginnt, fremd zu flirten. Sie zieht wahllos einen Typen am Arm und ruft ihm was ins Ohr. Kapuze ist es eigentlich egal. Trotzdem steht er auf und geht.

Elf. Auf der Leinwand macht ein Typ in Pelz auf Checker.

I’m gonna pop some tags
Only got twenty dollars in my
pocket
I – I – I’m hunting, looking for a
come-up
This is fucking awesome

Lautes Kreischen, Hände in der Luft, Jungs hüpfen Arm in Arm.

„Hey, komm mal her. Schau mal hier.“
„Hier die Kabine?“
„Ja, genau. Hier stand ich drin und hab ihm geschrieben. Und dann hat er halt echt Ja gesagt.“

Plötzlich Geschubse. Fäuste und Schreie. Sieben, acht, neun Jungs gehen aufeinander los. Niemand weiß, was passiert ist, aber alle sind dabei. Im Hintergrund rappt der Pelztyp weiter. Nach ein paar Sekunden sind die beiden Türsteher da, erst Nico, dann Ozan. Stefan von der Bar hat sie auf dem Handy angerufen. Draußen müssen sich die Halbstarken die Hände geben. „So Jungs, schlagt ein“, sagt Nico. Problem gelöst. „Raufereien passieren am häufigsten, weil jemand glaubt, dass ihm auf dem Klo wer auf den Schwanz geschaut hat.“

 

4

Fast halb zwölf, letzte Chance. Hände greifen unter T-Shirts, Zungen schieben sich in Hälse. Ein Typ auf der Tanzfläche macht die Blas-mir-einen-Geste und grinst in die Menge. Rosa Hemd hat den Mantelkragen aufgestellt und tanzt vor Jeansjackes Handykamera. Kapuze und Glätteisen machen rum, sein Bein schiebt sich zwischen ihre Oberschenkel, sie versucht mit den Hüften den Rhythmus vorzugeben, fast stolpern sie.

„Früher war’s noch voller. Als die Mädchen noch umsonst reinkamen. Das zieht halt voll. Free Drinks nicht, die Jungs müssen ja eh zahlen. Die Pussys zahlen nie für ihre Drinks. So kriegt man sie halt auch. Ich will heute noch ’ne nice Pussy.“

Tonight, I’mma fight
’til we see the sunlight
Tik Tok on the clock
But the party don’t stop, no

Doch. Kurz vor zwölf, plötzlich läuft Happy Birthday. „Alles Gute zum 17., Isabella“, sagt die D-Jane ins Mikro. 20 Sekunden später der Rausschmiss. Die D-Jane dreht den Sound runter und die Bandlosen müssen raus.

5

Stefan geht rüber zum zweiten Tresen, an dem Brigitte seit 35 Jahren steht. „Eigentlich ist alles gleich geblieben. Früher war’s mehr Whiskey-Cola, heute fast nur Wodka-Bull. Die, die früher hier waren, haben jetzt Kinder, die hier sind.“ Brigitte nimmt die Kaffeekanne, schenkt ein, ihre Fingernägel glitzern im roten Scheinwerferlicht. Sie legt noch einen Schokoriegel dazu, schiebt die Tasse zu Stefan rüber, der bedankt sich.
Da, wo sich vorhin die Schläger die Hand geben mussten, stehen jetzt die Bandlosen und wollen noch nicht nach Hause gehen. Die Nacht hat doch gerade erst angefangen.

„Ey, du bist so dicht.“

„Der Nikotinflash macht sie willig.“

„Ich hab meine Kotze sogar noch erkennen können.“

„Ich hab ihr gesagt, sie soll nicht mit dem Typen tanzen.“

Ein paar wollen noch weiter. Sie würden sogar die Süßen mitnehmen. Oder doch nur noch irgendwo hin was trinken. Nicht zu weit weg, Hauptsache, es geht noch was. Die letzte U-Bahn fährt um eins. Morgen müssen alle früh raus. Schule. Okay, die Süßen gehen doch noch mit.

„Eins ist safe. Wenn ich daheim bin, ess ich Käse. Mach ich immer.“
„Hast du welchen da?“
„Ja Mann, sogar Gouda.“

Auf der Treppe neben dem Eingang wiegt ein Mädchen einen Jungen in den Armen und schluchzt.

„Ich wollte doch nur, dass du mit mir tanzt.“
„Du hast nichts Schlimmes gemacht. Du hast ihn nicht mal geküsst.“

Drinnen auf dem Boden kleben Strohhalme in Pfützen. Ein Eiswürfel schmilzt zwischen abgewetzten Polstern, während auf der Leinwand Cheerleader turnen und auf dem Dancefloor sieben Übriggebliebene Discofox tanzen.

It’s my life
And it’s now or never
I ain’t gonna live forever