Der Perverse

Alfred Esser zeigt Frauen sein Ding. Er ist Exhibitionist. Ein Täter, sagt die Polizei. Er sieht das anders

Text: Robin Droemer & Paul Hertzberg

Das Kampfschwein

Im Dortmunder Hauptbahnhof wird in niedrigen Betonfluren rumgelungert und gezetert, es riecht nach Kippen, nach miesem Döner und billiger China-Nudel. Ein guter Ort, um einen Perversen zu treffen.
Esser. So heißt der Mann. Alfred Esser. Ein Exhibitionist, dutzendfach vorbestraft dafür, Frauen in der Öffentlichkeit sein Ding gezeigt zu haben. Am Hinterausgang, hatte er gesagt, wolle er uns treffen, wir würden uns schon erkennen, keine Sorge. Doch wir erkennen ihn nicht. Zuerst halten wir zwei Flaschensammler für unseren Mann, dann einen Betrunkenen. So stellen wir ihn uns vor. Der echte Esser kommt zehn Minuten zu spät. Er trägt eine weinrote Hose, ein blaues Hemd, ein 70-Jähriger mit trockenem Händedruck und dem Stechschritt des ewigen Sportlers. Rauchen, sagt er als erstes, das sei eine riesige Sauerei. Das ist seine Begrüßung. Eine Tirade über Nikotin, während er zu seinem Auto vormarschiert.
Einer von uns quetscht sich nach hinten, einer nach vorne. Ein grauer Opel, ein Kleinwagen, ein Auto wie ein alter Toaster. Viel Platz gibt es sowieso nicht, doch jetzt türmen sich auf dem Rücksitz auch noch Bücher und Papiere, mit denen Esser uns davon überzeugen möchte, dass er ein ganz harmloser Kerl ist. Er lässt sich auf den Fahrersitz fallen, macht einen kleinen Witz über all die Exhibitionisten, die hier bereits saßen, und sagt: „Willkommen im Wedel-Express, Jungs!“

„Ich bin seit meinem vierzehnten Lebensjahr schon so ein Schweinehund. Wenn ich seinerzeit irgendwo mal die Buchse runter hatte, kamen zig Streifenwagen. Aber um Hilfe zu kriegen, ist man mit diesem Problem wirklich alleine gelassen. Man kann sich keinem anvertrauen, weil man dermaßen geächtet wird. Aber nur als Mann. Der Bundestag ist zwar dabei, den Paragraphen 183 zu verändern. Aber da sind so ein paar Emanzen, die für das Gesetz maßgeblich sind. Die sagen einfach: Ein Mann fühlt sich nicht belästigt. Dabei wollen die doch Gleichberechtigung. Ich fordere, dass der Artikel abgeschafft wird. Solange man nur zeigt, sollte das wie eine Ordnungswidrigkeit angesehen werden.“

Esser tritt seinen Kleinwagen durch Dortmund, um uns herum Hupen. Mit dem Motor startet er auch seinen Vortrag, er spult immer weiter ab, keine Pause. Nur an Ampeln wird kurz geschwiegen, wenn er das Grün nicht bemerkt und dann brutal Gas gibt.

„Wenn man bedenkt, was für Schäden durch Raserei und Unfälle entstehen, da ist der Exhibitionist doch gar nichts. Die Schnellfahrer kriegen vielleicht 200 Euro Strafe und wir kriegen Bewährung und Knast. Keiner weiß etwas Konkretes darüber. Deshalb will ich ja auch aufklären. Ich sehe das wie eine Marktlücke.“

