Der Held

In Survival-Camps sollen Männer zurück zur Natur finden. Ein Wochenende im Pfälzerwald

Text: Michael Graupner
Fotos: Jonas Peisker

Die Welt steht am Abgrund und ein Hase ist auf der Flucht. Er rennt über eine Wiese. Vier Männer erspähen ihn. Sie sind die einzigen Überlebenden, die anderen vier haben es nicht geschafft. Sie halten Holzspeere in der Hand. Als der Hase an ihnen vorbeirast, springen sie in die Luft, versuchen ihren Speer in das Tier zu rammen. Die Männer schreien. Einer nach dem anderen wirft. Keiner trifft.

27 Stunden zuvor: Ein Samstag im März, neun Uhr, acht Männer und eine Frau fahren in den Pfälzerwald. Einer der Männer ist Hans Staudt. Ein großer, stämmiger Typ, Mitte 40, Tarnjackenträger. Hans duzt jeden, weil der Wald jeden duzt, sagt er. Für 149 Euro bringt er anderen bei zu überleben. Um auf einen Atomunfall vorbereitet zu sein. Zum Beispiel. Oder eine Naturkatastrophe. Kein Strom, leere Supermärkte – die Teilnehmer des Survival-Camps bereiten sich auf den Ernstfall vor.

Sieben Männer und eine Frau (nicht im Bild) auf dem Weg in die Apokalypse.

 

Während viele Survival-Kurse martialisch daherkommen, geht es Hans, der auch Sozialpädagoge ist, etwas ruhiger an. Seine Devise: „Ich war nie Soldat und ich will auch niemanden zum Soldaten ausbilden.“ Der Survival-Gedanke bleibt dennoch erhalten. Im Einklang mit der Natur.

Die Teilnehmer stellen ihre Autos am Waldrand ab und spazieren durch das feuchte Laub. Der Jüngste ist 18, der Älteste 40. Fünf von ihnen haben die Bundeswehr überstanden: Jürgen, Markus, Christoph, Martin und Chong. Fabian will noch dienen. Jérôme ist Elektriker aus Luxemburg. Elisabeth, die einzige Frau, ist eher für Kultur zu haben.

Elisabeth trifft auf das erste Hindernis: einen zwanzig Zentimeter in die Luft ragenden Ast. Christoph nimmt ihre Hand und zieht seine Freundin zu sich. „Danke, Schatz“, sagt sie. Elisabeth weiß noch nicht wirklich, was sie hier soll. Christoph ist ein „totaler Outdoor-Mann“. Sie hat sich zu diesem Abenteuer überreden lassen: „Hoffen wir, dass mindestens ein Opernbesuch rausspringt. Und er soll beim Cirque du Soleil nicht mehr so viel meckern.“

 

„In der Regel hat man ja immer ein Seil im Wald dabei“

Im Januar war Christoph in einem Winter-Survival-Camp, und im Mai nimmt er an einem Combat Recovery Training teil, einer besonderen Form des Survival-Trainings. Bei Meißen in Sachsen wird dann ein von Taliban besetztes afghanisches Dorf nachgestellt. „Ich bin da ein unabhängiger Journalist und werde entführt.“ In den Pfälzerwald ging er schon mit seinem Vater. Nach der Einschulung übernachteten sie eine Woche in Höhlen. Jetzt arbeitet er als Projektmanager bei einem großen deutschen Unternehmen und ist für den Weltuntergang gut ausgestattet: drei Messer, atmungsaktiver Hut, atmungsaktive Jacke, atmungsaktive Unterwäsche.

Die erste Aufgabe des Tages steht an. Die Gruppe muss einen Rollstek-Knoten binden. Hans meint: „In der Regel hat man ja immer ein Seil im Wald dabei.“ Seine Frau und sein Bruder zeigen, wie es geht. Beide unterstützen ihn im Camp. Christoph knotet am schnellsten. Dann hilft er seiner Freundin. „Nach zwei Schlägen musst du ins Auge“, sagt er. Elisabeth trifft das Auge nicht. Sie beißt auf ihre Unterlippe, richtet ihr atmungsaktives Multifunktionstuch. „Ich habe jetzt schon keine Lust mehr.“ Ihre Laune bessert sich nicht, als sie eine kleine Schlucht auf zwei Seilen überqueren sollen. Elisabeth plumpst ins Laub.

