Der Sugardaddy

Harry mag junge Frauen, früher fand er sie bei seinen Reisen nach Osteuropa, heute kauft er sie im Internet

Text: Sophia Bogner
Fotos: Manuel Stark

Harry wühlt sich durch einen Stapel Papiere. Er sucht ein Bild einer Frau, sucht Zettel, sucht irgendwas, nachdem er greifen kann. Auf einem Blatt steht in einer ordentlichen Handschrift „Valerie“ – er hat sie gefunden, das Sugarbabe, das ihn am meisten enttäuscht hat. Mit seinem Finger unterstreicht er ihren Namen.

Das erste Mal chattet er Anfang 2015 mit Valerie. Um 1:42 Uhr erklärt sie ihm, dass sie „eine Seelenverbindung“ sucht, aber keine Beziehung, lieber etwas Unkompliziertes. Um 1:54 Uhr schreibt er: „Ein monatliches Budget von 2.000 bis 5.000 Euro kann ich nicht bieten.“ Valeries letzter Sugardaddy war Politiker. Sie schreibt, dass er ihr monatlich „glatte 3.000 Euro in die Hand gedrückt hat“. Zwei Tage später schreibt Harry: „Wahrscheinlich merkst du schon, dass du mir wichtig bist.“ Bisher hat er nur ein Foto gesehen, noch nie mit ihr telefoniert.

Harry hat Valerie im Internet gefunden, auf Mysuggardaddy, einer Internetseite, auf der reiche Männer junge Frauen kaufen. Das Verhältnis von Sugardaddies zu Sugarbabes ist eins zu neun. Harry, der natürlich nicht Harry heißt, ist einer dieser Sugardaddies. Er ist 66 Jahre alt, auf seinem Profil ist er 52.

Harry ist stolz, dass die Frauen ihn anschreiben

Harry fährt den Rechner hoch und tippt www.mysugardaddy.eu. Noch bevor er alle Buchstaben eingegeben hat, schlägt ihm sein Browser die Webseite vor. Der Computer weiß, was Harry will, und Harry weiß, dass er auf dieser Seite findet, was er sucht. Er sitzt gebeugt auf einem Stuhl. Seine Nase berührt fast den Bildschirm, die Lesebrille, die vor ihm liegt, ignoriert er. Er hat keine neuen Nachrichten. Valerie hat sich nicht gemeldet. Dafür haben Bigwonder, VeronikaJTX, Tiany und Sugarbabeee ihm virtuelle Küsse geschickt. Sie alle sind zwischen 18 und 25 Jahre alt, stellen immer die gleichen Fragen: „Würdest du mich finanziell unterstützen? Würdest du mich gerne kennenlernen?“ Harry weiß, wie banal das ist, trotzdem ist er stolz: „Ich suche eigentlich nie eine Frau, wenn, dann werde ich angeschrieben.“ Das ist der Vorteil dieser Seite, sagt er, dass die Frauen auf einen zu kommen. Bei normalen Partnervermittlungen müsste er wochenlang „rumbaggern“.

„Meine Idealfrau: ein Fetzenweib, mit breiten Schultern und kräftigem Körper“

Harry ist pensionierter Psychiater und ehemaliger Chefarzt einer Klinik in Bayern. Er ist 1,80 Meter groß, hat einen kleinen Bauch und graues Haar. Seine Idealfrau beschreibt er so: „Eine Walküre muss sie sein, jung und groß, ein mächtiges Fetzenweib, mit breiten Schultern und einem kräftig-athletischen Körper.“ 40 Sugarbabes hat er bereits getroffen. Jede hat er akribisch abgeheftet. Er holt zwei Ordner aus dem Aktenschrank. Auf den Registerkarten ihre Namen: Verena, Natascha, Alesia, Julia – Frauen ohne Nachnamen, aber mit Foto.

