Der Junggeselle

Saufen, grölen, nackte Frauen. Für Keni Kenéz Alltag. Sie arbeitet in Budapest als Guide für Pissup, einer Reiseagentur für Junggesellenabschiede. Von der Ankunft am Flughafen bis zum Morgen danach. Sieben Schlagworte, sieben Geschichten über deutsche Bachelor

Interview: Anna-Sophia Lang

Stripclubs

„Die Deutschen sind so was von schüchtern. Ich muss sie praktisch überreden, auszurasten. In Budapest darf man die Stripperinnen anfassen, man soll das sogar, das gehört dazu. Sie finden es komisch, wenn die Männer es nicht machen. Die Frauen denken dann, dass die Kerle sie hässlich finden. Bei deutschen Gruppen nehmen die Stripperinnen manchmal die Hände der Typen und legen sie auf ihren Arsch. Die würden sich das teilweise niemals trauen. Bei einer meiner Gruppen war mal ein Typ dabei, der war so schüchtern, dass die Mädels irgendwann einfach aufgehört haben mit ihrer Show. Das war eine Lesbenshow. Ich habe dann vermittelt. Ich bin rüber zu den Mädels und habe ihnen erklärt, dass er sich nicht langweilt oder sie blöd findet, sondern dass er das aus Deutschland nicht kennt. Dann entspannte sich die Lage. Am Ende war er richtig dabei, die Mädels haben seinen Gürtel genommen und ihm damit den Arsch versohlt. Das fand selbst ich verrückt. Er war ganz erleichtert. Aber er hatte trotzdem etwas Angst, dass er sie beleidigt hatte.“

Saufen

„Die Deutschen lieben Bier. Wir gehen mit den Gruppen immer in irgendwelche Bars, in denen es Cocktails und Longdrinks gibt. Alle fahren darauf ab – nur die Deutschen nicht. Unfassbar, wie viel Bier die trinken. Das glaubt man gar nicht. Und trotzdem sind sie noch zivilisiert. Die Briten brüllen rum, pissen auf die Straße, gehen verloren. Die Deutschen laufen praktisch im Gänsemarsch hinter mir her und halten sich an den Händen wie früher im Kindergarten. Die sind so organisiert, unglaublich. Ich muss da auch immer sehr genau auf die Details achten. Einige haben sogar eine Liste dabei, wo draufsteht, was sie alles gebucht haben. Damit wollen sie wohl sichergehen, dass sie auch wirklich alles bekommen, wofür sie bezahlt haben. Mit anderen Gruppen lande ich auch mal bei der Polizei. Mit einer deutschen Gruppe würde das niemals passieren. Die würden sich lieber in den Fuß schießen, als es so weit kommen zu lassen. Die wollen Spaß. Aber übertreiben wollen sie es nicht.“

Feiern

„Die Briten steigen meistens schon besoffen aus dem Flugzeug. Die Deutschen müssen erst mal ein paar Stunden auftauen. Ein paar Bier, dann geht das auch. Manchmal dauert es ein bisschen, bis sie verstehen, dass sie vor mir loslassen können. Ich bin nicht ihre Mutter oder ihre Frau. Die beste Party, die ich je mit einer deutschen Gruppe hatte, war in einem meiner Lieblingsclubs. Am Anfang fühlte es sich so an, als müsse ich einen Eisbeutel zum schmelzen bringen. Am Ende war es fünf Uhr morgens und wir waren die besten Freunde. Ich habe alle in Taxis zum Hotel gesetzt. Ich glaube, die wussten gar nicht mehr, in welchem Land sie sind. Das war ein wilder Abend. Wir kamen da als Gruppe hin, und irgendwann waren wir 50 Leute. Die Jungs waren erst sehr schüchtern, aber dann haben sie Mädels kennengelernt, getanzt, geredet. Am Ende haben wir alle auf den Tischen getanzt. Die haben für ein paar Stunden alles vergessen.“

„Geregelte Arbeitszeiten gibt es nicht“, sagt Keni Kenéz, 25, über ihren Job. Schlimm findet sie das nicht. Seit sieben Jahren begleitet sie Junggesellenabschiede auf ihren Trips durch Budapest. Jedes Wochenende, im Sommer auch öfter. „Für mich der beste Job der Welt.“

