Der Schläger

Sebastian Klinger*, 25, war nie gewalttätig. Bis vor drei Jahren. Dann prügelte er einen Mann ins Krankenhaus

Protokoll: Nabila Abdel Aziz
Foto: Vivian Rutsch

„Ich fick’ deine Mutter“, brüllte er. Der Typ hatte meine Kumpels und mich schon minutenlang beschimpft, aber jetzt schien er nur auf mich fixiert. Wir waren alle schon unglaublich betrunken und vom Maifest in Moosach noch in eine Bar weitergezogen, tranken dort stundenlang. Tequila, Schnaps und immer wieder Bier.  Die Stimmung war aufgeheizt, es roch nach Schweiß und Alkohol. Der Typ schrie mich immer weiter an. Ich spürte, wie ich wütend wurde, es immer schwerer fand, mich zu beherrschen. Dann rannte er plötzlich auf mich los, holte zum Angriff aus. Ich duckte mich weg, er verfehlte mich, ich traf ihn mit der Faust ins Gesicht. Das war der erste Schlag. Notwehr. So sah das später auch der Richter. Wäre ich danach nur weggegangen.

Der Typ ging von der Wucht zu Boden. Doch er versuchte, sofort wieder aufzustehen. In diesem Moment setzte etwas in mir aus, ich war wie im Rausch. Ich trat mit einer wahnsinnigen Kraft gegen seinen Kiefer. Sein Kopf schlug mit einem furchtbar krachenden Geräusch auf dem Asphalt auf. Er bewegte sich nicht mehr. Für den kleinsten Teil einer Sekunde spürte ich ein Gefühl der Befriedigung und des Triumphes: Dem hatte ich es ein für alle Mal gezeigt. Aber im nächsten Moment – ein unerträgliches Entsetzen. War er tot? Und dann die Panik. Um uns herum eine Menschenmenge, Zeugen. Ich schrie, jemand solle einen Arzt rufen. Meine Freunde schrien, ich solle abhauen, schnell, jetzt. Ich rannte. Zwölf Tage später wurde ich verhaftet, später verurteilt. Kein Gefängnis, aber über 40 000 Euro Schulden, Schmerzensgeld und Gerichtskosten.

In den Tagen nach der Tat schlief ich kaum, rechtfertigte mich vor mir selbst, sagte mir, dass ich es hatte tun müssen. Aber gleichzeitig war da auch die Angst: Ich wusste nicht, wie schwer er verletzt war. Später erfuhr ich, dass ich dem Mann dreifach den Kiefer gebrochen hatte. Dadurch verlor er seinen Geschmacks- und Geruchssinn.

Es fiel mir schwer, meinen Eltern nach der Tat ins Gesicht zu sehen. Ich bin ihr einziges Kind und wohne immer noch zu Hause. Wie immer reagierte meine Mutter besorgt. Mein Vater, der sonst selten mit mir spricht, sagte zu mir: „Das ist nicht der Sohn, den ich großgezogen habe.“ Das traf mich tief. Die Bundeswehr verließ ich nach vier Jahren im Dienst, um nicht unehrenhaft entlassen zu werden. Eine beschissene Zeit. Nur meine Freunde bestärkten mich in der Tat. Sie halfen mir dabei, meine Schuld zu verdrängen. Es dauerte lange, bis ich sie mir eingestehen konnte und dieses Eingeständnis war verdammt hart.

Ich weiß heute, dass viele aggressiv werden, weil sie sich selbst als wertlos empfinden. Als Jugendlicher wurde ich ausgegrenzt, weil ich das Gesicht voller Pickel hatte. Später habe ich mich durch meine Kumpels stark gefühlt. Ungefähr zwanzig Mann, wie eine Truppe. Wir gegen die Welt.

Unsere Idee von Männlichkeit drehte sich um Aggression, Dominanz und vor allem Alkohol. Wenn wir uns trafen, tranken wir, hatten immer wieder Stress mit anderen. Ich wurde oft laut, wie ein Tier, das sich vor einem Angriff schützen will und droht: „Mit mir kriegt ihr Stress, wenn ihr mir zu nahe kommt.“ Zugeschlagen hatte ich aber nie – bis zu diesem Tag.  Mittlerweile habe ich zu vielen Kumpels keinen Kontakt mehr.

Mein Leben hat sich seit meiner Verurteilung verändert. Ich habe eine Lehre angefangen und nehme an einem Anti-Aggressivitäts-Training teil. Anfangs dachte ich, das brauche ich nicht. Aber jetzt weiß ich, dass es mir geholfen hat, meine Schuld anzunehmen. Heute bin ich gegen Gewalt, aber ich denke, in manchen Situationen ist sie gerechtfertigt. Dann, wenn es darum geht Menschen zu beschützen.

Was mich aber abschreckt: Männer, die immer wieder Lust verspüren, andere zu verletzen. So will ich nicht werden. Aber ich hatte ihn, den kurzen Moment, in dem sich die Gewalt gut anfühlte. Ich weiß jetzt, dass es in mir eine Aggressivität gibt, die gefährlich ist.  Aber ich lerne, sie zu beherrschen. Und ich will anderen dabei helfen, vielleicht als Ehrenamtlicher in der Jugendarbeit.  Meine Tat hat mir gezeigt: Wenige Sekunden reichen, um Leben zu erschüttern. Ein Leben hätte ich fast auf dem Gewissen gehabt.

*Name von der Redaktion geändert