Es sind osteuropäische Frauen, klein und zierlich, mit runden Gesichtern und hohen Wangenknochen. Er sieht sich ein Bild von Valerie an. Sie lächelt, fährt sich mit der Hand durch das lange braune Haar. Das Foto ist so angeschnitten, dass der Betrachter nicht weiß, ob sie nackt ist oder ein tief sitzendes Oberteil trägt. Natürlich ist sie attraktiv, natürlich ist sie jung, natürlich hat sie einen lasziven Blick. „Meine Verliebtheit zu ihr ist klebrig“, sagt Harry.

Er verachtet seine Ex-Frau

Früher hat sich Harry nicht als Sugardaddy bezeichnet, aber seine Frauen waren immer schon jung. Die Mutter seines Sohnes ist elf Jahre jünger als er. Eine Akademikerin aus reichem Elternhaus. Sie trank, weil er sie quälte oder er quälte sie, weil sie trank, so genau weiß er das nicht mehr. „Durch meinen Beruf kann ich mich gut in andere einfühlen“, sagt Harry, „das habe ich als Waffe benutzt. Es war ein subtiler, grausamer Sadismus. Ich habe sie verachtet, weil sie sich nicht von mir befreien konnte.“

Er hasste es, dass seine Frau ihr Leben nicht im Griff hatte und liebte es, wenn der Alkohol sie enthemmte: „Wenn Sie getrunken hatte, war sie eine Granate im Bett. Nüchtern war sie langweilig.“ Nach drei Jahren ließen sie sich scheiden.

Harry liebt die Extreme. Er dominiert oder unterwirft sich in Beziehungen. „Mein Vater war Kommunalpolitiker, bayerisch, bodenständig. Meine Mutter war dominant, starrköpfig und rechthaberisch. Mein Vater hing von ihr ab, hat sie sogar Mama genannt, es war ein tiefer gehendes Mama.“ Die Beziehung seiner Eltern schreckt Harry ab, trotzdem sucht er masochistische Verhältnisse: „eine Frau, die mich quält.“

Nach der Scheidung lernt er sein erstes Sugarbabe kennen. Für sie hat er das Haus gekauft, in dem er heute alleine lebt. Als sie sich auf einem Parkplatz treffen, denkt er: „Oh Gott, ist die hässlich.“ Aber sie will Sex und hat eine „extrem erotische Ausstrahlung“. Als Gegenleistung verlangt sie eine Haar-Extension. Nach einem Jahr endet die Beziehung.

Sein Sohn, den er alleine großgezogen hat, bringt sich mit 19 Jahren um. Harry, der immer noch sehr katholisch ist, fährt nach Rom zur Seelsorge. Alleine im Hotelzimmer liest er in der Zeitung von der Sugardaddy-Plattform. Er meldet sich an. „Ich wollte nicht mehr nur einen Toten lieben. Es war schmerzstillend, jemand Lebendigen zu suchen“, sagt er heute.

Nicht ein einziges Mal haben sie Sex gehabt. Sie wollte nicht. Er fand es trotzdem schön

Mit seinem zweiten Sugarbabe ist Harry vier Jahre zusammen. Sie fahren in den Urlaub. Schlafen in einem Bett. Nicht ein einziges Mal haben sie Sex. „Sie wollte nicht“, erklärt er, „ich fand es trotzdem schön“. Harry zeigt Urlaubsbilder: Mittelmeer, Bayrischer Wald. Auf den Fotos ist meistens eine zweite junge Frau zu sehen. „Wir hatten immer einer Übersetzerin dabei.“ Harry spricht kein Ukrainisch.

Harry mit seinem zweiten Sugarbabe in Italien. Einer der schönsten Urlaube meines Lebens, sagt er.

 

Mit Valerie spricht er Deutsch. Zwei Jahre schreiben sie sich fast täglich.

