Der Manspreader

Beschreibung eines U-Bahn-Phänomens

Text: Imre Balzer
Fotos: privat

Manspreading, das | Substantiv, Neutrum

Ein Stuhl ist so breit, wie ein Stuhl breit ist. Ein U-Bahnsitz ist so breit, wie ein U-Bahnsitz breit ist. Und eben nicht breiter. Für manche Menschen – in der überwältigenden Mehrheit Männer – ist das nur schwer zu begreifen. Jeder kennt sie, jeder fürchtet sie: die Manspreader. Männer mit warmen Oberschenkeln, breiten Schultern, männlichem Geruch. Knie, die endlos weit über den Sitz hinausragen.

Wer daneben sitzt, muss sich entscheiden: gegenhalten oder zurückziehen. Statistiken zeigen: Die meisten entscheiden sich fürs Ausweichen. Das Gegenhalten kann sonst zu unangenehmem Austausch von Körperwärme an der äußeren Oberschenkelseite führen. Kuscheln mit Fremden ist nicht jedermanns Sache.

Soweit die Fakten. Bleibt die Frage nach dem Warum. Ist es der enorm große Penis, der das Spreizen nötig macht? Braucht das Ego Platz zum Sitzen? Sind die Beine zu lang? Oder sind die Sitze einfach zu schmal? Kann schon sein. Manche Männer sind eben besonders männlich gebaut. Zu männlich für nur einen einzigen Platz in der Bahn. Die brauchen mehr.

Was aber treibt den körperlich eher durchschnittlich ausgestatteten Mann zum Manspreading? Vielleicht müssen sich die Normalos aufplustern, als Kompensation körperlicher Defizite. Ein Blick in die Tierwelt zeigt aber, Plustern hat meist etwas mit Balzverhalten zu tun. Die Fregattenvögel etwa besitzen einen roten Sack unterm Schnabel, den sie luftballongroß aufblasen können. Als Erklärung für Manspreading scheidet es damit aus: Ein Knie im Gesicht war noch nie der Start eines guten Flirts.

Laut Informationen des US-amerikanischen Instituts für die Erforschung der Spezies Manspreader ist mit einer endgültigen Erklärung für das Manspreading-Phänomen nicht vor 2097 zu rechnen. Erste Erhebungen legen aber den Schluss nahe, dass es sich um testosteronbedingtes Revierverhalten handelt. Männer markieren ihren U- Bahn-Bereich wie Hunde ihren Baum. Manspreading statt Pinkelei. Körperliche Präsenz statt geruchlicher. Vielleicht ist das die Lösung. Einfach mal ein Leckerli zur Beruhigung geben. Dann weiß der Mann, dass er ein ganz Feiner ist. Ansonsten hilft manchmal auch nettes Fragen und im Zweifelsfall: lautes Bellen.

Wir haben per Facebook-Aufruf Bilder des täglichen U-Bahnwahnsinns gesucht. Das (und noch einiges mehr) ist in vier Wochen  zusammengekommen: