Der Potente

Max Baumann will keine Kinder. Seine Gene gibt er trotzdem weiter. Dafür ejakuliert er regelmäßig in einen Becher

Text: Florian Schumann
Fotos: Hannah Senoner

Das Sperma von Max Baumann ist gut. So gut, dass er 80 Euro pro Becher bekommt. Doch Baumann ejakuliert nicht, weil er Geld braucht. Baumann macht es, weil er zufrieden mit sich ist. Er findet: „Lieber selbstverliebt als selbstvergessen.“

Seit knapp zwei Jahren geht Baumann in eine Samenbank in München. Weil er Qualität liefert, durfte er schon 20 Mal spenden. Normal sind zehn. Problemlos lassen sich Baumanns Spermien einfrieren und wieder auftauen. Selbst minus 196 Grad vernichten sie nicht. Schon nach ein paar Sekunden Raumtemperatur zucken sie nach links und rechts, wedeln mit dem Schwanz. Der Kopf misst nur fünf Mikrometer, enthält aber das Beste, was Baumann geben kann: seine Gene.

„Sobald Kinder da sind, ist das eigene Leben vorbei“

Baumann hat volles dunkles Haar, trägt Dreitagebart. Kleiner Bauchansatz, aufgeknöpftes Hemd, gebräunte Brust. Er ist gerade zurück aus Südeuropa. Das soll jeder sehen. Fünfmal im Jahr fährt Baumann in den Urlaub. Er hat studiert, arbeitet in München. Max Baumann ist 30 Jahre alt und heißt eigentlich anders. Nur eine Handvoll Leute wissen, dass er Sperma spendet. Und das soll auch so bleiben.

Seine Mutter nennt ihn einen Luftikus. Max Baumann dreht sich gern um sich selbst. Damit er sich weiterdrehen kann, hat er entschieden: „Ich werde kinderlos versterben.“ Viele in seinem Bekanntenkreis, seien glücklich, gerade weil sie keine Eltern sind. „Sobald Kinder da sind, gibt es keine anderen Themen mehr, das eigene Leben ist dann vorbei.“ Baumann beschäftigt sich gern mit Kindern, aber höchstens 30 Minuten.

Wer nur auf Geld aus ist, darf nicht spenden

Anfang 2016 füllt er auf der Website der Cryobank München einen Fragebogen aus, begründet, warum er spenden will und lädt ein Foto von sich hoch. Wenige Tage später wird er zur Probespende eingeladen.

In einem Aufklärungsgespräch erfährt er, was mit seinem Sperma passiert: schleudern, mikroskopieren, einfrieren in kleinen Plastikröhrchen, die straws genannt werden. Wenn die Spermien nach dem Auftauen immer noch wuseln, wird er als Spender aufgenommen. Baumann ist sich sicher: Sie werden wuseln.

Dann muss Baumann einer Psychologin seine Motive erklären. Wer nur auf Geld aus ist, darf nicht spenden. Gemessen am Aufwand sind 30 Euro pro Schuss sowieso nicht viel. Weitere 50 Euro gibt es erst, wenn Baumann den Zyklus aus zehn Spenden beendet hat und eine Blutuntersuchung ein halbes Jahr nach der letzten Spende unauffällig ist.

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Als Spender muss er sich auch einen Codenamen zulegen, mit dem seine Proben beschriftet werden. Listen mit Code- und Klarnamen hat nur ein Notar, der die Daten 100 Jahre aufbewahrt. So können die gezeugten Kinder ihren biologischen Vater finden. Baumann wählt einen Codenamen aus dem kulturellen Bereich. Genaueres ist geheim, auch für die Paare. Kataloge mit Spenderbildern gibt es hier nicht. Um das matching kümmert sich die Leiterin der Samenbank. Die Paare dürfen sich aber eine bestimmte Augen- oder Haarfarbe wünschen, damit es später nicht zu Überraschungen kommt, denn nicht immer sollen Freunde und Bekannte von der Samenspende erfahren.

Dann muss Baumann noch seine ganze Krankengeschichte offenlegen. Kein Krebs in der Familie, keine chronischen Krankheiten. Nach drei Stunden darf er endlich loslegen.

Der Fernseher ist für Doppel-D fast schon zu klein

Der Spenderaum ist im Keller. Eine Schwester begleitet ihn. Baumann bekommt einen kleinen Plastikbeutel mit einem Urinbecher. Da soll er rein masturbieren. Zweifel hat Baumann keine, er fragt sich eher, ob er den Becher treffen wird.

Er soll keine Seife oder Desinfektionsmittel auf den Penis schmieren, sonst sei die Mühe umsonst, sagt die Schwester. „Händewaschen wäre aber schön.“

Der Raum erinnert an ein zu klein geratenes Badezimmer. Weiße Fliesen, links ein blauer Stuhl, rechts ein Klo mit Hygienesiegel. Im Regal knapp 20 Porno-DVDs: Teen Tryouts 66, School Girl Bound 3, Private Best Orgies. Von der Chefin ausgesucht. Der Fernseher hat höchstens 24 Zoll, für Doppel-D fast schon zu klein. Aber Baumann ist sowieso eher der Print-Typ. In einem Schieber liegen ein paar abgegriffene Playboys. Luxus sieht anders aus, aber zum Kommen reicht es. Nach der vorgeschriebenen Karenzzeit von vier Tagen ist es sowieso „eine wahre Freude“. Wenige Minuten später schraubt er den Becher zu.

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Baumann will etwas von sich weitergeben, weil er gesund und „leidlich intelligent“ ist. Aber es ist nicht nur das. Baumann kommt vom Land. Dort ist Kinderlosigkeit immer noch ein Makel. Auch in seinem Münchner Freundeskreis gibt es Paare, bei denen es mit dem Nachwuchs nicht klappt. Baumann sieht, wie sie darunter leiden. Seine Gene weitergeben, keine Verantwortung für die Kinder haben und gleichzeitig noch Menschen helfen – für Baumann ist Samenspenden die Ideallösung. Und: „Es ist angenehmer als Blutspenden.“

Als sich herausstellt, dass seine Spermien gut genug sind, freut ihn das „auf einem ganz affenartigen Niveau“. Er weiß jetzt: „Wenn ich wollte, könnte ich Bäume pflanzend durch München marodieren.“

Gerade wird das erste Kind aus Baumanns Samen geboren

Eine Ex-Freundin sagte ihm einmal: „Ich mag, dass du deine Männlichkeit nicht in Frage stellst.“ Wer ihm zuhört, gibt ihr recht. Seinen ersten Bond sah er mit acht Jahren: Im Angesicht des Todes, Roger Moores letzter. Er sieht sich als Beschützer, als Verwöhner, als Tröster. Als einen, der Frauen noch den Mantel reicht. Alte Schule, aber kein Herr und Hündchen. „Nur bewundert werden, ist zwar am Anfang schön, aber auch schnell langweilig.“ Aktuell hat er zwei dauerhafte Affären, nichts Festes.

Gerade wird irgendwo das erste Kind aus seinem Samen geboren. Als Vater sieht er sich aber nicht. „Ich gebe meine Gene. Viel wichtiger ist die Liebe der Familie, die das Kind aufzieht.“ Was, wenn ein Kind ihn später kennenlernen will? Kein Problem, er würde zu seinen Gründen stehen. „Und das ist ja auch erst in frühestens 18 Jahren.“

„Ich wusste, dass irgendwas nicht stimmt“

Andrea Huber* fühlte sich in ihrer Familie oft fremd. Erst mit 39 erfuhr sie, dass ihr Vater nicht ihr Vater ist. Sie ist durch eine Samenspende entstanden. Mit ihren Eltern kann sie darüber nicht sprechen. Sie sehen Unfruchtbarkeit als Schande

The Stereotype: Wie viele Väter haben Sie?

Andrea Huber: Ganz klar zwei. Der Samenspender hat mir die Gene gegeben. Er hat dazu beigetragen, dass ich überhaupt auf der Welt bin. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Das ist schließlich genau das, was mein Vater mir nicht geben konnte, weil er zeugungsunfähig ist. Für mich ist es in Ordnung, wenn der Samenspender sein eigenes Leben hat, seine eigene Familie, sich nicht für mich interessiert. Er hat mir nicht als Kind das Fahrradfahren beigebracht, mich nicht finanziell unterstützt und so weiter. Aber das erwarte ich gar nicht von ihm. Dafür habe ich ja meinen anderen Vater. Er war immer für mich da.

Fehlt Ihnen nichts?

Nein, null! Mein sozialer Vater hat diesen großen Schritt gemacht und den Spender wie eine Krücke benutzt, damit ich überhaupt auf die Welt komme. Das rechne ich ihm hoch an. Er hat eben diese Schwäche im biologischen Aspekt seiner Männlichkeit.

Bedeutet Männlichkeit für Sie, fruchtbar zu sein?

