Der Waffennarr

Millionen Menschen sehen auf Youtube zu, wenn Jörg Sprave Waffen baut und Dinge sprengt.
Als die Welt über PokémonGo redet, steckt er seine Frau in ein Kostüm und jagt sie mit einer Schleuder

Interview & Fotos: Manuel Stark
Video: Vinzent Leitgeb

Herr Sprave, Sie haben mehr als 100 Waffen entworfen und gebaut. Mit welcher schießen Sie am liebsten?

Jörg Sprave: Meine Lieblinge sind vollautomatische Armbrüste, die durch eine Bohrmaschine angetrieben werden. Wie die das Ziel in ein Nadelkissen verwandeln – das macht Spaß. Auch meine Klobürsten-Armbrüste mag ich sehr. Wenn ich damit auf Wassermelonen schieße, explodieren sie und der rote Saft spritzt.

Sie sind ein Waffennarr.

Nein. Mir geht es um das Basteln. Das Tüfteln. Das Testen. Ich habe kein Bedürfnis, mich zu bewaffnen.

Warum bauen Sie dann Waffen? Tüfteln kann man auch an weniger gefährlichen Dingen.

Ich mag präzise und gut funktionierende Mechaniken. Außerdem fasziniert mich die Kontrolle über Energie. Gewaltige Schusskraft in einer Fingerspitze. Wenn ich eine abgefahrene Konstruktion baue, den Abzug drücke und dann alles funktioniert, ist das eine ungeheure Selbstbestätigung.

Sieben Millionen Menschen schauen sich jeden Monat Ihre Youtube-Videos an. Begeistern die sich alle nur für Mechanik?

Ich bin auch Entertainer. Als Pokémon Go steil ging, habe ich meine Frau in ein Pokémon-Kostüm gesteckt und sie mit einer selbstgebauten Pokéball-Schleuder gejagt. Zum Schluss habe ich ein Stofftier in die Luft gesprengt und geschrien: „Yeah, gefangen!“ Natürlich war diese Parodie eine Ausnahme. Ich bin so erfolgreich, weil es einen großen Anteil von Männern gibt, die sich bewaffnen möchten. Wieso auch immer.

Sind Waffen etwas typisch Männliches?

Meine Fangemeinde besteht zu 95 Prozent aus Männern und zu fünf Prozent aus Lügnern, die behaupten, sie wären Frauen.

Ist Ihr Youtube-Kanal denn ein Waffengeschäft?

Er gehört definitiv zur Waffenbranche. Lizenzen brauche ich aber nicht. Armbrüste, Bögen und Schleudern sind in Deutschland lizenzfrei. Eine durch einen Bohrer betriebene Automatik-Armbrust bleibt eine Armbrust. Einige Waffen biete ich in einem Online-Store an, den ich gerade aufbaue.

Haben Sie keine Angst, dass Kinder an Ihre Waffen gelangen?

Beliefert werden nur Personen ab 18, obwohl man Schleudern auch an Minderjährige verkaufen darf. Bei Bestellungen lasse ich mir Altersnachweise schicken.

Und was ist mit den Youtube-Videos? Das sind doch Anleitungen zum Waffenbau.

Ich werde oft angezeigt, beispielsweise als ich Youtuber aus Österreich für ein gemeinsames Video mit Eiern beschossen habe. Es gibt Menschen, die regen sich über alles auf. Bisher wurden alle Ermittlungen sofort wieder eingestellt. Ich halte mich an geltendes Recht und stelle zu gefährlichen Waffen keine Anleitung online.

Wann ist eine Waffe gefährlich?

Das entscheide ich nach Augenmaß.

Kann man Ihre Waffen zur Jagd einsetzen?

Mein Vater war Jäger, ich finde es grauenhaft, etwas totzuschießen. Ich lehne Gewalt in jeder Form ab.

Und Ihre Fans?

Ich preise meine Schleudern nicht als Jagdwaffen an. Aber mit jeder Waffe wird wohl mal auf ein Tier geschossen. Wenn jemand Bilder davon postet, wie er auf Tauben, Katzen oder Kaninchen schießt, finde ich das schrecklich. Ich sage diesen Idioten dann auch, dass ich solche Aktionen scheußlich finde.

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Löschen Sie solche Beiträge?

Nein. Bei mir findet keine Zensur statt. Ich spamme diese Leute dann mit Kochrezepten zu. Das treibt die Idioten, die sich mit solchen Bildern brüsten wollen, in den Wahnsinn.

Sie haben Ihren Job als Manager aufgegeben – für den Waffenbau.

Ich brauchte ein Ventil für meine Kreativität. Wenn ich in meiner Werkstatt bin und baue, dann kann ich mich völlig verlieren. Dann denke ich an nichts anderes mehr. Als Manager sitzt du in Konferenzen, weist andere an, steuerst sie. Aber du tust nichts selbst. Du bist nur so gut wie deine Leute. Mit den Waffen hatte ich endlich etwas, das ich alleine machen konnte.

In Ihrem ersten Monat als Youtuber bekamen Sie 88 Euro. Wie viel verdienen Sie heute?

Derzeit liegt mein Jahresgehalt im sechsstelligen Bereich. Um das Geld geht es mir aber nicht. Sonst hätte ich auch in meinem alten Job bleiben können. Zuerst habe ich Videos nur als Hobby am Wochenende gedreht. Das lief besser als erwartet und als mein Vertrag auslief, verließ ich das Unternehmen und konzentrierte mich auf die Videos.

Am Anfang hatten Sie also kein finanzielles Interesse an Youtube?

Ich bin ein ehrgeiziger und erfolgshungriger Mensch. Ich habe versucht, mich so zu verhalten, dass es auf Youtube gut ankommt. Ich bin eben Kaufmann mit Leib und Seele. Alles, was ich tue, hat einen kommerziellen Hintergrund. Immer.

Könnten Sie sich vorstellen, ins Management zurückzukehren?

Ich könnte keine repräsentative Funktion in einem Börsenunternehmen mehr ausüben. Auf der einen Seite soll ich der Chef von einigen Hundert oder Tausend Mitarbeitern sein, gleichzeitig ballere ich in Internet-Videos mit Klobürsten auf Wassermelonen. In Deutschland ist das nicht vereinbar. Und ich habe nicht vor, in die USA auszuwandern.

Haben Sie keine Angst, nicht mehr ernst genommen zu werden?

Ich bin viel zu sehr Macho, um mir darüber Gedanken zu machen. Wem nicht gefällt, was ich mache, der soll sich doch verpissen.