Linoleum, Neonröhren, Brandschutztüren. Außenstelle des Dortmunder Gesundheitsamts. Raum Nummer drei liegt am Ende eines kahlen Behördenflurs. An den Wänden stapeln sich ordentlich Stühle, vier Tische bilden ein einsames Quadrat. Hier traf sich seit den 80er Jahren Deutschlands einzige Selbsthilfegruppe für Exhibitionisten. Kein einziger kam freiwillig; 400, weil Gerichte sie dazu verurteilten. Einmal die Woche redete Esser mit ihnen über die Polizei, ihre Verurteilungen, Ängste, über Frauen. Kollegen nennt er diese Männer. Arme Schweine. Das sagt er mehrfach. Für ihn sind sie Opfer.
Heute ist Esser der einzige Exhibitionist im Raum. Es ist still und staubig. Draußen rauschen Lastwagen vor fast blinden Fenstern. Noch bevor die Tür ins Schloss kracht, überschwemmt Esser den einzigen Tisch mit seiner Munition. Bücher und Karten, Briefe, Artikel, alles quillt aus seiner Mappe, ein Wust aus Information, Dokumente einer Brandrede, die er immer wieder hält. Wir sollen erfahren, was das heißt, ein Exhibitionist zu sein. Für Esser hieß das Jugendknast mit 15. Für ihn hieß das, keine Freunde zu haben, dutzendfach verurteilt, geschlagen und in die Psychiatrie geschickt zu werden. Er zückt Blatt für Blatt, er liest vor, will alles auf einmal sagen, wird von seiner eigenen Rede überrollt, bis die Zeitebenen sich so wild überschlagen, dass er innehalten muss. Dann erzählt er einen Witz, lauert. Er lacht erst, wenn wir es auch tun.

„Als ich im Hotel gearbeitet habe, machte mir eine Frau in geöffnetem weißen Bademantel auf. Ein Mann wäre dafür sofort eingebuchtet worden. Wenn ich aber meine Geschichte erzählte, wurde ich von anderen Männern beneidet. Überhaupt: Frauen haben die Möglichkeit, ihre Zeigelust auf legale Weise auszuleben, wenn die irgendwo an der Stange tanzen. Das ist wieder diese Frauenlogik: Auf der einen Seite machen sie uns Kerlen den Mund wässrig, auf der anderen, wenn ein Exhi mal sein Prachtstück zeigt, ist das Geschrei groß. Da gibt man sich Mühe, fährt sonstwohin, lässt die Hose runter und dann – weg. Manche gucken genau alles an und gehen dann zur Polizei. Die wollen sich dann vermutlich wichtigtun. Man wird nicht bestraft, für was man tut, sondern was man noch tun könnte. Das gibt es bei keinem anderen Straftatbestand. Ich hatte einen Kollegen, der war einmal in den Umkleidekabinen der Badeanstalt – also seine Zielgruppe waren so junge Mädchen, so 14-, 15-jährige, wo man sagt, die sind schon so körperlich sehr fraulich – die haben immer gekichert und gelacht darüber, also gar nichts Schlimmes. Die Mütter meldeten das aber sofort der Polizei. Der arme Kerl hat alles verloren, seinen Job, seine Wohnung.“

Das auf dem Foto könnte jeder sein. Ein Mann, mittelgroß, mit Schweinemaske. Ein anderer mit falschem Schnurrbart und Scherzbrille. Einmal im Fernsehstudio, einmal auf einer Bühne. Alfred Esser ist ein berühmter Exhibitionist. Darauf ist er stolz.

Einer, der auspackt, will er sein, einer, der Klartext redet. Dafür hat er mit Journalisten gesprochen, mit Studenten, mit Psychologen, sogar mit der Polizei. Und er will auch, dass wir das wissen. Deswegen schiebt er nach und nach immer mehr Fotos seiner Auftritte über den Tisch, wie Teile eines grotesken Urlaubsalbums. Er sieht sich als Sprecher einer unterdrückten Gruppe. Nur ihr Gesicht kann er nicht sein. Vor die Kamera tritt er nur in dieser Schweinemaske, einem üblen Ding, das ihm erlaubt, wie am Fließband Witze zum Thema „Perverse Säue“ zu reißen.

