Der Vater

Benjamin Pulz ist ohne Vater aufgewachsen. Im vergangenen Jahr hat er selbst einen Sohn bekommen. Er hat ihm einen Brief geschrieben

Konzept: Vinzent Leitgeb
Foto: Chiara Wettmann

Lieber Jakob,

„was bedeutet das denn jetzt?“, habe ich deine Mama gefragt. „Na, dass du Papa wirst“, hat sie geantwortet. Ich habe völlig verständnislos auf den Schwangerschaftstest geschaut. Ich war fassungslos. Glücklich. Ängstlich. Unsicher. Aufgeregt. Ratlos.

So viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Einige hatten sich schnell wieder erledigt: Wie machen wir das mit dem Nachnamen? Ich habe den deiner Mama angenommen, damit wir alle drei gleich heißen. Die großen Fragen blieben aber bis heute: Was bedeutet es, Papa zu sein? Wie werde ich ein guter Vater? Ich selbst bin ja ohne Vater aufgewachsen.

Immer und immer wieder habe ich bestimmte Phasen und Situationen durchgespielt, in denen du mich als Vater brauchen könntest. Geduld zum Beispiel, wenn du auf alles mit einem Warum antwortest. Ich bin wirklich alles andere als geduldig. Aber schon in den ersten sechs Monaten deines Lebens hast du mir beigebracht, ruhiger zu werden und mir Zeit zu nehmen. Ich weiß jetzt, dass wir gemeinsam wachsen.

Immer noch denke ich darüber nach, was wir als Vater und Sohn unternehmen können. Wir könnten Fußball spielen oder ins Stadion gehen. FC-Bayern-Mitglied bist du ja schon. Aber ich mache mir Sorgen, dass du das gar nicht mehr willst, wenn du in die Pubertät kommst. Ich will nicht dein bester Kumpel sein. Das wäre seltsam. Aber ich will, dass wir es schaffen, zusammen abzuhängen.

Und was machen wir davor – jetzt, wenn du noch klein bist? Vielleicht habe ich deshalb vor den kommenden Monaten am meisten Angst. Weil ich nicht einfach sagen kann: „Hey, was ist los?“, oder: „Reiß dich zusammen!“ Wir müssen irgendwie einen Weg finden, miteinander zu sprechen. Ich bin jetzt ein halbes Jahr in Elternzeit. Da werden wir das herausfinden.

Manchmal frage ich mich: Wie hätte sich mein eigener Vater verhalten? Aber ganz ehrlich: Ich habe keine Antworten. Das letzte Mal habe ich mir diese Fragen als Jugendlicher gestellt. Damals eher aus Trotz. Weil ich ein persönliches Drama gesucht habe, das es eigentlich nicht gab. Denn meine Freunde waren immer für mich da. Mir fehlte nichts. Ich hatte nie das Bild eines Vaters vor Augen und habe auch unter den Eltern meiner Freunde nie nach einem Ersatz gesucht.

Aber ich habe aus dieser Zeit etwas gelernt: Es gibt keinen Unterschied zwischen Vater und Mutter. Meine Mutter war immer mein sicherer Hafen. Klar, vielleicht habe ich mal einen Anschiss bekommen, wenn ich mit dem Fahrrad einen BMW komplett zerkratzt habe. Aber egal welchen Mist ich gebaut habe, sie hat immer zu mir gehalten. Ein Vater sollte das genauso tun. Der einzige Vorteil, wenn beide Eltern da sind, ist, dass zwei Menschen mehr Kraft haben als einer. Selbst wenn deine Mutter und ich uns trennen sollten, will ich, dass jeder Streit dort endet, wo es um dich geht. Wir werden dich immer unterstützen.

Ob du dich uns beiden anvertraust oder du dir von uns jeweils etwas anderes erwartest, ist deine Entscheidung. Egal wie es dann sein wird: Ich will, dass du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst. Es gibt nichts, das schlimm genug sein könnte, dass ich dich je fallen ließe. Wahrscheinlich kann ich nicht immer helfen. Aber ich werde immer mein Bestes tun und mein Äußerstes geben.

Du wirst in einer Gesellschaft aufwachsen, die behauptet, dass du auf dem Weg vom Jungen zum Mann möglichst wenig Gefühle zeigen darfst. Und immer stark sein musst. Ich halte das für Quatsch. Ich hoffe, dass du in deinen dunkelsten Stunden an meine Worte denkst. Wenn du dich ganz alleine, verloren und verlassen fühlst. Bei mir bist du immer willkommen. Nichts ist zu klein. Nichts zu dumm. Nichts zu lächerlich. Was dich bewegt, ist mir wichtig. Und das so lange, bis ich meinen letzten Schnauferer tue.