Schlucht überqueren: zwei Bäume mit zwei Seilen verbinden (Höhe: etwa ein Meter), Hände am obersten Seil anbringen, Füße am untersten, langsam balancieren. Für Menschen mit Höhenangst nicht geeignet!   

 

Kurze Zeit später sitzen die Teilnehmer auf umgefallenen Birkenstämmen. Mit Taschenmessern schneiden sie kleine Stücke Birkenrinde ab. Christoph hält vier in der Hand, die anderen schnitzen noch am ersten.

Das Camp liegt einige Hundert Meter entfernt. Auf dem Weg dorthin stellt sich der Gruppe eine große Holzerntemaschine in den Weg. Motorsägen umzingeln die Überlebenden. Nach kurzer Beratung weichen sie aus und nehmen einen anderen Weg. Sie gehen über eine Landstraße und erreichen das Lager.

Mittag. Fabian, der 18-Jährige, versucht ein Stück Salami abzuschneiden. Doch er schneidet sich ein Stück Haut aus dem Daumen. Blut spritzt auf seine Bundeswehrtarnhose. Hans geht in eine Schutzhütte und holt Verband und Pflaster. Fabian will Oberfeldwebel werden, wie sein Vater. Erst muss er aber noch seine Ausbildung zum Stahl- und Maschinenbauer fertig machen. Das Survival-Camp ist ein Geburtstagsgeschenk von Fabians Onkel Jürgen, der so vieles aus der „Zeit beim Bund“ wieder verlernt hat. „Ich weiß nicht, wie ich mich in einer Notsituation verhalten soll.“

Nächste Aufgabe: Hausbau. Hans erklärt das Prinzip. Es braucht eine tragende Konstruktion aus Holzstämmen, dünne Zweige und Gras als Dämmmaterial obendrauf. Christoph und Elisabeth errichten zusammen ihre Hütte, sie holt das Holz, er ordnet es an. Sie reicht ihm die Schnur, er verbindet die Stämme. Er gibt die Anweisungen, sie hört ihm zu. Beide liegen Probe: „Das dürfte eng werden, Schatz“, sagt Elisabeth.

Haus bauen: einen großen Holzstamm länglich legen, mit Ästen abstützen, dünne Zweige und Gras als Dämmmaterial obendrauf. Vorher Probeliegen!

 

Nach zwei Stunden folgt eine Lektion Überlebenskulinarik. In einer Plastikbox bewegen sich kleine braune Insekten – Steppengrillen, erhältlich für zwei Euro in jedem Lebensmittelfachgeschäft für Tiere. Die Teilnehmer sollen ihnen den Kopf abdrehen, damit sie nicht so sehr leiden. Ein Wurf in die Feuerschale, im Olivenöl zappeln noch ihre Fangarme. Kurz mit der Zange gewendet, dann in den Mund. „Mmmh, lecker.“ – „Sie schmeckt nicht schlecht.“ Chong findet, „fast wie Chips“. „In China fresst ihr ja auch nichts anderes“, sagt sein Kumpel Martin. Allgemeine Erheiterung.

Grillen grillen: aus der Plastikbox nehmen, Kopf abdrehen, kurz in heißem Olivenöl wenden. Vor dem Verzehr Fangarme entfernen!

 

Chong stammt tatsächlich aus China. Mit 13 Jahren kam seine Familie nach Deutschland, fünf Jahre später ging er zur Marine, mit 28 holte er das Abitur nach. Seit Oktober studiert er Maschinenbau in Darmstadt und ist als einziger der Gruppe angemessen gekleidet: weiße Turnschuhe und Jeans, dazu gegelte Haare. „Ich finde es schon wichtig, zumindest ein paar Survival-Fähigkeiten zu beherrschen.“ Zur Teilnahme am Camp musste ihn aber Martin überreden. Der bekam von seiner Freundin einen Gutschein geschenkt. Sie fand, er solle mal wieder in den Wald.

