Der Heimwerker

Ich will einen Stuhl bauen, um ein echter Mann zu werden. Denn nur Heimwerker sind echte Männer. Bericht eines Experiments

Text: Imre Balzer
Foto: Manuel Stark
Video: Vinzent Leitgeb

Dies sollte eine Geschichte des Scheiterns werden. Bis das Bier kam. Für einen Tag wollte ich ein echter Mann sein. Ein Heimwerker-Mann. Denn wer ist männlicher als er? Er repariert Elektromotoren, verlegt Fliesen, zimmert Küchenschränke. Und trinkt schon zum Frühstück Bier. Ich kann all das nicht. Ich repariere nicht, ich zimmere nicht, nicht mal mittags trinke ich Bier. Ich kann dafür sogar stricken.

Deshalb wollte ich einen Stuhl bauen. Hocker? Kinderleicht. Tisch? Immer noch zu leicht. Bank? Zu schwer. Genau richtig: der Stuhl.

Der Tag beginnt zur männlichsten Wochenzeit am männlichsten aller Orte: samstagmorgens um zehn, im Baumarkt. Die Männer im Blaumann scheinen zu riechen, dass ich den Unterschied zwischen T-Nut-Mutter und Hutmutter nicht kenne. Beide Vokabeln habe ich extra für diesen Text bei Wikipedia nachgeguckt.

Am „Hilfe“-Point in der Holzabteilung will mir niemand helfen. Ich entscheide mich alleine für Latten und Platten. Die Maße habe ich vorher mit dem Daumen aus dem Youtube-Video „Einen Stuhl Bauen – Für Unter 20 Euro!“ abgemessen. „Einmal in der Mitte durch“, sage ich dem Baumarktmitarbeiter beim Zuschneiden. Er geht und schneidet – längs. Ich brauche quer. Schlechte Laune auf beiden Seiten. Aber für mich schneidet er nochmal. Welpenschutz.

Zu Hause erst mal Bier und Pause. Ich werde zuversichtlicher

Ich zahle 24,86 Euro und verpasse meine S-Bahn. Ein echter Mann wäre mit dem Pickup-Truck gefahren, denke ich. Zu Hause erst mal Bier und Pause. Der einfachste Teil der Heimwerker-Männlichkeit. Vielleicht ist es der Alkohol, aber ich werde zuversichtlicher.

Dann der erste Erfolg: Die Metallsäge geht wie Butter durchs Holz. Nur blöd: Nach zweimal Sägen geht das Sägeblatt ab. Fange ich jetzt schon an, zu versagen? Dann kapiere ich: Das Blatt ist nicht ab, nur raus. Schlau. Festdrehen hilft.

Fünf Minuten später das nächste Problem: Die zwei Heimwerker aus „Einen Stuhl Bauen – Für Unter 20 Euro!“ erklären nicht, wie ich den Stuhl bauen soll. Sie erzählen lieber Witze auf Sächsisch und bauen vor sich hin. Der Start läuft holprig. Warum ist das da und nicht dort? Sind die Schrauben lang genug? Muss ich wirklich bohren? Langsam bin ich genervt. Warum noch mal Heimwerkern? Stimmt, wegen der Pausen. Also Bier und Snacks her.

Und dann passiert es plötzlich. Ob’s am Bier liegt, ob’s an der Not liegt, ich weiß es nicht. Auf einmal ist sie da: echte Heimwerkersolidarität. Männer helfen Männern beim Mannsein. Vinzent, mein Kameramann, wird unprofessionell, gibt seine journalistische Distanz auf – und wird Teil des Projekts. Er wollte als stiller Beobachter teilhaben. Jetzt grübeln wir gemeinsam über den richtigen Winkel der 1,60er und der 1,20er, wie wir die Stuhlbeine nach einer Stunde liebevoll nennen. Es siegt das männliche Bauchgefühl: Wir messen nichts ab, wir denken nicht mehr nach. Wir bohren und schrauben und bohren und schrauben und bohren und schrauben. Zum Glück habe ich ein Paar Extraschrauben gekauft.

Der Nachbar ist nur mäßig beeindruckt. Egal

Vinzent holt Fertigpizza von Lidl, wir trinken Bier und essen in der Sonne. Weil Männer ja nicht kochen können und immer Bier trinken. Der Stuhl liegt schon fast fertig vor uns. Hochgefühle. Optik: Drei plus, aber es geht ja ums Sitzen. Mannsein kann so einfach sein.

Dann noch ein paar Querstreben reingeschraubt und ich verschicke die ersten Beweisbilder. Die überraschten Reaktionen meiner Freunde kränken mich als echten Heimwerker-Mann zutiefst. Der Nachbar ist nur mäßig beeindruckt, der Fotograf schlägt vor, den Stuhl anzuzünden. Wir sind empört. Besser saßen wir nie. Auf einem selbst gebauten Stuhl.

Die Erkenntnis: Der Heimwerker ist nicht Mann, weil er heimwerkert. Sondern weil er Bier trinkt. Eigentlich wollte ich scheitern. Aber Scheitern am Mannsein ist mit Bier ganz schön schwer. Dass der Stuhl jetzt steht: Nebensache.