Dein Papa

Über deinen Vater

Ein Sohn wird durch nichts stärker geprägt als durch die Beziehung zum Vater, heißt es. Doch was denkt eine Mutter darüber? In einem Brief an ihren Sohn Jakob erklärt Laura Pulz ihm, warum er das Feuermachen nicht von einem Mann lernen muss

Foto: Magdalena Pulz

Lieber Jakob,

seit du auf der Welt bist und Menschen dich kennenlernen, wird davon ausgegangen, dass du und dein Vater eine besondere Bindung und Ähnlichkeit haben. Weil du ein kleiner Junge bist. Deswegen seid ihr beide schon qua Geburt im Vater-Sohn-Geheimbund. Das scheint zu heißen: Du wirst mit deinem Vater als Vorbild aufwachsen und er wird dir alles Wichtige beibringen über das Mannsein. Egal ob Fußball, das erste Bier oder das Überleben in der Wildnis – Väter und Söhne teilen diese Momente, oder besser: diese Triumphe der Männlichkeit, miteinander.

Grundsätzlich halte ich das für ziemlichen Quatsch. Das Gute ist: Du hast einen tollen Vater, von dem Mann eine Menge lernen kann! Nicht zuletzt darüber, was es bedeutet, ein guter Vater zu sein. Nicht nur, weil er genau wie ich deine Windeln wechselt und dich dabei zum Lachen bringt. Sondern vor allem auch, weil er sich (Eltern-)Zeit nimmt, um dich kennenzulernen. Wir haben uns dieses erste Jahr mit dir gerecht geteilt, weil wir beide für dich verantwortlich sind – und gleich gut für dich sorgen können und wollen. Damit du lernst, dass beide Elternteile Familienarbeit leisten können (und sollten) – und vor allem auch, dass beide Elternteile die Familie ernähren können.

Männer müssen nämlich nicht unbedingt die Ernährer sein – das kannst du dir gleich abschauen! Immer wieder stolpern wir mit dieser Überzeugung leider über Vorurteile und Rollenvorstellungen. Viele verstehen nicht, dass ich schon nach sechs Monaten wieder Vollzeit arbeite. Das gibt mir das Gefühl, eine Rabenmutter zu sein. Deinem Papa vermittelt es den Eindruck, nicht für dich sorgen zu können. Wir müssen deshalb wahnsinnig viel nachdenken und miteinander diskutieren. Um nicht in diese alten Muster zurückzufallen. Um herauszufinden, wie wir die Erziehungsarbeit gerecht und gleich aufteilen – unabhängig von Stereotypen.

Diese Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rollen bedeutet für deinen Papa, seine Vaterrolle eigenständig zu gestalten. Um dir ein möglichst guter Papa zu sein – nach seinen Möglichkeiten und deinen Bedürfnissen. Das Wissen, nicht perfekt zu sein und vielleicht Fehler zu machen, ist dabei am schwierigsten auszuhalten. Vor allem, wenn es so wenige gute Beispiele und Vorbilder gibt – und der Druck so hoch ist. Die Angst vor dem Scheitern ist fast so schlimm wie die Sorge, ob wir alles richtig machen. Dein Papa wird dir dabei vorleben, dass „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ nicht männlich ist, sondern feig. Mutig ist, wer seine Emotionen aushält und sich traut, sie zu zeigen. Ich glaube, du kannst dich darauf verlassen, dass dein Papa immer ehrlich mit dir sein wird. Er wird manchmal schwach sein, ängstlich und unsicher – aber immer ehrlich und dadurch umso stärker.

Auch wenn ich vielleicht nicht an den geheimen Vater-Sohn-Bund glaube, die Gesellschaft tut es. Dadurch gibt es tatsächlich eine besondere Verbindung zwischen euch – weil du eben nicht nur zum Menschen, sondern auch zum Mann heranwächst. Ich hoffe, du kannst möglichst oft in deinem Papa ein Vorbild sehen. Dafür, wer und wie du sein willst. Und bestimmt wird dein Papa dein erstes Bier mit dir trinken – und ziemlich sicher wird er alle Fußball-Momente mit dir teilen, falls du da Interesse zeigst.

Wenn du allerdings lernen willst, wie Mann Feuer macht, können auch wir beide gerne einen Ausflug machen. Außer du hast dir von deinem Papa abgeschaut, dass Mann diesen Triumph auch gut anderen überlassen kann.

Deine Mama