Das ist nur ein minimaler Teil. Für mich bedeutet Männlichkeit vor allem, zu seinen Schwächen zu stehen. Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Kontinuität. Natürlich auch Stärke und dass man seine Lieben beschützen kann, aber besonders Klarheit und Orientierung. Die Gesellschaft hat Männlichkeit auf Potenz reduziert. Deshalb schämt sich mein Vater auch so, dass er keine Kinder zeugen kann.

Denkt er, er sei dadurch weniger wert?

Definitiv. Meine Mutter verteidigt ihn zwar einerseits, sagt aber immer wieder: „Du bist kein Mann. Du hast einen schlechten Penis.“ Aber das ist der verkehrte Weg. Sie müsste es meinem Vater verzeihen. Die Gesellschaft müsste es ihm verzeihen. Es müsste einfach in Ordnung sein. Man kann trotzdem männlich und ein guter Vater sein, auch wenn man kein Kind zeugen kann.

Hätten Sie sich gewünscht, dass Ihre Eltern Ihnen die Wahrheit früher gesagt hätten?

Ein Kind spürt, wenn der Vater nicht der Vater ist. Das Kind weiß das. Mein Vater hatte zwar trotzdem klare Aufgaben in der Erziehung. Aber ich habe gefühlt, dass er eine deutlich neutralere Rolle hatte als meine Mutter.

Was meinen Sie damit?

Rückblickend sehe ich das ganz deutlich. Wenn es wirklich ans Eingemachte ging, hatte mein Vater eher eine ausgleichende Funktion und weniger zu sagen. Er hat sich aus den Diskussionen rausgenommen. Ich habe mich oft nicht richtig zugehörig zu meiner Familie gefühlt und war immer sehr extrem unterwegs: im Sport, beim Partymachen und so weiter. Dadurch wollte ich wohl meine Identität finden. Ich wusste, dass irgendwas nicht stimmt. Aber ich hatte keine Ahnung, was.

Wann haben Sie beschlossen, dem nachzugehen?

Nach der Geburt meines ersten Kindes. Das ist ein Knackpunkt im Leben. Du musst dir darüber klarwerden, wer du selbst bist, um zu wissen, wie du mit deinem Kind umgehst. Da fing ich an, mich auf die Suche zu begeben. Das war vor ungefähr fünf Jahren.

Wie haben Sie gesucht?

Zuerst habe ich mehrere Familienaufstellungen gemacht. Dabei ordnet man fremde Personen stellvertretend für Familienmitglieder im Raum an, um Beziehungen zu analysieren. Bei einer davon kam heraus, dass mein Vater und meine Mutter sich eigentlich nicht kennen. Die Seminarleiterin riet mir, nachzuforschen. Also habe ich Verwandte und Freunde der Familie angerufen. Ein Bekannter meiner Eltern hat mir schließlich bestätigt, dass mein Vater nicht mein biologischer Vater ist. Meine Verwandten wussten es alle, und niemand hat es mir erzählt.

Haben Sie je mit Ihren Eltern darüber gesprochen?

Wir haben seit Jahren keinen Kontakt. Bei meinen Eltern ist das ein zu emotionales Thema. Sie wünschen sich so sehr eine heile Welt. Vor allem mein Vater ist streng religiös. Und seine Religion sagt: Wenn es nicht gottgewollt ist, kann man eben keine Kinder haben. Nachdem ich es erfahren hatte, habe ich es meiner Schwester erzählt. Sie hatte ein besseres Verhältnis zu meinen Eltern und hat sie einfach gefragt. Sie haben Ja gesagt, dann war das Telefonat beendet. Seitdem wird nicht mehr darüber gesprochen.

Haben Sie Hoffnung, dass sich das eines Tages ändert?

Ich habe meinen Eltern einen Brief geschrieben und versucht, anzurufen, aber es ist so ein explosives Thema, ich habe keine Chance, das anzusprechen. Sie müssten akzeptieren, dass es nichts mit Unmännlichkeit zu tun hat, wenn man nicht fruchtbar ist.

Haben Ihre Eltern mit Ihrer Schwester darüber geredet? Sie ist ja schließlich auch ein Spenderkind.

Sie haben ihr nur gesagt, dass sie in einer anderen Stadt gezeugt wurde als ich. Leider war es damals üblich, dass die verantwortlichen Ärzte alle Dokumente sofort vernichtet haben. Darum ist es sehr schwer, an Spendernamen zu kommen. Also habe ich es über das Internet versucht und bei einer großen amerikanischen Gendatenbank einen Test angefordert.