Harry: „Ich habe immer Angst, dass du ohne Abschied die Kommunikation abbrichst.“

Valerie: „Gefall ich dir so?“

Harry: „Ja, so wie du schreibst, das gefällt mir.“ Dann: „Du bist wirklich toll, sorry, dass ich es immer wieder sagen muß.“

Valerie: „Bist du verheiratet / vergeben?“

Harry: „Mehr allein als ich geht kaum noch.“

Als er Valerie vier Tage kennt, fragt er: „Wie wär’s mit einem Wochenende Palma de Mallorca?“

Sie antwortet: „Ich fahr überall mit.“

Später schreibt sie: „Ich empfinde es mit dir als ‚endlich ankommen’. Es ist mühsam, sich durch die Profile zu schlagen.“

Er antwortet: „Auch ich habe das Gefühl des Angekommen-Seins.“

20.000 Euro hat Harry für Valerie ausgegeben 

Bald überweist er ihr 2.000 Euro im Monat. Zwei Mal haben sie Sex, danach meldet sie sich kaum mehr. Aus dem Mallorca-Urlaub ist nichts geworden. Insgesamt hat er 20.000 Euro für sie ausgegeben.

Alles was ihm von ihr geblieben ist, liegt ausgebreitet auf seinem Schreibtisch. Hotelrechnungen, Strafzettel, Mietüberweisungen, Flugtickets, 18 Seiten Chatverlauf und ein dreiseitiger Brief:

 

Liebe Valerie, in den Presseberichten über Syrien ist immer wieder das Wort von der „roten Line“, die Assad nicht überschreiten soll, gebraucht worden. Nun, in unserer Beziehung hast du letzten Sonntag die rote Linie überschritten. Ich habe dir schon gesagt, dass ich zwar in dich verliebt bin, aber dass ich vor allem nicht blöd bin. In dem Sugardaddy-Forum gibt es eine Vielzahl von Machos, Perversen und Notgeilen, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind nicht naiv. Sonst hätten sie nicht so viel Geld. Es warst du, die mich ausgesucht hat. Nicht ich dich. Das erste Wochenende war wohl wichtig für dich, um mich zu kriegen. Und du hast mich gekriegt! Ich habe mich wegen des wunderbaren Sex in dich verliebt, nicht wegen deiner spröden, wortkargen und kalten Art, mit mir umzugehen. Danach gab es nur noch Absagen, Ausreden und Lügen! Du hast wohl vergessen, was die Grundidee der Sugardaddy-Seite ist. Da geht es um Geld gegen Sex! Das ist dir auch sonnenklar gewesen, sonst hättest du mir nicht sofort und unaufgefordert ein Oben-ohne-Bild geschickt. Und dann kam auch noch eine Großaufnahme deiner Muschi nach! Ich fand’s nicht so geil, weil es reduktionistisch ist, aber gut, die Richtung war unmissverständlich. Ja, liebe Valerie, auch mir geht es um Sex! Und zwar 2x pro Monat für 1.000 Euro! So wie ich bin, habe ich alle unsere Chats ausgedruckt und hab’s damit sozusagen schwarz auf weiß! ….“

 

Wenn Harry heute von Valerie erzählt, ist er immer noch enttäuscht. Sie haben ihre Beziehung beendet. Trotzdem meldet sie sich hin und wieder, fragt nach Geld, erzählt ihm von ihrem Alltag.

Früher dachte er, er könne durch Geld so viel Kontrolle ausüben, dass die Frauen bei ihm bleiben. Heute weiß er, er hat sich getäuscht – die Frauen, die er sich aussucht, dominieren ihn.

Valerie schickt ein Foto von sich und ihrem Freund, knutschend. Harry betrachtet es lange. Dann sagt er: „Eine Sugardaddy-Beziehung hat immer auch ein bisschen was von einer Tochterbeziehung. Wenn ich eine Tochter hätte, käme irgendwann der Zeitpunkt, wo ich sie als Vater gehen lassen müsste und sie sich einen jüngeren Mann nimmt.“

Harry schaut auf den Bildschirm, auf seine Ordner, überall liegen Zettel und Fotos, sein Handy vibriert. Eine Nachricht von Valerie. Sie braucht 150 Euro, um einen Strafzettel zu bezahlen. Er schüttelt den Kopf, schließt das Chatfenster, steht auf und räumt mit einer Handbewegung die Zettel beiseite. Er legt die Fotos auf einen Stapel, wendet sich ab, holt einen Stift und schaut wieder auf sein Handy. Es dauert eine Ewigkeit. Dann vermerkt er in einem seiner Ordner: „150 Euro an Valerie“.