Die letzte Grille ist verspeist. Jetzt muss die Gruppe das Abendessen vorbereiten. Für einen Fladenbrot-Teig suchen sie Knoblauchsrauke, Sauerampfer, Wiesenlabkraut und Brennnessel. Sie finden die Kräuter im Wald und auf der Wiese, Mehl und Hefe nicht.

Als sie zurückkommen, brennt schon das Lagerfeuer. Auf einem Grill schmoren Würste und Maiskolben. Die Fladenbrote schwimmen im Grillen-Öl. Am Feuer, geschützt von Plastikplanen, sprechen sie über soziale Medien, Japan und das Überleben. Elisabeth und Christoph verschwinden als erste, einer nach dem anderen folgt.

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„Ich habe gerade das Gefühl, dass die Welt am Abgrund steht. Trump und so“

Der nächste Morgen, Frühstück: Sie trinken Tee aus heruntergefallenen Douglasiennadeln, dazu essen sie Brot, Wurst, Käse und einen veganen Aufstrich. Die Teilnehmer erzählen von Mäusen und Vögeln, die sie in der Nacht gehört haben wollen. Chong und Martin von einem Rehbock, der vor ihre Hütte gekackt hat. „Was, wirklich?“, fragt Hans. „Muss ich mir ansehen. Was Kacke und Pisse angeht, bin ich der Experte.“ Lautes Lachen in der Männerrunde. Elisabeth bleibt still. Chong und Martin verabschieden sich, Chongs Oma feiert ihren 80. Geburtstag.

Dann sollen alle ihre Hütten abbauen. Markus schleudert Äste und Stöcke durch den Wald. Er lebt und arbeitet in Köln, ist dort umgeben von Beton und seinem Smartphone. „Ich bin ein richtiger Smombie geworden“, sagt er. Da tut so ein Wochenende im Wald ganz gut. Sowieso: „Ich habe gerade das Gefühl, dass die Welt am Abgrund steht. Trump und so.“ Da muss er sich auf alles gefasst machen. „Wer bringt denn einem heute so etwas noch bei?“ Er will sich einen Notvorrat an Lebensmitteln anlegen, so wie es die Bundesregierung im vergangenen Jahr empfohlen hat. Er hebt den großen Stamm weg und legt ihn neben seinen Schlafplatz. Für die nächsten Überlebenden, in zwei Wochen.

Feuer machen: Birkenrinde abschaben, Birkenzunder mit Feuerstein anzünden. Vor Windeinfall schützen!

 

„Wer kann denn noch ein richtiges Feuer machen?“, fragt Hans und befiehlt den Teilnehmern, aus ihren Birkenrinden kleine Fäden zu schaben – Zunder, den sie mit einem Feuerstein anzünden sollen. Christoph schafft es in zwei Sekunden. Elisabeth braucht eine halbe Stunde. Er will ihr helfen. „Du erhöhst mein Stresslevel gerade massiv“, sagt sie. Dann ein Funken. Die Birkenrinde brennt. Ein Windstoß. Die Birkenrinde brennt nicht mehr. Christoph tröstet sie. „Weitermachen, Schatz.“ Elisabeth versucht es nochmal, immer schneller bewegt sie ihren Feuerstein. Aber sie schafft es nicht und weint. Christoph nimmt sie in den Arm. Beide verlassen grußlos das Camp.

Die letzten drei Stunden werden nun doch noch martialisch. Hans bringt den verbliebenen Vier das Bogenschießen bei. „Es ist aber in Deutschland rechtlich verboten, auf Tiere zu schießen“, sagt er. Sein Bruder zeigt, wie man eine Schlagfalle für Kleintiere bauen kann. Auch das ist verboten. Dann geht Hans mit ihnen auf Hasenjagd. Er knotet eine Kiste an eine sieben Meter lange Leine und läuft los. „Stellt euch vor, ein Hase ist auf der Flucht“, ruft er. Die vier Männer werfen ihren Speer auf die Kiste.

Hasen jagen: Mannshohen Holzstamm im Wald suchen, Spitzen anspitzen, Holzkiste als Hasen verwenden, Speer in Holzkiste rammen. Vor dem Wurf springen!