In den USA interessieren sich viele Menschen für Ahnenforschung. Gendatenbanken wie Family Tree DNA speichern die DNA von Personen aus der ganzen Welt und werben damit, dass man damit seine Vorfahren finden kann. Man muss nur eine Speichelprobe einschicken.

Ich habe mit dem Test eine Halbschwester in Straubing gefunden. Wir haben den gleichen Spendervater. Und wir haben noch Cousinen in den USA. Eine von ihnen hat einen riesigen Stammbaum. Sie hat Vorfahren bei der Mennoniten-Gemeinde in Markt Indersdorf bei Dachau. Dadurch konnte ich die Suche nach meinem biologischen Vater auf drei Nachnamen eingrenzen.

Wollen Sie das weiter vorantreiben? Sie könnten versuchen, die betreffenden Männer zu einem Gentest zu überreden.

Diese Erkenntnisse sind noch ganz frisch. Aber ja, es interessiert mich. Ich würde gerne wissen, wer das war, gern einen Namen haben. Trotzdem hat es nicht die oberste Priorität. Ich habe ja meinen sozialen Vater.

Zu dem Sie jetzt aber auch keinen Kontakt mehr haben.

Ja, aber er hat mir so viel gegeben, als ich ein Kind war.

Da ist keine Wut?

Nein, eher Traurigkeit. Weil es so gekommen ist. Und meinem Samenspender habe ich auch schon einen Brief geschrieben. Ich konnte ihn ja nicht abschicken, aber ich habe mich bedankt, dass er das damals gemacht hat. Seine Motive sind mir völlig egal. Ob er Geld brauchte oder seine Gene weitergeben wollte: Wichtig ist, dass er es überhaupt getan hat.

Was würden Sie ihm sagen?

Hey, du hast mir das Leben gegeben und ich habe dieses Leben weitergegeben. Ich habe zwei richtig coole Söhne, das habe ich daraus gemacht.

Er ist jetzt also Großvater.

Nur im biologischen Sinne. Eine Bindung entsteht erst mit dem Kontakt. Deshalb kann sie auch nicht enttäuscht oder gebrochen werden, weil es die Bindung überhaupt nicht gibt.

Haben Sie Ihren Kindern schon gesagt, dass der Opa nicht der richtige Opa ist?

Dem 6-Jährigen habe ich es gesagt. Er hat ganz ruhig reagiert. Kinder hinterfragen das nicht, sie sind noch nicht so geprägt von der Gesellschaft. Nur, indem wir Samenspende als etwas Normales hinstellen, schaffen wir es, dass sie nicht mehr verteufelt wird. Eltern, die sich in so einer Situation befinden, müssen psychologisch begleitet werden, damit sie dem Kind die Wahrheit nicht vorenthalten. Spenderkinder haben in Deutschland seit 2007 das Recht, ihren biologischen Vater kennenzulernen. Aber davon können natürlich nur Kinder Gebrauch machen, die überhaupt erfahren, wie sie entstanden sind. Ich kann allen Eltern, die Samenspende in Anspruch nehmen, nur sagen: Es ist keine Schande. Geht offen damit um! Dann seid ihr auch viel eher bereit, dem Kind die Wahrheit zu sagen.

Stellen Sie sich Ihren biologischen Vater manchmal bildlich vor? Fragen Sie sich, ob er Ihnen ähnlich ist?

Nein, überhaupt nicht. Es reicht mir, dass ich seine Gene und seine Stärke habe. Ich vermute, dass er körperlich gesund war, weil die Spender damals auch schon nach diesen Aspekten ausgewählt wurden. Vielleicht idealisiere ich da auch ein bisschen, aber ich denke, dass mir von der väterlichen Seite recht gute Gene weitergegeben wurden.

Glauben Sie, Sie werden Ihrem biologischen Vater eines Tages gegenüberstehen?

Ich denke, die Chance ist größer, über DNA-Tests noch mehr Verwandtschaft zu finden. Ob da jetzt mein Vater dabei ist oder nicht: Je näher die Verwandtschaft, desto schöner ist es natürlich. Wenn gegenseitiges Interesse an einer Bindung besteht, umso besser. Aber es steht nicht an oberster Stelle. Ich bin Vollzeit-Arbeitnehmerin, Vollzeit-Mama. Seit ich die Wahrheit kenne, bin ich zufriedener geworden.

*Name von der Redaktion geändert