Es müsste mehr Essers geben, sagt er und spricht von sich selbst in der dritten Person.

Tatsächlich gibt es aber noch nicht mal einen echten Alfred Esser. Der Name ist ein Pseudonym, die Erfindung eines Spiegel-Reporters, dem Esser seinen wirklichen Namen nicht nennen wollte. Dabei ist es geblieben. Die Polizei weiß, wie er heißt. Die Gerichte auch. Doch der Öffentlichkeit will er nicht verraten, was auf seinem Pass steht. Das sei zu gefährlich, sagt er. Der Mob würde ihm das Haus vollschmieren. Früher seien es die Hexen gewesen. Oder die Juden. Oder die Schwulen. Heute seien eben die Exhibitionisten dran. Esser ist ein Getriebener. Und er kämpft allein gegen alle. Nach seinen eigenen Regeln. Denn keiner weiß, wie er wirklich heißt und die Öffentlichkeit nicht, wie er aussieht. Deswegen kann er in einem Satz Polizeigewalt anprangern und im nächsten von seinem „Prachtstück“ erzählen.

Hinter Kunstfiguren kann man sich verstecken. Sie kennen keine Scham, kein Schuldgefühl. Und so zieht Alfred Esser in den Krieg und lässt seinen Feind zu Hause

Ich habe erfüllten Sex, aber es ist wie bei Hunger und Durst. Ich kann vor einer Stunde eine tolle Nummer gemacht haben, und etwas später stehe ich wieder da und hab‘ da Spaß dran mit Hose runter. Ich nenne das dann einen Schauzug. Dann zieht man etwas Lockeres an, damit man die Hose schnell runter und wieder rauf bekommt. Da wird dann auch ein bisschen massiert. Man will ja auch das ganze Prachtstück zeigen. Meine Zielgruppe waren ja immer junge Hübsche, die selbst so eine gewisse exhibitionistische Ausstrahlung haben, ein kurzes Röckchen, einen tiefen Ausschnitt. Absatzschuhe dienen doch nicht dazu, dass die damit besser laufen können. Ich würde nie vor einem Kind oder einer Oma die Hose runter lassen. Für mich geht es um einen genussvollen Blick. Wenn Frauen sich erschrecken, dann ist das abtörnend und nicht beabsichtigt. Als ich früher auf Schauzügen war, da mussten viele Frauen „dran glauben“. Weil sie mich ignoriert haben oder weggelaufen sind. Es kam schon vor, dass eine stehen geblieben ist und sich das angeguckt hat. Als ich fertig war, hab ich ihr zugerufen: Vielen Dank fürs Zusehen. Sie hat dann gesagt: gern geschehen.“

Auch auf der Rückfahrt zum Bahnhof lässt Esser nicht locker. Wir öffnen die Fenster, die Sonne scheint. Esser kurbelt mit einer Hand am Lenkrad, mit der anderen nagelt er seine Sätze in die Luft. Zwischendurch Schalten, Bremsen, Blinken. Exhibitionisten gebe es, denen habe man den Kopf aufgebohrt, bis ins Hirn, in den Psychiatrien. In den Selbstmord hätte man die getrieben. Arme Schweine. Er kenne keinen persönlich, gut. Aber er höre das ja immer wieder. Von Betroffenen.

Am Bahnhof gibt er uns die Hand, er hält etwas zu lange fest, will noch etwas sagen, lässt es aber sein. Als wir uns ein letztes Mal umdrehen, sehen wir, wie er unsicher auf dem engen Parkplatz rangiert. Er wendet, fährt rückwärts, stoppt, als sich jemand vorbei drängt. Wer ihn dabei beobachtet, sieht nicht den Redner, nicht den Aktivisten. Alfred Esser lebt nur, wenn er spricht. Jetzt ist er bloß ein alter Mann in einem grauen Zweckauto, der kurzsichtig über das Lenkrad gebeugt davonfährt.