Ballern

„Paintball und Lasertag gibt es in Deutschland auch, aber in Budapest können die Jungs mit allen Waffen rumballern, die man sich nur vorstellen kann. Für ein paar Stunden fühlen sie sich dann wie Rambo. Irgendwie scheint das so ein typisches Männerding zu sein, die perfekte Beschäftigung. Bei Frauen zieht das überhaupt nicht. Die drücken zwei Mal ab und dann war’s das. Denen gibt das nichts. Männer drücken zwei Mal ab und wollen mehr, fangen richtige Wettkämpfe an. Wer hat den Längeren, so ist das. Meistens gehen wir am Tag nach dem Feiern zum Schießen. Die kommen dann an und sind total verkatert und unmotiviert. Zehn Minuten, nachdem es losgeht, sind sie plötzlich neue Menschen. Ab und zu sind auch mal Jungs dabei, die nicht mitmachen. Die sagen, dass sie sich mit der Schießerei nicht identifizieren können. Aber das ist selten.“

Verkleidung

„Die Deutschen sind nicht so wild mit den Kostümen wie die Briten. Ich habe noch nie einen gehabt, der als Penis verkleidet war. Ich wäre regelrecht schockiert, wenn das passieren würde. Die meisten Gruppen verkleiden den Bräutigam und der muss es über sich ergehen lassen. Eine deutsche Gruppe hat mal den Bräutigam als Furzkissen verkleidet. Wenn man auf das Kostüm gedrückt hat, hat es Furzgeräusche gemacht. Eine andere Gruppe hat sich mal kollektiv als Borat verkleidet, die haben alle diese grünen Mankinis angezogen. Die sind den halben Tag so rumgerannt. Draußen waren 40 Grad und wir sind Gokart gefahren. Die Autos waren richtig aufgeheizt. Die Jungs hätten sich sofort verbrannt, wenn sie sich da so halb nackt reingesetzt hätten. Die mussten dann Overalls anziehen. Ich hatte auch mal eine britische Gruppe, die den Bräutigam als Terroristen verkleidet hat. Die Jungs hatten alle indische Wurzeln. Die Verkleidung kam in Budapest gar nicht gut an. Der arme Kerl hat sich nirgends alleine hin getraut, nicht mal aufs Klo, weil ihn die Leute überall panisch angestarrt haben. Am nächsten Tag haben seine Jungs ihn dann als Freddie Mercury im Latexanzug verkleidet. Wenn es darum geht, sich miese Kostüme für den Bräutigam auszudenken, werden die Jungs kreativ.“

Bier-Bikes

„In Deutschland muss man erst mal ins Röhrchen pusten, bevor man mit dem Bier-Bike los fahren darf. Wer schon was getrunken hat, darf nicht drauf. In Budapest ist das anders. Es ist egal, ob du total dicht bist. Hauptsache, du demolierst das Ding nicht. Meine deutschen Gruppen fahren voll auf die Bier-Bikes ab. Man fährt dann da so durch die Altstadt an den schönen Gebäuden vorbei. Manchmal laden die Jungs spontan irgendwelche Leute ein, mitzufahren. Auch das geht hier. Neulich hat einer ein Mädel eingeladen, die fuhr eine Weile mit und die beiden haben sich super gut unterhalten. Als ich nach einer Weile wieder hingeschaut habe, haben sie plötzlich rumgemacht.“

Bruderschaft

„Neulich hatte ich eine Gruppe von Freunden, die sich aus der Schule kannten. Damals waren sie richtig dicke – eine Jungsgang. Nach der Schule haben sie alle etwas anderes gemacht, sind weggezogen, haben verschiedene Jobs angefangen. Manche kamen extra aus München, andere aus Dubai. Der eine war Schreiner. Irgendwann hat er mir erzählt, dass er sich total blöd fühlt, weil er nur Schreiner ist und die anderen viel geilere Jobs haben. Aber nach einer Weile hat er festgestellt, dass das eigentlich scheißegal ist, weil die anderen immer noch seine Kumpels von früher sind. Es war ziemlich süß und verrückt zu sehen, wie die sich alle immer noch total lieben, obwohl sie sich nie sehen und total verschiedene Leben führen. Die Tage beim Junggesellenabschied haben sie daran erinnert, wie es früher war. Das hat sie zusammengebracht. Männerfreundschaften eben. Unzerstörbar.“